Festival in Stuttgart Klangdusche gefällig? So war das Eclat-Festival
Das Stuttgarter Eclat-Festival für zeitgenössische Musik im Theaterhaus sucht die politische Positionierung, erweitert sein Publikum und feiert die Vielfalt.
Das Stuttgarter Eclat-Festival für zeitgenössische Musik im Theaterhaus sucht die politische Positionierung, erweitert sein Publikum und feiert die Vielfalt.
Überblasene Baumblätter. Ein „Kyrie eleison“. Das surrende Geräusch von Devisenhändlern. Ein banaler Refrain in Dauerschleife. Alte Videos von tanzenden Menschen und von Panzern. Die Geschichte einer Vergewaltigung im Krieg. Und ein Märchen voller Konjunktive. Sieben Stücke gehören zu dem Großprojekt, das beim Festival Eclat einen ganzen Abend füllt. Unter dem Titel „Balkan Affairs“ haben sich sieben Komponierende aus Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Kroatien, Slowenien und Nordmazedonien mit den Ereignissen und den Folgen des Krieges beschäftigt, der vor gut drei Jahrzehnten Jugoslawien zerschlug. Im Foyer sind Videos mit Zeitzeugen zu sehen, im Konzertsaal bekommen Traumata Klänge.
Zurecht steht der Abend im Zentrum der fünf Tage, denn er weist gleich auf zweierlei hin. Erstens: Dieses Festival präsentiert nicht nur Musik unserer Zeit, sondern will sich in dieser politisch positionieren. Und zweitens: Protagonisten dabei sind die Neuen Vocalsolisten, denn die sechs bis sieben Sängerinnen und Sänger sind auch Performer, und sie gehen nicht nur mit Musik um, sondern auch mit der Bedeutung, die dieser Kunst durch die Verbindung mit Sprache und Bildern zuwächst.
Das Eclat-Festival ist die erste Präsentationsplattform dieses – paradox, aber wahr –Traditionsensembles der Neuen Vokalmusik, und bei den „Balkan Affairs“ zeigen die Neuen Vocalsolisten beispielhaft, warum sie trotz durchaus hörbarer stimmlicher Alterungsprozesse in ihrem Bereich immer noch zur Weltspitze zählen. Da wollen oft aberwitzige interpretatorische Anforderungen bewältigt werden. Etwa wenn es in Jug Markovićs „NULA“ darum geht, in schnellsten Tonwiederholungen den Sound der Straße im Serbien der frühen 1990er Jahre zu reproduzieren. Wenn Martin Nagy, Guillermo Anzorena und Andreas Fischer in Ylli Dakanis melancholischem „When all the Leaves have been burned“ die Musik kosovarischer Hirten imitieren, indem sie Blätter zwischen ihre Finger spannen, sie überblasen und obendrein dazu singen. Oder wenn die Sopranistin Susanne Leitz-Lorey und die Altistin Chiara Ducomble die ewige Warteposition des EU- und Nato-Anwärters Nordmazedonien in Pop-nahe Dauerschleifen fassen (Ana Pandevska: „Electroacoustic Mantra From Ex YU to EU“).
Doch es geht um so viel mehr. Um Haltung und Hingabe. Beides ist spürbar, wenn sich die Singenden in Petra Strahovniks „SCREAdoM“ angesichts der geschilderten Grausamkeiten der Soldateska Plastikschüsseln vor die Köpfe halten, hinter denen ihre Mimik stumm erstarrt. „Balkan Affairs“ ist nicht nur ein musikalischer Trip zu einem hierzulande oft schon vergessenen historischen Terrain. Sondern eine politische Stellungnahme. Sie gehört zur DNA eines Festivals, das ganz selbstverständlich auch feministischen, genderfluiden und queeren Positionen Raum und Räume gibt. Und das jetzt mit großer Freude die aus dem belarussischen Arrest zurückgekehrte Maria Kalesnikava in seinen Reihen willkommen hieß.
Dass die politische Positionierung vielen Komponierenden ein Anliegen ist, bewiesen auch die drei mit dem Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart ausgezeichneten Künstlerinnen Yin Wang, Elnaz Seyedi und Giorgia Koumara. In Wangs „Schmutz“ feierte das neu gegründete Ensemblekollektiv Baden-Württemberg unter Christof M. Lösers wunderbar präziser Leitung Premiere, aber das stärkste Stück im Preisträgerkonzert war Seyedis Trio für Bassklarinette, Horn und Cello „absolute snow“ mit seinem stillen, konzentrierten Geflecht weit ausgreifender Linien.
Das Risiko, dass das Konzept allzu stark über die Musik dominiert, geht Eclat bewusst ein, und so mag mancher auch jene Stücke und Veranstaltungen gefeiert haben, in denen es vor allem um die Musik selbst ging. Das war zum Beispiel bei Samir Odeh-Taminis „Endropía“ der Fall, einem von Elektronik und Video begleiteten Solo, bei dem die virtuose Schlagzeugerin Vanessa Porter das Publikum in ein mit lauter (und lauten) Überraschungen vollgestopftes Klang-Spielzimmer entführt. Oder bei Francesca Verunellis „Songs and Voices“, wo die Neuen Vocalsolisten das Phänomen der Stimme und des Gesangs umkreisen. Im Zentrum: ein kunstvoll von Johanna Vargas ausdifferenziertes Als-ob-Madrigal, aus dem eine „verstimmte“ Gitarre einen utopischen Sehnsuchtsort macht.
Das Ensemble Ascolta schlug einen weiten Bogen von den feinen, kaum greifbaren Folklore- und Tanz-Anklängen in Alvaro Carlevaros „Taschenstücken“ bis hin zu den effektvollen Kontrasten von elektronischem („weißem“) Rauschen und Live-Instrumentalklängen in Malte Giesens „Latent diffusion with slop“. Auch beim SWR-Symphonieorchester gab es unter Pablo Rus Brosetas Leitung starke, aus sich selbst heraus wirkende Musik: Oxana Omelchuk präsentierte mit „In ruhig festem Ton“ eine wirkungsvolle ambivalente Hommage an den Marsch, Malin Bångs „unfurling“ bewegt sich im Spannungsfeld zwischen fragiler Individualität (hier: einer Sologitarre) und dem Orchesterkollektiv. Auch Arnulf Hermanns komplex durchgeformtes „high and low and fast and slow“ greift dieses Thema auf – seine Idee des wachen Aufeinander-Hörens lässt sich auch als politischer Impuls verstehen.
Das SWR-Vokalensemble hat, flankiert von mikrotonalen Werken mit dem Aleph Gitarrenquartett, diese Idee schon umgesetzt. Dirigiert von Nicholas Kok, krönte der Chor die herausragenden interpretatorischen Leistungen dieses Festival-Jahrgangs. Blitzsaubere Intonation, wie aus dem Nichts gezauberte, präzise gesetzte Cluster, fein ausgehörte und ausbalancierte Linien: Das geht nicht besser.
Bernd Richard Deutschs „Massenkristall“ durchschreitet den schillernden Kosmos zwischen Chor-Kollektiv und 24-stimmiger Ensemble-Individualität, in „Adrasteia“ von Vito Žuraj wird das Spektrum ergänzt durch Pfeifen und durch den Chor wandernde Silben, die zuweilen an den mittelalterlichen Hoquetus erinnern. Und erst nach der berauschenden vokalen Klangdusche stellt man staunend fest, dass dieses Konzert ganz ohne Text ausgekommen ist. Fantastisch!