InterviewFestivalchef Goggo Gensch über Dokus „Dokumentarfilm ist sinnlicher“

Bis Samstag laufen beim SWR-Doku-Festival im Kino Metropol die besten deutschsprachigen Dokumentarfilme. Festivalchef Goggo Gensch verspricht emotionale Erlebnisse und gemeinsames Lachen.

Goggo Gensch leitet das SWR-Doku-Festival. Foto: RZ Photographie
Goggo Gensch leitet das SWR-Doku-Festival. Foto: RZ Photographie

Stuttgart - Von Mittwoch, 26. Juni 2019, bis zum 29. Juni gehen im Stuttgarter Kino Metropol beim SWR-Doku-Festival die besten Dokumentarfilme aus dem deutschsprachigen Raum ins Rennen um mehrere Auszeichnungen, unter anderem um den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Der Festivalmacher Goggo Gensch verspricht emotionale Erlebnisse.

Herr Gensch, das Fernsehen bietet haufenweise Reportagen, Features, Magazine, Nachrichtensendungen. Warum sollte man da auf ein Dokumentarfilmfestival gehen?

Weil der lange Dokumentarfilm im Gegensatz zu den formatierten Dokus noch mal eine ganz andere Herangehensweise hat. Ein langer Dokumentarfilm nimmt sich ein Thema vor. Macht es sehr oft an persönlichen Schicksalen fest, macht es sinnlicher und greifbarer als ein kurzes Format. Ein Dokumentarfilm geht viel tiefer.

Mehr Zeit bringt also nicht einfach noch mehr Informationsüberflutung?

Nein, mehr Zeit bringt mehr Subjektivität und sinnliches Erfahren. Das ist gerade im Kino toll, weil man da nicht alleine sitzt, sondern mit vielen Menschen. Du kriegst auch die Reaktionen von deinem Nachbarn mit. Der reagiert an einer anderen Stelle als du. Das Gemeinschaftserlebnis ist beim Dokumentarfilm im Kino genauso wie bei einem Spielfilm. Man kann gemeinsam lachen, gemeinsam weinen.

Bisher bot das SWR-Doku-Festival immer eine große Buntheit der Themen und doch Schwerpunkte. Gibt es auch dieses Jahr einen?

Wir haben dieses Jahr sehr viele Filme von Regisseurinnen, was mich sehr gefreut hat. Und wir haben sehr viele Filme von Filmemachern, die von ihrem persönlichen Erleben ausgegangen sind und das in einen größeren Zusammenhang gestellt haben. Altmeister Thomas Heise spiegelt in „Heimat ist ein offener Raum aus Zeit“, die Geschichte seiner Familie und die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts bis hin zur Wende DDR-BRD. So einen Trend kann man nicht vorhersehen.

Wie kommt es denn zu diesem Rückzug aufs Subjektive?

Ich weiß nicht, ob es eine gültige Theorie gibt. Aber ich glaube, dass es zum einen eine Individualisierung in der Gesellschaft ist. Und zum anderen, dass man in einer Zeit, wo alles unübersichtlicher wird, wo man nicht mehr überblickt, ist das jetzt echt oder falsch, sich auf den eigenen Bereich zurückzieht. Wo stehe ich wo bin ich? Das geht jedem Menschen so und natürlich auch vielen Filmemachern.

Die Filme des Festivals sind in aller Regel vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen mitfinanziert. Streamingdienste wie Netflix pflegen das Dokumentarische ebenfalls, aber auf dem Festival spielen sie keine Rolle. Warum nicht?

Da ist im Moment an deutschsprachigen Langfilmproduktionen einfach nichts am Start, die setzen auf Doku-Mehrteiler. Also stellt sich die Frage, wie sich das Festival in Zukunft mal ausrichtet. Auf lange Sicht kommt man nicht um die dokumentarische Serie herum. Da gibt’s international tolle Sachen, und ich glaube, dass da auch national bald Interessantes kommt.

Vor zwei Jahren haben die Filmemacher das Festival genutzt, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen: zu knappe Budgets, zu wenige Sendeplätze. Hat sich da etwas getan?

Es gibt Gespräche zwischen den Anstalten und den Filmemachern. Es sind kleine Schritte die, da aufeinander zu getan werden. Es gibt runde Tische, gibt Diskussionen, auch auf anderen Festivals, das Verhandeln wird weitergehen – zu recht.

Dokumentarische Formate im Fernsehen sind in die Diskussion geraten: Manche Redaktionen machen vorab genaue Vorgaben, was für Menschen vorkommen sollen und was die sagen sollen. Gibt es ähnliche Einflussnahmen beim langen Dokumentarfilm?

Da würde ich im Augenblick meine Hand dafür ins Feuer legen, dass der lange Dokumentarfilm gegen so etwas gefeit ist. Mir ist kein einziger Fall bekannt, wo die Sender so eingegriffen haben wie das bei formatierten Dokus in ein, zwei speziellen Fällen vorgekommen ist. Das geht auch gar nicht. Wenn ein Filmemacher Obdachlose porträtiert kann er die nicht casten. Er muss das Vertrauen dieser Menschen gewinnen, muss mit ihnen umgehen und sich nach ihnen richten. Du kannst die nicht casten, nach dem Motto: Ist das jetzt ein schicker Obdachloser oder ein unpassender für unseren Zweck.

Es gibt immer wieder Menschen, die glauben, ihr Herz gehöre ganz dem Spielfilm, und unken, Dokumentarfilme seien ihnen zu streng und trocken. Und die sind dann ganz überwältigt, wenn sie eine andere Art Dokumentarfilm kennenlernen. Zieht das SWR-Doku-Festival diese Überraschbaren an, oder kommen bislang eher die Profis?

Zum Glück kommen die anderen! Leute kommen nach dem Film auf mich zukommen und sagen: „Ja, richtig toll, das ist ja wie ein Spielfilm“. Es heißt, sie haben sich unterhalten gefühlt Sie haben sich emotional angesprochen gefühlt. Die sind ganz beglückt und wünschen sich mehr Dokumentarfilme. Das stelle ich immer wieder mit Freude fest

Wenn ein Dokumentarfilmmuffel bereit wäre, die Probe aufs Exempel zu machen: Welchen Film aus dem Festivalprogramm würden Sie dafür empfehlen?

Besonders „Sunset over Hollywood“, der am Donnerstag um 19.30 Uhr läuft, der ist bestimmt etwas für die Hollywood-affinen Spielfilmliebhaber. Dort sieht man nämlich, wo auch Hollywoodstars ihren Lebensabend verbringen, nämlich in einem wunderbaren Altersheim, wo sie nicht aufhören zu arbeiten.