InterviewFeuerwehrkommandant aus Hemmingen Für viele Menschen ist die Feuerwehr ein Servicedienstleister

Von Stefanie Köhler 

Marco Spera und Timo Jesse erzählen im Interview, warum die Floriansjünger imm öfter wegen Kleinigkeiten ausrücken müssen, sie sprechen über Hemmschwellen und die Aussicht auf eine bessere Bezahlung.

Menschen greifen heute schneller zum Telefonhörer und wählen die 112. Foto: factum/Weise 2 Bilder
Menschen greifen heute schneller zum Telefonhörer und wählen die 112. Foto: factum/Weise

Hemmingen - Marco Spera (37) und Timo Jesse (32) leiten seit vielen Jahren die Hemminger (Kreis Ludwigsburg) Floriansjünger. Sie stellen fest, dass die Bürger den „Service der Feuerwehr“ gern mal missbrauchen. Im Interview sprechen sie über Hemmschwellen, Motivation und die Zukunft.

Herr Spera, Ihre Tätigkeit als Kommandant der Hemminger Feuerwehr bestimmt Ihr Leben. Dabei war es vor 16 Jahren eher ein Mittel zum Zweck, dass Sie zu den Floriansjüngern gegangen sind.

Spera Ich verweigerte den Kriegsdienst und verpflichtete mich deshalb für sieben Jahre bei der Feuerwehr. Ich absolvierte alle Ausbildungen bis zum Gruppen- und Zugführer. Das habe ich nie bereut. Vor rund acht Jahren überlegten wir mit dem damaligen Kommandanten, wie es weitergeht, da er altersbedingt aufhörte – und ich war der Erste, der nicht gleich Nein geschrien hat. Für mich war klar, dass es in die Richtung Führungsspitze gehen kann. Dort kann man viel bewegen, und wir befanden uns damals in einer Phase, in der wir viel bewegen mussten – Stichwort neues Feuerwehrhaus.

Bei Ihnen, Herr Jesse, war es etwas anders – und doch ähnlich.

Jesse Im Jahr 2000 gründete sich die Jugendfeuerwehr, und ich wurde als Gründungsmitglied aufgenommen. Der nächste logische Schritt war die Aufnahme bei den Aktiven. Ich habe mich ebenfalls bei der Feuerwehr verpflichtet, zumal auch für mich immer klar war, dass es bei der Feuerwehr weitergeht. So konnte ich das Gute mit dem Nützlichen verbinden. Als der frühere Kommandant sein Amt abgab, ging auch sein Stellvertreter. Dessen Posten habe ich dann übernommen. Marco und ich harmonierten schon immer gut.

Spera Wir haben beide dieselbe Ansicht: Wir tun Dinge ganz oder gar nicht. Die Posten sind uns das Engagement wert.

Mit dieser Einstellung investieren Sie wohl viel Zeit ins Ehrenamt?

Spera Ich schätze, dass unsere Arbeit rund 15 Stunden pro Woche erfordert – zuzüglich der Einsätze, die naturgemäß schwer zu kalkulieren sind. Die Einsatzkräfte ohne Leitungsfunktion investieren für Übungen gut zwei Stunden pro Woche. Obendrauf kommen dann noch Lehrgänge und Einsätze.

Jesse Man richtet sein Leben unbewusst nach der Feuerwehr aus und stellt Persönliches hinten an. Für alle Fälle lege ich mir jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Jogginghose und Socken bereit. Man weiß ja nie, um wie viel Uhr ein Einsatz ist.

Von 2020 an bekommt die Feuerwehr mehr Geld für ihren Einsatz. Spornt das an?

Jesse Wegen des Einsatzgeldes kommt keiner zur Feuerwehr, das ist nicht der Ansporn. Allein die Grundausbildung von 80 Stunden ist zeitintensiv und wird mit einem knapp dreistelligen Betrag vergütet. Die Erhöhung ist fair und dazu da, weil man seine Familie verlässt und das eigene Auto nutzt, um zum Feuerwehrhaus zu fahren – kurz: Damit man unterm Strich nicht drauflegt. Wer bei der Feuerwehr ist, hat eine andere Motivation als Geld. Ein großer Faktor ist, anderen zu helfen.

Spera Das Geld ist eine Aufwandsentschädigung, wie der Name schon sagt. Letztlich bringen schon kleine Einsätze, wie eine Ölspur zu beseitigen oder eine Tür zu öffnen den kompletten Tagesablauf durcheinander. Kürzlich wurden wir um 2.30 Uhr zu einer älteren Dame gerufen, die Wespen in der Wohnung hatte. Als ich wieder im Bett lag, war an Schlaf kaum mehr zu denken.

Die Feuerwehr rettet Bürger vor Wespen?

Spera Die Leitstelle hielt es für richtig, die Feuerwehr zu schicken. Die Dame hatte den Vorfall hübsch verpackt: Sie sei mehrfach gestochen worden, und es liege ein medizinischer Notfall vor.

Jesse Solche Einsätze sind für die Motivation frustrierend. Zum Glück passiert so etwas selten. Bei manchen Menschen liegt allerdings doch die Vermutung nahe, dass sie lieber die Feuerwehr anstatt den Schlüsseldienst holen.

Wie meinen Sie das?

Spera Die Aufgaben der Feuerwehr haben sich gewandelt. Mittlerweile arbeiten wir ein riesiges Spektrum ab – inklusive Verwaltungsarbeiten. Voriges Jahr forderten uns technische Einsätze wie Verkehrsunfälle und Türöffnungen am meisten. Klassisch mit dem Schlauch Brände löschen wir nur noch in rund einem Drittel der Fälle. Der Service der Feuerwehr wird gern und öfter genutzt, sodass wir häufiger zu kleineren Einsätzen fahren. Anders als früher holen die Menschen heute viel schneller Hilfe von außen.

Nennen Sie ein Beispiel.

Spera Sperrte man sich früher aus, während das Essen auf dem Herd stand, versuchte man sich selbst zu helfen. Heute ruft man mal schnell die 112. Oder man schämte sich, es Dritte geradebiegen zu lassen, wenn der Abfluss verstopft war. Dass wir nach einem Unwetter bei vollgelaufenen Kellern helfen, steht außer Frage. Aber manche Menschen erwarten, dass wir den Boden auf Hochglanz polieren, nachdem wir den Keller leergepumpt haben – weil ein Hahn nicht abgedreht war.

Woran liegt das? Mangelt es an Respekt?

Spera Bisher wurden wir nicht angegriffen, wie das bei Rettungsdiensten oder der Polizei vorkommt, doch viele machen es sich einfach. Da fragen Anwohner, ob man nicht wegfahren könne – man müsse Brötchen besorgen. Die Hemmschwelle ist gesunken, das gilt vielleicht auch bei der Alarmierung der Feuerwehr, zumal die Allgemeinheit einen Einsatz zahlt. Da wird beim Anruf in der Leitstelle ein großes Fass aufgemacht – und dort will sich niemand in die Nesseln setzen, indem er Hilfe verweigert. Schließlich ist etwa bei einem vergessenen Topf auf dem Herd zunächst einmal Gefahr im Verzug.

Was können Sie dagegen tun?

Jesse Da muss die Verwaltung einer Kommune einschreiten, denn es ist ihre Pflichtaufgabe, eine Feuerwehr aufzustellen. Wir selbst sind machtlos.

Es gibt aber auch erfreuliche Nachrichten: Viele Feuerwehren klagen über Nachwuchsmangel und sinkendes Engagement, nicht so Hemmingen.

Spera Es könnten natürlich immer mehr Kameraden sein, aber im Vergleich zu anderen Kommunen im Kreis sind wir tatsächlich in einer komfortablen Situation. Wir sind mit 60 Aktiven gut aufgestellt – auch tagsüber, wo im Schnitt mehr als 20 Feuerwehrleute verfügbar sind. Uns gehören viele Landwirte und im Ort ansässige Gewerbetreibende an, außerdem ein Mitarbeiter des Bauhofs – und mit Timo ein Angehöriger der Werkfeuerwehr in Weissach. Der Vorteil hierdurch für uns ist die damit verbundene Schichttätigkeit.

Jesse Allerdings dürfen wir nicht den Punkt verschlafen, an dem wir bei der Gewinnung von neuen Kameraden aktiver werden müssen. Viele der Landwirte sind jetzt knapp über 50. Wenn die mal alle in Rente gehen, bricht ein Brocken Ortsansässiger weg. Und bei den jungen Leuten studieren viele, weshalb sie dann nicht mehr vor Ort sind.

Also verschwendet keiner einen Gedanken an eine Fusion zum Beispiel mit Schwieberdingen?! Immerhin hat die Gemeinde mit Hemmingen einen gemeinsamen Verwaltungsverband für die Glemstalschule.

Spera Naja, da unser neues Feuerwehrhaus im Gewerbegebiet in Richtung Schwieberdingen steht, haben wir uns am Anfang schon gefragt, ob da etwa etwas in Kombination angedacht ist (lacht). Nein, im Ernst. Eine Fusion ist natürlich nie gänzlich ausgeschlossen, aber im Moment absolut kein Thema.

Jesse Da stünden mit Blick auf die Hilfsfristen auch rechtliche Hürden im Weg: Der Bürger hat das Recht darauf, dass ihm nach spätestens zehn Minuten geholfen wird, bei der Feuerwehr ist die Rede von fünf Minuten, bis sie ausrückt. Sollten wir einmal zwischen Hemmingen und Schwieberdingen sein, bezweifle ich, dass wir binnen fünf Minuten im Schauchert bei den Hochhäusern sind.

Im vergangenen Herbst bezog die Feuerwehr ihre neue, 3,7 Millionen Euro teure Unterkunft in der Konrad-Haller-Straße. Ist die Wehr damit nun auch bei der Ausstattung gut aufgestellt?

Jesse Wir machen riesige Schritte und sind auf einem guten Weg. Die vergangenen Jahre waren geprägt vom Neubau des Feuerwehrhauses, im Dezember kriegen wir endlich eine neue Drehleiter. Damit sind zwei dicke Brocken gemeistert, und wir haben einen modernen Fuhrpark. In den nächsten Jahren werden noch kleine Fahrzeuge ersetzt, zudem bekommen wir neue Einsatzkleidung. Die Feuerwehr kostet Geld, aber die Investitionen waren seit Langem absehbar.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit der Gemeinde?

Spera Die Verwaltung hat für uns immer ein offenes Ohr, unsere Wünsche und Bedürfnisse werden gehört. Der Bürgermeister hat ein extrem gutes Grundverständnis, was Feuerwehr betrifft. Auch besteht ein großes Vertrauensverhältnis. Thomas Schäfer weiß: Wenn wir etwas brauchen, dann tun wir es kund und verlangen auch nur das Nötige.

Jesse Das Vertrauen haben wir uns erarbeitet. Beim neuen Feuerwehrhaus zum Beispiel hat die Gemeinde dank uns viel Geld gespart. Das weiß und schätzt sie auch. So haben wir mit Baubeteiligten unangenehme Gespräche geführt, um an der Ausstattung dort runterzuschrauben, wo es uns zu opulent erschien, und um Kosten zu senken. Allein bei der Lüftungsanlage wurden 40 000 Euro gespart.

Spera Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch kontrovers diskutieren können.




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