Das Figurentheaterfestival „Spielformen“ bringt Mitte Oktober renommierte Ensembles nach Esslingen. Mit neuer Ästhetik knüpft es an eine alte Tradition an.
Wenn das Figurentheaterfestival „Spielformen“ vom 16. bis 19. Oktober in Esslingen die Puppen tanzen lässt, kommt das nicht von ungefähr. Wurden doch etliche Fäden, an denen Marionetten, Figuren, Objekte oder Aufführungsmöglichkeiten hingen, von Pionieren der Szene in der Stadt gezogen. Zum Beispiel von Beate Paulus, die 1955 in Esslingen den ersten Puppenspielertreff ins Leben rief. Später tourte er durchs Ländle. Oder Wilhelm Preetorius, Landesbühnenschauspieler und Nestor des Puppenspiels: Er verschaffte den Gliedermännern und -frauen eine eigene Bühne an der Esslinger Landesbühne. 1984 ging aus ihr das Literarische Marionettentheater (LIMA) hervor und zog in die Landolinsgasse.
Preetorius nahm auch am Esslinger Puppentheaterfestival 1979 teil, dem letzten einer 1974 begonnenen, 1976 fortgesetzten Serie. Auch an diese Tradition will ein halbes Jahrhundert später das städtische Kulturamt anknüpfen, das die „Spielformen“ gemeinsam mit dem Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg und lokalen Akteuren veranstaltet.
Die Idee, erzählt Kulturamtsleiterin Alexa Heyder, kam vor dreieinhalb Jahren sozusagen persönlich in ihr Büro. Roland Steeb und der inzwischen verstorbene Werner Bolzhauser vom Verein „Kultur am Rande“ plädierten für ein Esslinger Puppentheater-Revival. Große Überredungsgabe brauchten sie nicht. Heyder war sofort mit von der Partie.
Miniaturformat und Maximalgröße in Esslingen
Mit dem Amateurtheaterverband gewann die Stadt einen auch finanziellen Mitstreiter, der fast die Hälfte des 50 000-Euro-Budgets trägt. Man holte LIMA-Leiter Andreas Weiner und die Landesbühne mit ins Boot, auch das Schreiber-Museum mit seinen Papiertheatern darf selbstverständlich nicht fehlen. Auf einem davon wird „Schneewittchen“ im Miniaturformat gespielt. Anderes Extrem: die 16 Meter hohe Kasper-Figur der Stuttgarter Künstlerin Stefanie Oberhoff, die am 18. Oktober auf dem Rathausplatz ein unübersehbares Festivalzeichen setzt – bei freiem Eintritt. In „Der Kasper schlägt die Fliegen tot“ agiert der Riese mit einer ebenso riesigen Fliegenklatsche, die Szene entwickle sich „zu einem gigantischen Totentanz“ mit politischem Hintersinn, heißt es in einer Mitteilung.Mini und Maxi beweisen, dass Figurentheater weder fixe Dimensionen noch fixierte ästhetische Normen kennt. „Wir wollen diese künstlerische Vielfalt zeigen, mit Produktionen, die spektakulär, einzigartig oder auf irgendeine Weise besonders sind – soweit das mit unseren Mitteln geht“, sagt Heyder. Ein Stück aus Spanien hätte sie auf ihrer Wunschliste gehabt, aber Reise- und andere Kosten machten ein Gastspiel illusorisch. LIMA-Chef Weiner, in die Programmplanung einbezogen, weist indes darauf hin, dass beim Festival drei ehemalige Studenten von Albrecht Roser vertreten sind, der den Figurentheater-Studiengang an der Stuttgarter Hochschule für Darstellende Kunst aufgebaut hat.
Die Strahlkraft der regionalen Szene wird gebündelt mit auswärtigen Größen wie dem Berliner Duo florschütz & döhnert mit seinem Stück „Rawumms“, das Kindergartenkinder ebenso wie Erwachsene mit den Geheimnissen und Tücken der Schwerkraft verzaubert. Um die Selbstwahrnehmung des Körpers und die Diktatur der Schönheitsideale geht es Lukas Schneider in „Scaena Corpus – Mann und Puppe nehmen Maß“. Das LIMA präsentiert mit „vision.HAMLET.mission“ Shakespeares Drama als „Spirale von Resignation und Wahnsinn“, so die Ankündigung. Das berühmte Münchner Marionettentheater Kleines Spiel gastiert mit „Die Farm der Tiere“ nach George Orwell.
Start mit Tolkien-Adaption
Eröffnet wird das Festival am Donnerstag, 16. Oktober, 19.30 Uhr im Schauspielhaus der Landesbühne von Kulturbürgermeister Yalcin Bayraktar und dem Leipziger Ensemble wilde & vogel mit seiner Tolkien-Adaption „Der Hobbit oder Dorthin und wieder zurück“. Neben den Aufführungen gibt es fünf Workshops für alle Interessierten, einer davon für Kinder. Und nicht zuletzt kehrt der Puppenspielertreff nach Esslingen zurück.
„Puppen durften schon immer mehr sagen als Menschen“
Zwar nicht das gesamte Spektrum des gegenwärtigen Figurentheaters kann das Festival abbilden, räumt Kulturamtsleiterin Heyder ein. Aber eine ziemliche Spannweite, die aus Sicht der zum Esslinger Team zählenden Figurentheater-Studentin Zina Strunz eine historische Qualität weiterführt: „Puppen durften auf der Bühne schon immer mehr sagen als Menschen, auch durch die Sprache des Körpers.“ Bringen die Spielformen diese vielsagende Kunst in Esslingen auch künftig zum Sprechen? „Wir denken natürlich an ein regelmäßig wiederkehrendes Festival“, sagt Heyder, fügt aber skeptisch hinzu: „Das Geld wird in den kommenden Jahren nicht mehr.“
Programme und Preise
Stücke
Elf Figurentheater-Produktionen stehen vom 16. bis 19. Oktober auf dem Programm des Esslinger Spielformen-Festivals: Der Hobbit oder Dorthin und wieder zurück (WIlde & Vogel); Der Kasper schlägt die Fliegen tot (Stefanie Oberhoff); Der Sturm (von Shakespeare, Puppentheater Fachwerkhaus); Die Farm der Tiere (nach Orwell, Marionettentheater Kleines Spiel); Geschichten ohne Worte (PendelMarionetten); Kalif Storch (nach Hauff, Papiertheater Fachwerkhaus); Rawumms (florschütz & döhnert); Scaena Corpus – Mann und Puppe nehmen Maß (Figurentheater Lukas Schneider); Schneewittchen (Schreiber’s Papiertheater); vision.HAMLET.mission (LIMA); Wunderkammer – Betrachtungen über das Staunen (Trio Gottschalk Mörle Soehnle). Gespielt wird an acht Orten vom WLB-Schauspielhaus bis zum Central-Theater. Genaue Angaben sowie Anmeldung und Themen zu den fünf Workshops unter spielformen-festival.de
Puppenspielertreff
ist am 17. Oktober (14 bis 17 Uhr), 18. Oktober (17 bis 21 Uhr) und 19. Oktober (13 bis 17 Uhr) im Kutschersaal der Esslinger Stadtbücherei.
Eintritt
Praktiziert wird ein „solidarisches Preisprinzip, um allen den Festivalbesuch zu ermöglichen“, wie Laura Breier vom Kulturamt sagt. Sieben Euro pro Ticket ist der Minimalpreis, 15 Euro der Standard- und 22 Euro der Solidarpreis. Besucherinnen und Besucher können wählen, welchen Preis sie bezahlen möchten. Es gilt stets freie Platzwahl. Kinder bis zwölf Jahre kosten fünf Euro. Der Vorverkauf unter spielformen-festival.de oder reservix.de hat bereits begonnen.