Auf der Suche nach Entschleunigung führt Martina Schaff durch den Feuerbacher Forst. Unsere Autorin war dabei und berichtet von ihren Erlebnissen.

S-Feuerbach - Um es vorweg zu sagen: Gebadet wird hier nicht, und schon in der Ausschreibung steht: „Kein Bäume-Umarmen (außer, Sie möchten es).“ Was also ist Waldbaden? Die Autorin ist bei einem Anfängerkurs durch den Feuerbacher Wald mitgegangen und schildert ihre Erfahrungen:

Bis eben musste ich Artikel fertig schreiben – Sonntag oder nicht. Für Waldbaden, was immer das sein mag, habe ich jetzt eigentlich keinen Kopf. Martina Schaff kennt das schon. Die Feuerbacherin ist von Haus aus Wirtschafts- und Gesundheitswissenschaftlerin, leitet nebenberuflich seit gut zwei Jahren Kurse im Waldbaden. „Bevor wir nun in den Wald eintreten, überlegen Sie, welche Gedanken Sie nicht mit hineinnehmen wollen und legen Sie sie dort ab“, sagt sie und deutet neben eine Schranke über den Weg.

„Herbst!“, signalisiert das Gehirn beim Schnuppern an Erde

Keiner aus der Gruppe hat zuvor ein Waldbaden mitgemacht, also erklärt Schaff die Regeln: Nach dem Eintreten wird außer ihr niemand mehr sprechen. Mit einem Glöckchen ruft sie die Gruppe zusammen und sagt dann die Übungen an. Die Teilnehmer müssen also zumindest in Hörweite bleiben, ansonsten kann aber jeder machen, wonach ihm der Sinn steht. Und: Es wird geschlendert, voller Muße – mal hier hin, mal dort hin.

Zu Beginn sollen die Gäste die Grüntöne der Umgebung wahrnehmen. Danach wird, je nach Ansage, geschaut, gelauscht, gefühlt oder geschnuppert. Mit allen Sinnen sollen wir den Wald entdecken. Ich rieche an einer Handvoll Erde. „Herbst!“, signalisiert mein Gehirn sofort, so intensiv ist der Geruch nach Verfall und Feuchtigkeit. Später höre ich den Wind in den Blättern, bis ein dreidimensionaler Klangraum entsteht, dazu Vogelgezwitscher und das Geläut der Stadtkirche.

Die Verbindung zur Natur wiederherstellen

Was hierzulande irreführend „Waldbaden“ heißt, haben als erstes die Japaner in seiner beruhigenden Wirkung wissenschaftlich belegt. „Shinrin-yoku“ sagen sie dazu, „in die Atmosphäre des Waldes eintauchen“, hat Schaff zuvor erklärt. Sie hat vor einigen Jahren selbst nach Entspannung gesucht, dabei erst das Waldbaden entdeckt und sich dann zur Kursleiterin ausbilden lassen: „Wir haben die Verbindung zur Natur verloren, das Waldbaden stellt sie wieder her.“

Warum das so ist, daran scheiden sich die Geister: Sind es die Botenstoffe der Pflanzen, sogenannte Terpene, denen man eine beruhigende Wirkung zuschreibt? Oder ruft die klare Waldluft einfach Erinnerungen an unbeschwerte Kindertage hervor? Für die Meditation hat mir die Natur quasi einen Plüschsessel in Form eines mit Moos bewachsenen Baumstumpfes hingestellt. Konzentrieren kann ich mich wegen der Schnaken trotzdem nicht. Dabei sollen wir mit dem Herzen lächeln. Ein Sirren, ein Klatschen: Jetzt lächle ich doch – mit jeder Faser meines Körpers!

Stechmückenlastige Atemmeditation

Die Zeit vergeht im Flug, und nach einer letzten stechmückenlastigen Atemmeditation, fragt Schaff die Runde nach Anregungen oder Kritik. Fast alle fühlen sich entspannter und wollen die Übungen für sich wiederholen. Eine Frau sagt, es habe zuerst gestört, dass man nichts über die anderen Teilnehmer erfahren habe: „Im Rückblick finde ich diese Anonymität aber gut, so ging man eher im Wald auf.“ Schaff erzählt noch von ihrem neuesten Angebot: Neben Waldbaden für Anfänger und Fortgeschrittene gibt es noch „Himmelwärts“, das die Wald-Achtsamkeitsübungen mit kleinen Bibelmeditationen verbindet.

Zum Abschied bekommt jeder einen grünen Stift – zur Erinnerung. Er hat den Farbton Saftgrün, benannt nach der Farbe junger Pflanzentriebe im Frühling, und riecht eindeutig nach Schulanfang. Wenn man mal alle Sinne einsetzt, hallt das noch eine Weile nach. Die negativen Gedanken liegen übrigens immer noch neben der Schranke.

Waldbaden für Anfänger

Termin und Infos
Am Sonntag, 7. Oktober, findet von 9 bis 11.30 Uhr ein weiteres Waldbaden für Anfänger statt, am Sonntag, 7. November, von 14.30 bis 17 Uhr eine “Himmelwärts”-Führung. Weitere Informationen gibt es unter www.auszeitwald.de.