An der Cote d’Azur treffen sich Regisseure und Stars der Kinowelt. Sie streiten um Aufmerksamkeit und die Goldenen Palmen.

Cannes - Marilyn Monroe, andächtig mit halbgeschlossenen Lidern, pustet gespitzten Kussmunds eine Kerzenflamme aus – es ist die einzige auf einer zierlichen Geburtstagstorte. Unzierlich riesengroß prangt das Schwarz-Weiß-Bild nun über der angestrahlten Front des Festivalpalasts. Läuft man den blumengeschmückten, jedoch mit Sperrgittern verriegelten Boulevard der Croisette weiter hinunter, dann merkt man: ganz Cannes ist voll davon. Marilyn allerliebst.

 

Denn der US-Star, der selber den roten französischen Teppich niemals betreten hat, schmückt das offizielle Festivalplakat zum Fünfundsechzigsten – weshalb Gilles Jacob, der Präsident des Spektakels, prompt von einem glamourösen kleinen Jubiläum spricht, ohne es freilich mit 65 Kerzen symbolisiert haben zu wollen. Sieht man auf das Wettbewerbsprogramm, ergibt sich der Zahlenbezug eventuell auf andere Weise: 65, das könnte das Durchschnittsalter der Regisseure sein.

Jung, forciert jugendlich fing der Wettbewerb allerdings an, mit einem drolligen Kompositionskunststück der allzeit hofierenswürdigen Amerikaner. Da entbot Wes Anderson (von dem das Drehbuch zu den „Royal Tennenbaums“ stammt) eine knallflotte, in der wildromantischen Buchtenwelt von Neuengland spielende Kindergeschichte: „Moonrise Kingdom“, ein Ausbruchsabenteuer mit scoutmäßig gekleideten Mark-Twain-Typen, Tom und Huck, hier sozusagen sexuell verwandelt in ein Liebespaar von zweimal zwölf Jahren.

Das Mädchen, das immer so ernst und so streng dreinschaut wie eine ältere Schwester, die mal Lehrerin werden möchte, und der Bub mit Pfeife, kurzer Hos’ und Schießgewehr, sie entrinnen dem kultivierten, doch ziemlich verschrobenen Schlendrian ihrer Elternhäuser nicht unverfolgt: Ein täppischer Erwachsenentrupp stolpert in steter, skurril überrissener Kompetenzrangelei hinter den Ausreißern her (mit Tilda Swinton, Edward Norton und Bruce Willis, man stelle sich vor!), bis in den letzten Winkel einer sturmzerzausten, vom Hurrikan zerfetzten Inselwildnis.

Der Pferdeflüsterer hat Dreck am Stecken

Ein Eröffnungsfilm, arrangiert in wunderbar farbfrohen Bildern, vergnüglich, schön schräg, hochartifiziell. Anderson, der verspielte texanische Exzentriker, mixt Theatralik mit wahrhaftiger Empfindungskraft, kindlichen Ernst mit elterlicher Dusselei und Kulissenkünstlichkeit mit tosender Naturgewalt; nur tut er am Ende des Überdrehten zu viel. Aber so zurückgeholt ins ländliche Amerika der sechziger Jahre, war man der Gegenwart fein träumerisch entrissen. Und aller Politik ja sowieso.

Die Realitäten von heute holten das Festival aber sofort wieder ein, mit einem jagenden, fetzenden, Barrieren und Schädel zertrümmernden Drama, das sich vom Kairoer Tahrir-Platz fortverlagert in die staubigen Bezirke eines Dorfs unweit der Pyramiden. Dort führt der „Pferdeflüsterer“ Mahmoud im Großzelt seine Dressurkünste vor – bis ihn der Umstand, dass er sich einst für Mubaraks berittene Milizen dingen ließ, aus allen Pfründen wirft, ihn, einen braven Familienvater, nun arbeitslos, verhöhnt, verachtet, geächtet bei allen Aufständischen.

Yousry Nasrallah, der ägyptische Regisseur, hält die Einteilung seiner Landsleute hie in gute Revolutionäre, dort in böse Fortschrittsfreunde für bedenklich, und dieses von ihm als Klischee bezeichnete Denken will sein Film aufbrechen, nämlich wie? Indem er den Pferdemann sich verlieben lässt in eine von umstürzlerischer Leidenschaft erfüllte junge Dame aus besserem Hause. „Nach der Schlacht“ heißt der Film, und gemeint ist damit die Frage, wie das Zusammenleben sich weiter gestalten soll, nun, nach dem Aufstand. Was anfängt wie eine ägyptische Telenovela, endet tragisch blutverschmiert, in einer Katastrophe, welche der Regisseur zu mildern sucht, indem er seinen Sterbenden wenigstens mit letzter Zuversicht erfüllt, nach bester Bollywoodmanier. Irgendein anerkennendes Preislein könnte Nasrallahs ägyptischer Beitrag zum Abschluss aber durchaus gewinnen.

Fatih Akin vertritt Deutschland ganz allein

Jegliche Diminutive verbieten sich freilich beim nächsten Wettbewerbsfilm, bei Jacques Audiards „De rouille et d’os“ (platt übersetzt: „Rost und Knochen”), womit erstmals auf der Festivalleinwand ein Genre auftauchte, welches in diesem Jahr noch öfter das Konkurrenzgeschehen bestimmen wird: Literaturverfilmung, garniert mit Starprominenz. Apropos, sind nicht auch Filmemacher Stars? Woody Allen, in Cannes beschmunzelt als Dokumentarobjekt, ist ein Star, und Roman Polanski, das gelassen gealterte Krakauer Ghettokind im Zwiegespräch mit dem blankäugig strahlenden Cinéasten Laurent Bouzereau, ist erst recht ein Star.

Selbst Fatih Akin, dessen schwarzmeerische Langzeitdokumentation „Müll im Garten Eden“ so himmelschreiend, himmelanstinkend ist, dass sie Furore machen sollte nicht nur in Ökodeutschland, sondern bitte auch im Land der Erdogans (weil Türkei eben überall ist und weil der Müll mindestens so sehr zu Deutschland gehört wie der Iran) – auch Akin wurde in Cannes umjubelt just wie ein Star. Man reservierte ihm eine Sondervorstellung, heuer die einzige deutsche Präsentation.

Zurück zu Audiard. Der bildgewaltige Franzose erzählt szenisch gerafft, in hohem Tempo, mit geradezu handkantenartig wuchtig geführter Kamera eine Story aus der Kollektion des Kurzgeschichtenautors Craig Davidson. Mitten darin ein Moment friedvollster Ruhe, rührend und traumhaft: Eine junge Frau klopft an die meterdicke Scheibe eines Kolossalbassins, hinter der ihr ein Killerwal wiedererkennend das Maul entgegenreckt. Die Frau steht beinabwärts auf stählernen Stelzen, die Unterschenkel verlor sie, als einer der Orkas das Wasser im Becken aufschlug und sie, die Trainerin, lebensgefährlich verletzte. Eigentlich hätte sie Grund zu verzweifeln. Jetzt aber freut sie sich.

Der Kickboxer rutscht auf dem Eis aus

Der andere, der Mann, kennt Verzweiflungsgründe kaum, zunächst. Dass die Frau überhaupt neue Lebens- und Liebenslust fasst, verdankt sie ihm, dem Kickboxer, der sich halbwegs zuverlässig um sie kümmert, seitdem sie ihn zufällig kennenlernte in einer Disco. Damals war er Rausschmeißer, inzwischen ist er aufgestiegen zum Security-Mann, der boxend gute Preisgelder verdient als Freistilknochenbrecher im Kreis von Straßendealern.

Als er mit seiner Security-Überwachung dazu beiträgt, dass die eigene Schwester an der Supermarktkasse ausgespäht, entlassen wird, überkommt ihn die Einsicht: Jetzt will er Boxunterricht nehmen nach eingeführten Faustkampfregeln, fährt also, den kleinen Sohn auf die Christophorusschultern gepackt, fort in den verschneiten Norden – und bei der Eisrutscherei auf dem zugefrorenen Weiher passiert’s dann . . . Als er zurückkehrt zu seiner Killerwaltrainerin, der gewandelten Frau, ist auch er ein gewandelter Mann.

Haftende Bilder, eindrucksvolle Regie – Audiard: vorerst palmenverdächtig. Matthias Schoenaerts, der warmherzig-brutale Preisboxer, hat neben Marion Cotillard, der häufig schon Gepriesenen, seinerseits das Zeug zum Preisdarsteller. Die Unterschenkel der Schauspielerin (viele kennen sie noch als „Elle“, die Piaf) trickst der Film fort zu zwei sauberen Stümpfen, dermaßen fleischig, dass bei der Pressekonferenz in Cannes einige Journalisten verstohlen schauten, ob die Dame tatsächlich vollständig sei. Aber sie hat sie noch alle.