Festnahmen und Waffenfunde Tobt in Göppingen ein Rockerkrieg?

Gleich mehrere Spezialeinsatzkommandos waren an den Razzien beteiligt (Symbolbild). Foto: picture alliance/dpa

Drogenhandel, Schlagstöcke, scharfe Munition: Die Polizei hat im Raum Göppingen zwei Männer festgenommen. Das könnte jedoch nur die Spitze eines Eisbergs sein.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Das Waffenarsenal ist beeindruckend. Scharfe Munition, eine Schreckschusswaffe, zwei Schlagstöcke, zwei Messer, 25 Baseballschläger sowie mehrere Abwehrsprays hat die Polizei am Dienstag sichergestellt. Dazu kommt Bargeld im hohen fünfstelligen Bereich. Gefunden bei Razzien in insgesamt zehn Objekten in Göppingen, Eislingen und Uhingen. Außerdem wurden unter anderem ein Auto, ein Motorrad, hochwertige Uhren und Schmuck eingezogen.

 

Hinter Gittern sitzen nun zwei Männer im Alter von 43 und 57 Jahren. Sie sollen Drahtzieher eines groß angelegten Drogenhandels sein. Vor allem Kokain im zweistelligen Kilobereich soll verkauft worden sein. Laut Polizei gehören die beiden zu „einer Tätergruppierung aus dem Rockermilieu“ – genauso wie drei weitere Männer, zwei 24-Jährige und ein 44-Jähriger, die nach ihrer vorläufigen Festnahme wieder auf freien Fuß gekommen sind.

Mehrere Spezialeinsatzkommandos vor Ort

Für wie gefährlich die Gruppe gehalten wird, zeigt nicht nur das aufgefundene Waffenarsenal. Für die Durchsuchungen am Dienstag sind gleich mehrere Spezialeinsatzkommandos, Kräfte des Polizeipräsidiums Ulm und des Polizeipräsidiums Einsatz sowie Polizeihunde aufgeboten worden. Doch um was für eine Gruppierung handelt es sich eigentlich? Laut Polizei und Staatsanwaltschaft um keine, die in engerem Zusammenhang mit den beiden kriminellen Banden steht, die sich in der Region Stuttgart bereits seit längerem bekriegen.

Nach Informationen unserer Zeitung herrscht besonders in der Motorradszene im Landkreis Göppingen seit einigen Monaten Aufregung. Die Gruppe soll vor etwa einem halben Jahr dort aufgetaucht sein. Angeblich handelt es sich um Männer, die aus dem Reutlinger Charter einer Rockergruppe ausgeschlossen worden sind und ihre Aktivitäten danach Richtung Göppingen verlagert haben. Laut Insidern betreiben sie dort nicht nur Drogenhandel, sondern stellen auch Türsteher von Clubs und versuchen auf vielfältige Weise, das Kommando zu übernehmen.

Aufruhr in der Motorradszene

Dazu gehört offenbar auch das Einschüchtern anderer Gruppen und allgemein von Angehörigen der Motorradszene. Die sollen sogar ein Kuttenverbot ausgesprochen bekommen haben. Bei Verstößen soll es bereits zum Kuttenraub und zu massiven Körperverletzungen gekommen sein. Die Rede ist auch davon, dass die neue Gruppierung abends mit Motorrädern durch die Fußgängerzone fahre, um Präsenz zu zeigen, und auch schon auf der B 10 Motorradfahrer angehalten habe.

„Die mischen hier alles auf und wollen womöglich Strukturen aufbauen, die von Reutlingen bis nach Ulm reichen“, sagt ein Angehöriger der Szene. Dabei schrecke die Gruppe auch vor Waffengewalt nicht zurück. Und da so mancher im Rockerumfeld lieber nichts mit der Polizei zu tun habe und die Dinge selbst in die Hand nehme, sei auch mit Racheakten zu rechnen.

Bei der Ulmer Staatsanwaltschaft nennt man inzwischen Details. „Bei der Rockergruppierung handelt es sich um den Hells Angels MC Nomads South. Im Zuge der Maßnahmen wurde unter anderem das Clubheim dieser Gruppierung durchsucht. Bei einem der festgenommenen Zielpersonen handelt es sich um eine der führenden Personen dieser Rockergruppierung“, sagt Oberstaatsanwalt Michael Bischofberger. Nach Erkenntnissen der Kriminalpolizei „stehen die Hells Angels Charter Reutlingen und Göppingen in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander“.

Im Laufe des vergangenen Jahres habe es eine Namensänderung des Charters in Göppingen gegeben – aus dem ursprünglichen Charter „South Area“ sei „Nomads South“ geworden. Die Hintergründe hierzu seien nicht bekannt. „Die Hells Angels Göppingen sind seit vielen Jahren aktiv, haben aber in der letzten Zeit an Zulauf gewonnen und zeigen verstärkt Präsenz auch in der Innenstadt“, bestätigt Bischofberger. Dies werde auch durch die Eröffnung der „Bikers Bar“ in der Hauptstraße durch die Bevölkerung so wahrgenommen. „Es ist allgemein bekannt, dass es innerhalb dieses Milieus klare Regeln in Bezug auf das Tragen von Kutten und deren sogenannte Abzeichen gibt“, so Bischofberger.

Weitere Razzia am Mittwoch

Die Festnahmen seien aufgrund von Erkenntnissen der Auswertung der Daten von sogenannten Kryptohandys erfolgt – also Smartphones, die die Übertragung verschlüsseln. „Die zur Last gelegten Taten liegen auch schon Jahre zurück. Die Ermittlungen betreffen aber natürlich auch die aktuelle Situation“, sagt Bischofberger.

Am Mittwoch hat es in Göppingen nach Informationen unserer Zeitung indes erneut eine größere Razzia gegeben – und zwar in zwei Fahrschulen und einer Wohnung. Zuständig dafür war aber nicht das Polizeipräsidium Ulm, sondern das in Heilbronn. Laut einem Polizeisprecher hatte diese Aktion mit den Durchsuchungen in der regionalen Rockerszene nichts zu tun. Sie sei stattdessen Teil von bundesweiten Ermittlungen, bei denen es um Betrug bei Führerscheinprüfungen geht.

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