Festival Rossini in Wildbad „Maometto II“ zeigt Männer, Macht und Muskelspiel

V. l. n. r: Merto Sungu (Erisso), Eluisa Balbo (Anna), Victoria Yarovaya (Calbo) und Mirco Palazzi (Maometto II) mit Frauenchor in Bad Wildbad Foto: Patrick Pfeiffer
V. l. n. r: Merto Sungu (Erisso), Eluisa Balbo (Anna), Victoria Yarovaya (Calbo) und Mirco Palazzi (Maometto II) mit Frauenchor in Bad Wildbad Foto: Patrick Pfeiffer

Beim Festival „Rossini in Wildbad“ ist die selten gespielte Oper „Maometto II“ zu erleben.

Kultur: Susanne Benda (ben)
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Bad Wildbad -

Bad Wildbad - Seine beste Oper, hat Gioachino Rossini einmal behauptet, sei der „Don Giovanni“ von Mozart: Worte eines komponierenden Zynikers, der so sarkastisch war und so wenig überzeugt vom eigenen Sendungsbewusstsein, dass er erst in seinen Stücken Komisches wie Tragisches mit denselben motorischen Versatzstücken unterlegte und später von einem Tag auf den anderen dem Notenpapier den Kochlöffel vorzog. 1820 hat Rossini für Neapel die heute selten gegebene ernste Oper „Maometto II“ geschrieben. Wer dem Werk am Samstagabend beim Festival „Rossini in Wildbad“ begegnete, der hätte sich, wenn er die Augen geschlossen hätte, immer wieder in einer komischen Oper gewähnt – zum Beispiel im ersten Terzett des ersten Aktes, denn dessen Tonfall ist derselbe wie bei vielen ersten Aktschlüssen komischer Opern Rossinis, die von kompletter Verwirrung der Bühnenfiguren geprägt sind. Das hätte der Zuschauer womöglich unpassend gefunden – oder aber zusammen mit dem Rossini-Bewunderer Schopenhauer die kunstvolle Absonderlichkeit einer vollständigen Unabhängigkeit der Musik vom Text bewundert.

Dieser Text tut (nicht nur) in „Maometto II“ tatsächlich nichts zur Sache. Das Libretto tritt auf der Stelle, und eigentlich ist schon zu Beginn der drei Opernstunden klar, dass Anna, die zwischen Vater(land) und Liebe (zum feindlichen Muselmanen) zerrissene Heldin (die Oper müsste eigentlich „Anna“ heißen), am Ende der in Wildbad gegebenen Urfassung des Stücks sterben muss: weil sie nur dies von Anfang an will. Drumherum ist ein wenig Schlachtenlärm drapiert, dazu die Asche einer Mutter, ein einziger wirklich Liebender und ziemlich viel Männer-Macht-Muskelspiel.

Bei ihnen steht Gutes neben Problematischem

Aber die Musik! Es gibt bessere Orchester als die Virtuosi Brunenses, die in Bad Wildbad das Residenzorchester sind; bei ihnen steht Gutes (bei manchen solistischen Bläseraktionen) neben Problematischem (die Bündelung der Streicher gelingt nicht immer). Am Pult steht freilich mit Antonio Fogliani ein Dirigent, der Rossinis Bögen atmen lässt, der beim mechanischen Vorwärtswollen der Begleitfiguren rhythmische Präzision einfordert und der die Versatzstücke der Partitur immer wieder mit individuellen Farben einkleidet. So lebt und bebt diese Musik. Und beim Zuhören kann man nicht aufhören zu staunen: über den Ideenreichtum, mit dem Rossini die zahlreichen orchesterbegleiteten Rezitative wie auch die verzierten Arien auskleidet (und etwa die Haremsszene zu Beginn des zweiten Aktes mit hübschem Schlagwerk-Dekor versieht), über die Schönheit des zweiten, großen Terzetts im ersten Akt, das eigentlich ein Konglomerat zusammengeschweißter Einzelstücke ist, über manche Kühnheit der sehr offen gehaltenen Form. Sogar Momente psychologischer Vertiefung gibt es zu hören – am sprechendsten im großen Duett zwischen Maometto und Anna. Man hätte sie sichtbar machen, man hätte auch den kulturellen Konflikt im Stück thematisieren können: Das sollten sich regieorientierte Opernhäuser unbedingt einmal vornehmen.

In Bad Wildbad verdankt sich die Qualität des Abends maßgeblich auch den Sängern. Jochen Schönleber, der Intendant, hat immer schon vor allem die Kunst des Belcanto gepflegt; er ist für die zurückhaltende, rampenorientierte Inszenierung und für ein Bühnenbild verantwortlich, das mithilfe eines Laufstegs und einer drehbaren Zwischenwand belebt wird.

Eine staatsopertaugliche Besetzung

Schönlebers größte Leistung ist die Besetzung: Sie ist staatsoperntauglich – was angesichts des schmalen Festivaletats, angesichts der Jugend der Beteiligten und angesichts des Koloraturreichtums der Partitur ein kleines Wunder darstellt. Das beginnt mit Merto Sungu (Erisso), einem edel geführten, schlanken, strahlenden Tenor, es setzt sich fort mit der Sopranistin Elisa Balbo, die als Anna Farbreichtum, Kraft und Beweglichkeit zusammenbringt, mit der wundervoll wendigen, nach ihrer hochvirtuosen Soloarie im zweiten Akt zurecht lange bejubelten Mezzosopranistin Victoria Yarovaya (Calbo) und mit dem Bassbariton Mirco Palazzi, dessen Singen trotz aller Tiefe nichts Schweres anhaftet, und es endet mit dem in zwei Nebenrollen beteiligen Stipendiaten der Wildbader Meisterkurse (Akademie BelCanto), Patrick Kabongo Mubenga, dessen agiler, hoher Tenor enormes Potenzial hat. Obwohl alle Solisten eine Spur zu laut singen (und im Orchester: zu laut spielen), tragen sie wie auch der vor allem in den Männerstimmen sehr gut besetzte Camerata Bachchor Poznán dazu bei, dass „Maometto II“ große Wirkung macht. „Don Giovanni“ ist eine tolle Oper, aber Rossinis beste ist sie nicht.

Termine: 20. und 23. Juli




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