Benutzte Spritzen liegen am Rand von Spielplätzen, Rasierklingen unter Sitzbänken und blasse Junkies mit Augenringen ziehen durch die Straßen. Die Rede ist nicht vom Alltag in Berlin-Neukölln oder dem Frankfurter Bahnhofsviertel, sondern von einem Wohngebiet in Stuttgart: der Cannstatter Neckarvorstadt.
Noch ist das Viertel, das zwischen dem Hallschlag, der Wilhelma, dem Neckar und dem Kraftwerk Münster liegt, weit davon entfernt, eine sogenannte No-go-Area zu werden. Die Polizei hat aber den Bereich der Mombach-Grünanlage und die angrenzende Wohnbebauung zu einem Brennpunkt-Gebiet erklärt. Knapp 100 Einsätze, zu denen die Polizei dorthin innerhalb eines Jahres ausrücken musste, sprechen eine klare Sprache. Die Gründe für die Alarmierung sind Streitereien, Menschen in psychischen Ausnahmezuständen, Eigentumsdelikte, Sachbeschädigungen und Rauschgiftkriminalität. „Es besteht Handlungsbedarf, das lässt sich nicht leugnen“, sagt die Polizeisprecherin Kara Starke. Auch aufgrund der massiven Beschwerden der Anwohner habe die Polizei in der Neckarvorstadt einen „Überwachungsauftrag“. Dazu zählt, dass Polizeibeamte der Einsatzhundertschaft dort regelmäßig auf Streife gehen. Am Donnerstagabend ist wieder ein Polizeieinsatz in dem Gebiet. Eine Person sei festgenommen worden, bestätigt ein Sprecher der Polizei auf Nachfrage. Welcher Verdacht gegen die Person vorliege, war am Abend noch nicht zu erfahren.
Viele Einsätze in und rund um ein Wohnhaus
In den meisten Fallakten taucht immer wieder ein Wohnhaus auf. Mitte Februar wurde dort im Treppenhaus Benzin ausgeschüttet und angezündet. Das Feuer war zwar relativ schnell gelöscht, durch die massive Rauchentwicklung wurden jedoch sieben Anwohner leicht verletzt. Drei Wochen zuvor fand die Polizei bei einer Wohnungsdurchsuchung im selben Gebäude zweieinhalb Kilogramm Amphetamin und rund 200 Gramm weitere Drogen und entdeckte zudem im Keller 35 gestohlene, hochwertige Fahrräder. Der mutmaßliche Raddieb und Drogenhändler ging den Beamten bei einer Verkehrskontrolle in Stammheim ins Netz, bei seiner Festnahme hatte er 20 Gramm Heroin, 15 Gramm Metamphetamin und rund 1500 Euro mutmaßliches Dealergeld sowie einen Bolzenschneider bei sich. Der 47 Jahre alte Mann sitzt zwar längst in Untersuchungshaft, das Wohnhaus ist aber offenbar noch immer eine feste Anlaufstelle für Drogenabhängige. „Entsprechende Ermittlungen laufen“, bestätigt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Ansonsten hält sie sich bedeckt.
„Es reicht uns. Es muss endlich etwas passieren“, sagen Anwohner, die genug von Junkies haben, die nur in das Wohngebiet kommen, um sich den nächsten Schuss zu setzen. „Wir haben seit Mitte Juli mehr als 100 Spritzen eingesammelt“, sagt eine 39-jährige Frau, die seit 2008 in dem Stadtteil lebt und nun mit anderen Nachbarn eine Bürgerinitiative gegründet hat. Das Motto: „Sauber bleiben, sicher in der Neckarvorstadt“. In erster Linie zum Schutz der Kinder gehen die Anwohner regelmäßig mit ihren Hunden durch die Mombach-Grünanlage und suchen nach Fixer-Besteck. Dass man nicht überall sein kann, zeigen zwei Beispiele: Ein 62-Jähriger setzte sich auf eine Bank und fasste dabei in eine Kanüle. Offenbar ist er mit dem Schrecken davon gekommen. „Nach mehreren Blutuntersuchungen ist noch immer alles im grünen Bereich“, sagt er. Auch ein kleiner Junge hatte Glück im Unglück, er trat zwar auf einem Spielplatz auf das Gehäuse einer Spritze, verletzte sich aber nicht.
Gelbe Karten an die Stadt
Im Stuttgarter Rathaus sind seit dem Frühjahr rund ein Dutzend Gelbe Karten aus der Neckarvorstadt zu der Drogen-Problematik eingegangen. Auch von Eltern, deren Nachwuchs dort einen Kindergarten besucht. Der Forderung, die Reinigungsintervalle deutlich zu verkürzen, ist man offenbar schon nachgekommen. Auch der städtische Vollzugsdienst bestreift das Viertel vermehrt. Als Sofortmaßnahme könnten sich die Anwohner zudem Boxen zur sicheren Entsorgung von Spritzen vorstellen. Außerdem müsse man Straßensozialarbeiter einsetzen, um den Süchtigen zu helfen. Man solle ihnen entsprechende Angebote unterbreiten. Weitere Beschwerden liegen zum geschilderten Drogenhandel, verbunden mit Lärm zur Tages- und Nachtzeit, vor. Doch wie könnte man den Dealern das Handwerk legen?
Konkreter Verdacht für Durchsuchungsbeschluss
Anwohner wünschen sich Razzien. Ganz so einfach ist das im aktuellen Fall aber offenbar nicht. In Deutschland ist die Unverletzlichkeit der Wohnung im Grundgesetz verankert. Voraussetzung für einen Durchsuchungsbeschluss ist ein konkreter Verdacht, der gegen einen Beschuldigten vorliegt. Und hier liegt wohl das Problem: In dem besagten Haus wohnen zahlreiche Parteien in Einzimmerwohnungen, ob einer der Mieter mit Drogen handelt, ist unklar. „Ich gehe davon aus, dass die Dealer Gäste sind, die sich im Tausch gegen Rauschgift einquartieren“, sagt der Vermieter. „So wie es ist, kann es aber nicht bleiben“, pflichtet er der Nachbarschaft bei. Er prüfe rechtliche Schritte und stehe im Austausch mit der Polizei.
Marius Livschütz, Sprecher des Eigentümervereins Haus & Grund Stuttgart, begrüßt, dass der Vermieter den Kontakt zur Polizei gesucht hat. „Je nach Ermittlungsergebnis kann eine erhebliche Pflichtverletzung nachgewiesen werden.“ Besteht ein konkreter Verdacht, könne fristlos gekündigt werden. „Sollten Gäste Probleme verursachen, kann der Mieter zumindest abgemahnt werden. Es liegt nämlich in seiner Verantwortung, das Verhalten seines Besuchs zu kontrollieren.“ Aber: Dazu müsse der Dealer dem Mieter zugerechnet werden können.