Festival PopFreaks im Merlin Stuttgart feiert die Popmelancholie

Von Björn Springorum 

Das Festival PopFreaks-Festival im Merlin gibt Auskunft über die aktuelle Popkultur und kommende Trends. 2019 dominiert die Melancholie in all ihren Grautönen. Mittendrin: der Pfälzer Fabian Altstötter.

Jungstötter ist das Soloprojekt des gebürtigen Landauers Fabian Altstötter. Foto: Veranstalter
Jungstötter ist das Soloprojekt des gebürtigen Landauers Fabian Altstötter. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Fabian Altstötter ist ein junger Mann mit einer alten Seele. Sein Gestus, seine Eloquenz und seine bedächtige Art lassen nicht auf einen Musiker Ende 20 schließen. Und seine Musik schon gar nicht. Fast zehn Jahre lang stand er an der Spitze der Landauer ­Indie-Band Sizarr, die mit zwei Alben mehr als nur ein wenig Staub aufgewirbelt hat, selbst im Mainstream. 2019 beginnt ein neues Kapitel für den Pfälzer. Mittlerweile in Berlin zuhause, hat er mit Jungstötter sein lange geplantes Soloprojekt verwirklicht.

Das erinnert herzlich wenig an seine alte Band. Wenn überhaupt, dann hat Altstötter sein schon bei Sizarr vorhandenes Faible für Melancholie isoliert und zur Grundmaxime seines Schaffens erklärt. Statt prägnanten Drums, Synthesizern und durchaus tanzbarer Grundstimmung ist Jungstötters Debüt „Love Is“ von Einkehr, ja, von Abkehr gezeichnet. Vergangen die jugendhafte, überschwängliche Art, mit der Sizarr vergleichsweise munter die Popgeschichte zitierten. An ihre Stelle tritt ein elegischer, introvertierter, auch pathetischer Sound, der eher in der Tradition melancholischer, kammermusikalischer Klänge steht.

Der Umzug nach Berlin war eine Flucht aus der Pop-Provinz

Nick Cave und seine Bad Seeds schweben da ebenso durch den Raum wie Tuxedomoon, jedoch eher, was in Sachen Aura denn in musikalischer Ähnlichkeit. „Jungstötter ist für mich ein deutlicher Bruch“, sagt der junge Mann mit der auffällig dunklen Stimme. „Ich sehe das Projekt stark getrennt von allem, was ich bisher gemacht habe.“ In den Anfängen von Sizarr war Altstötter kaum volljährig, da passiert binnen zehn Jahren eine ganze Menge. „Natürlich bin ich ­zunächst mal derselbe Mensch, doch künstlerisch verfolgt Jungstötter eine vollkommen andere Herangehensweise“, sagt Altstötter. „Heute verfolge ich einen ganzheit­lichen Ansatz: Wie mache ich Musik, wie denke ich über Musik, was will ich mit dieser Musik sagen? Die Ideologie ist wichtiger denn je.“

Bei Sizarr, so sagt er nicht ohne Selbstkritik, seien zu viele Dinge einfach geschehen. „Das war unserem Alter geschuldet“, sagt er unumwunden. „Die Öffnung zum Mainstream trug dazu bei, dass wir keine Lust mehr auf diese Band hatten. Wir hatten die Kontrolle verloren und wurden enttäuscht. Bei Jungstötter will ich deswegen nichts aus der Hand geben.“ Auch sein Umzug in die Hauptstadt war Teil dieser Emanzipation, wie er sagt: „Es war nötig, aus diesem kulturell doch eher brach liegenden Kleinstadtdeutschland rauszukommen. Nur so konnte ich überhaupt auf Gedanken wie die kommen, die ich jetzt äußere.“

Max Rieger von den Nerven hat das Album produziert

In Berlin imponiert ihm die Internationalität. „Ich habe so meine Probleme mit der deutschen Popkultur, die sich oft wie die ­Kopie einer Kopie anfühlt. Sie fußt auf nichts Eigenem. Das Schöne an Berlin ist, dass ich Deutschland nicht verlassen musste, um diese Popkultur zu überwinden.“ Einer, dem das mit Sicherheit ganz ähnlich geht, ist Max Rieger. Der Stuttgarter ist vor allem als Gitarrist und Sänger des Post-Punk-Trios Die Nerven bekannt, hat sich seit seinem Umzug nach Berlin aber auch als Produzent einen Namen gemacht. Vergangenes Jahr produzierter er unter anderem ­Alben von Drangsal und Karies, auch „Love Is“ von Jungstötter hat er verantwortet. „Fabian­ hat eine Konsequenz und Bedingungslosigkeit die ihresgleichen sucht“, sagt Rieger über seinen Kollegen.

Zu dieser besonderen Zusammenarbeit kam es, weil Drangsal-Mastermind Max Gruber Altstötter schon 2017 mitnahm zu einem Konzert von Riegers anderem Projekt All diese Gewalt. Altstötter gefiel, was er da auf der Bühne sah, wünschte sich so etwas auch für sein Solo-Debüt. „Love Is“ wurde deswegen auch nicht auf herkömmliche Weise aufgenommen, sondern live arrangiert und eingespielt. „Fabian hatte die Vorstellung einer Jazzband-Interpretation, ­organisch und live eingespielt, ohne digitales Raster“, sagt Rieger. „Mein Ansatz war, mich zurückzunehmen und die Dinge ­geschehen zu lassen, so wie er sich das vorstellte, und nur dann einzugreifen, wenn ich den Eindruck hatte, dass die Vorstellung nicht mit der Umsetzung übereinstimmte.“

Der Tanz am Abgrund geht zumeist gut aus

Herausgekommen ist ein warmer, echter Sound, der viel Raum einnimmt und tatsächlich zu atmen scheint. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Herangehensweise, die Reife und die elegante Trauer von „Love Is“ in der deutschen Musiklandschaft durchaus einzigartig sind. Altstötter bleibt bescheiden: „Ich verfalle nicht der Illusion, das Rad neu zu erfinden. Ich konzentriere mich eher auf meine Eigenheit in dieser Zeit, die natürlich einer gewissen ­musikalischen Tradition folgt.“

Besonders wichtig ist die eingangs erwähnte Melancholie, die jedem Stück des Albums in dichten Wogen entströmt. Altstötter lächelt. „Ohne die Melancholie geht es nicht. Sie macht mich aus, sie ist der natürlichste Ausdruck meiner Persönlichkeit.“ Im Gegensatz zu manchem Nick-Cave-Lied stürzt Jungstötter in seinen Stücken nie in die tiefste Verzweiflung. Vielmehr ist es ein Tanz am Abgrund, der zumeist gut ausgeht. „Ich suche eher die Schönheit der Wehmut. Und das sehr bewusst“, sagt er. Damit ist er beim Festival Pop Freaks im Merlin in diesem Jahr nicht allein. Was das jetzt für den Zustand der Popkultur im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen bedeutet, möge jeder für sich selbst entscheiden.

PopFreaks im Überblick

Pop Freaks im Merlin zeigt aktuelle Entwicklungen in der Popkultur. Früher war oft ein bunter, schriller Haufen zu Gast, diesmal wirkt das Programm ein wenig so, als hätte man die Farbe aus einem Bild ­genommen. Melancholie und Nachdenklichkeit pflegen Jungstötter am 26. Januar und das Schweizer Disco-Trio Klaus Johann Grobe am 18. Januar, die Post-Punks Tents am 19. Januar und Maximilian Hecker am 27. Januar. Zwischendrin kümmern sich die Schweizer Pop-Querulantin Evelinn Trouble (25. Januar) oder Sea Moya mit ihrem afrikanisch geprägten Krautrock (17. Januar) um gute Laune.