Festnahme der Sea-Watch-Kapitänin Empörung richtet sich gegen die Falschen

Die Migranten, die von der Sea Watch 3 gerettete wurden, sind in Italien an Land gegangen. Foto: AFP

Die Empörung über die Festnahme der Sea-Watch-Kapitänin schlägt hohe Wellen. Doch das eigentliche Versagen geschieht nicht in Italien, sondern auf europäischer Ebene, meint unsere Italien-Korrespondentin Almut Siefert.

Rom - Die Empörungswelle über die Verhaftung der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete schlägt meterhoch. Es ist ja auch schön einfach, in ihr eine Heldin zu erkennen, sie in das leicht verständliche Gut-böse-Schema einzuordnen. Ein Schema, das Rackete selbst nicht für sich in Anspruch nimmt: Dass ihr Handeln, die geretteten Migranten ohne Erlaubnis nach Italien zu bringen, Konsequenzen haben würde, war ihr klar – und sie nimmt sie in Kauf. Dafür gehört der 31-Jährigen Respekt gezollt.

 

Die Empörung trifft die Flaschen

Die Empörung sollte sich nicht gegen ihre Verhaftung, nicht gegen einen freudig polternden Matteo Salvini richten, dem damit nur noch mehr Zulauf garantiert wird. Sie sollte die Mächtigen Europas treffen, deren Kritik an der Festnahme Racketes an Verlogenheit nicht mehr zu überbieten ist. Denn was tut die EU? Sie unterstützt die libysche Küstenwache, damit diese die aus dem Meer Geretteten wieder nach Libyen bringt. In ein chaotisches Bürgerkriegsland, in dem die Migranten Folter und Ausbeutung ausgesetzt sind. Würden Schiffe der EU dies tun, sie verstießen gegen die Genfer Konvention. Also bezahlt Brüssel, und damit auch Deutschland, lieber andere dafür, dass sie diese Drecksarbeit erledigen. Und lässt die privaten Seenotretter in rechtlichen Grauzonen manövrieren, in denen diese sich nur noch auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen können.

Noch immer keine echte Lösung

An genau dem mangelt es in den politischen Schaltstellen. Anstatt bei jedem Rettungsschiff neu über die Verteilung einer Handvoll Migranten zu verhandeln und sich dann für ach so viel Menschlichkeit auf die Schulter zu klopfen, gehört endlich eine echte Lösung her. Legale Wege für Asylsuchende nach Europa würden sowohl den Schleppern als auch den Seenotrettern und Politikern wie Salvini den Wind aus den Segeln nehmen.

almut.siefert@stzn.de

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