So richtig gewöhnt ist man ein Livekonzert nach den zwei Pandemiejahren ja irgendwie noch immer nicht. Dass die Band in Fleisch und Blut vor einem steht, man die Vibration von Bass und Schlagzeug durch den Boden spürt und andere Fans um einen herumsitzen, macht das Publikum an diesem Freitagabend im Pavillon allerdings sichtlich glücklich. Das entgeht auch dem Jazz-Quintett Meyers Nachtcafé nicht.
„Dass ein echtes Publikum vor uns sitzt, ist immer noch nicht selbstverständlich“, freut sich Trompeter Christian Meyers – auch wenn mit nur rund 40 Gästen nicht einmal die Hälfte der derzeit im Pavillon möglichen 100 Personen ausgereizt ist. Hinzu kommt, dass die Menschen mit Masken am Tisch sitzen, die sie nur abnehmen, wenn sie zwischendurch zum Trinken ansetzen. Macht aber alles nichts – Hauptsache Publikum. Dafür habe der Frontmusiker auch extra früh morgens um vier den ersten Zug nach Stuttgart genommen.
Instrumente kreischen, summen und schwingen
Dann geht es auch schon los mit der mitreißenden Musik von Meyers Nachtcafé. Ob leicht psychedelisch, funkig oder groovig – die Songs der fünfköpfigen Band gehen ins Blut. Im Fokus steht dabei nicht nur Christian Meyers selbst, der in der Berliner Jazzszene als Trompeter große Bekanntheit hat. Auch die anderen Bandmitglieder überzeugen auf ganzer Linie. Axel Uhl (Bass) und Rüdiger Nass (Gitarre) lassen ihre Instrumente kreischen, summen, schwingen und in Jimmy-Hendrix-Manier regelrecht Dialoge miteinander führen. Am Rhodes-Piano sitzt Martin Johnson, der im Pavillon bereits zum Inventar gehört. Mit 16 Jahren stand der Herrenberger hier erstmals auf der Bühne.
Vater am Piano hat die Leidenschaft auf den Sohn am Schlagzeug übertragen
Die Leidenschaft, die aus den Fingern des herausragenden Pianisten auf die Tasten fließt, hat Johnson offensichtlich auch an seinen Sohn Lucas Johnson weitergegeben. Der gibt am Schlagzeug mit fast zärtlichem Blick und ohne Mühe selbst komplizierteste Rhythmen vor. Besonders großen Applaus erhält Lucas Johnson für die Soloeinlage in einem Stück, das Christian Meyers im Elf-Viertel-Takt geschrieben hat. Geht nicht? Geht doch. „Der Elf-Viertel-Takt ist im Grunde ein Dreiviertel-Takt mit kleinen Stolperern am Schluss“, verrät Meyers. „Perfekt für Menschen, die ihren Damen beim Tanzen auf die Füße treten.“
Die Song stammen allesamt aus der Feder der Bandmitglieder. Inspiration finden die Musiker an verschiedenen Orten, weshalb Ton und Stimmung immer wieder variieren. So ist „Out of the Darkness“ beispielsweise eine Melodie, die weniger zum Mitgrooven als viel mehr zum Nachdenken anregt. In moll und Dreiviertel-Takt gehalten und von einem Flügelhorn getragen, ist dieses Lied verträumter als seine funkigen Vorgänger.
Brasilianischer Rhythmus geht direkt in die Beine
Aufgenommen wurde der Song im vergangenen Jahr, als die Band den Pandemie-Winter genutzt hatte, um ihr neuestes Album „Night Vision“ in Martin Johnsons Studio aufzunehmen. Auf die CD hat es auch der Titel „Dates“ geschafft, der sich allerdings nicht auf Rendezvous, sondern auf Datteln bezieht. Ein langes, sinnliches Stück, das in einem dramatischen Gitarrensolo endet. Mit „Jaras Song“ hat Christian Meyers darüber hinaus einen eingängigen Samba geschaffen, der seiner brasilianischen Ehefrau gewidmet ist und direkt in die Beine geht.
Meyers Nachtcafé besteht seit rund zehn Jahren. Die Mitglieder verbindet mehr als nur ihre Jazz-Leidenschaft. „Wir sind alte Weggefährten“, sagt Meyers. Im Kreis Böblingen wird man die Band deshalb sicher noch öfters zu hören bekommen.
Konzertabsage wegen überraschendem Todesfall
Das Samstagabendkonzert sollte ursprünglich das Jazz- und Rock-Kommando aus Konstanz gestalten. Nur zwei Tage zuvor ereilte die Veranstalter der IG Kultur aber eine traurige Nachricht: Der Bandleader und Trompeter Thomas Banholzer war nach einem langjährigen körperlichen Leiden überraschend mit einer schweren Krankheit ins Krankenhaus eingeliefert worden, wo er kurz darauf verstarb. Die IG Kultur zeigt an dem Abend ersatzweise die Aufzeichnung eines Konzerts der Band und schaltet eine Zoomkonferenz mit den Musikern vom Bodensee. Im Pavillon sind fast ausschließlich Mitarbeiter des IG-Kultur-Teams vor Ort.
Zum Finale am Sonntagabend finden sich dann wieder knapp 40 Zuschauer zusammen, um einen gleich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Doppel-Duo-Abend zu genießen. Den Auftakt machen der Berliner Claus Rückbeil und sein aus Pakistan stammender Percussion-Kollege Asha Khan. „Claus Rückbeil hatten wir schon vor drei Jahren bei den Jazztagen 2019 bei uns zu Gast“, sagt Klaus Haidle, der die Jazztage gemeinsam mit Pit Bäuerle und Albrecht Barth federführend organisiert. Damals trat Rückbeil, der in Bern Jazzgitarre studiert hat, im Rahmen einer „Jazz Guitar Night“ im Pavillon auf.
Jazz und Raga gehen geglückte Fusion ein mit dem Bambusrohr und der Tabla
Diesmal hat der Berliner die Gitarre zuhause gelassen. Stattdessen präsentiert er eine Musik, die er und sein Duo-Partner als „Jazz-Raga-Worldmusic Fusion“ beschreiben. Was sich dahinter verbirgt, ist schwer in Worte zu fassen. Rückbeil, der in der Hauptstadt die Jazzschule Berlin leitet, erzeugt mit seinem Bansuri genannten Bambusrohr wehmütig-orientalisch anmutende Flötenklänge, Asha Khan untermalt diese mit mal bauchig-sonoren, mal fingerflink-trippelnden Trommelrhythmen auf seiner Tabla.
Beide Musiker sitzen im Schneidersitz auf der Bühne. Wer während der Musik die Augen schließt, hat nahezu unweigerlich Bilder von meditierenden Menschen in bunten Gewändern vor Augen und in der Nase den leisen Duft von Räucherkerzen. Das Wesen dieser Musik sind ausgedehnte, sich ganz allmählich in ihrer Intensität steigernde Improvisationen. So kommt es, dass in das knapp einstündige Set der beiden auch nur genau drei Stücke passen.
Wohlig-warmes Exotiklangbad
Die aus drei Klangkörpern bestehende Tabla-Trommel ist übrigens, wie Claus Rückbeil grinsend erklärt, „das einzige Instrument der Welt, das mit einem Hammer gestimmt wird“. Zu Veranschaulichung darf Asha Khan einmal ein wenig nachstimmen. Zwischendurch gibt es immer wieder mit augenzwinkerndem Humor vorgetragene Musiktheorie über modalen Jazz, lydische und dorische Klangfarben und was es sonst noch alles zu dieser Musik zu wissen gibt, wenn man es den wissen will. Ein Blick ins Publikum zeigt aber, dass die meisten schon ganz glücklich damit sind, das wohlig-warme Exotik-Klangbad einfach nur zu genießen.
Das Hausdach über dem Neckar als Inspirationsquelle für Vibrafon-Miniaturen
Ganz anders, jedoch nicht minder angenehm für Ohren und Seele ist das, was im Anschluss Dizzy Krisch und Karoline Höfler vortragen. Der Tübinger hatte sein Vibrafon fast genau vor zwei Jahren, zum Beginn des ersten Lockdowns, auf sein Hausdach hoch über dem Neckar gestellt und darauf improvisiert. Das Ergebnis nennt sich „Roof Songs“: 32 Miniaturen, von denen er etwa ein Dutzend im Pavillon vorträgt. Karoline Höfler geht mit ihrem unglaublich einfühlsamen und fingerfertigen Kontrabassspiel in einen Dialog mit den mal verträumt, mal verspielt anmutenden Vibrafonklängen. Man merkt beiden deutlich an, wie gut sie aufeinander eingespielt sind. Sowohl musikalisch als auch in humorvollen Anmoderationen spielen die beiden sich lässig die Bälle zu.
Als Überraschung zum guten Schluss gibt es ein Zusammenspiel der beiden Duos auf der Bühne. Die Kombination aus Vibrafon, Kontrabass, Bansuri und Tabla funktioniert so gut, dass das Publikum begeistert noch eine Zugabe fordert. Die kommt prompt und dabei baut Claus Rückbeil die Melodie des „Beatles“-Songs „Norwegian Wood“ ein – so ganz kann er den Gitarristen in sich eben nicht verleugnen.