Feuerwerk in Stadien Die Zündeleien der Fußballfans

Pyrotechnik im Fußballstadion Foto: dapd 3 Bilder
Pyrotechnik im Fußballstadion Foto: dapd

Bengalische Feuer und Ausschreitungen in den Fußballstadien gefährden den Fortbestand der Fankultur - und die Stehplätze im Stadion.

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Frankfurt - Den Jahreswechsel hat Holger Hieronymus bei der Familie in der Hamburger Heimat verbracht. Und doch beschlich das Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball-Liga (DFL) kurz vor Silvester im Supermarkt ein mulmiges Gefühl, als ihm seine Ehefrau Andrea ein Sortiment an Feuerwerkskörpern in den Einkaufswagen legte. So rasch wie die Dinger in seinen Korb gelangten, seien sie wieder ins Regal gewandert. "Mittlerweile hege ich gegen Pyrotechnik eine gewisse Phobie. Stellen Sie sich mal vor, dass es heißt: Der Hieronymus zündelt!"' Ergo ist der Jahreswechsel vor seinem Haus ohne Böller und Raketen vonstattengegangen.

Mit dieser Anekdote aus seinem Privatleben wollte der DFL-Funktionär und Ex-Bundesligaprofi beim Hintergrundgespräch in der Frankfurter Verbandszentrale verdeutlichen, wie kurz die Zündschnur bei einem der heikelsten Themen im deutschen Fußball geworden ist. Ausschreitungen und Gewalt reichen über die Profiligen hinaus; gerade erst haben die Gewaltexzesse beim Hamburger Hallenturnier die jahrzehntelang gepflegte Tradition einer familienfreundlichen Veranstaltung konterkariert.

Hieronymus spricht eine deutliche Warnung aus: "Dass ein Diebstahl eines Banners in die Eskalation bei einem Hallenturnier mündet, ist nicht akzeptabel. DFB und DFL wollen einerseits die einzigartige Fankultur in Deutschland erhalten. Andererseits sollen weder Repressionen noch widerrechtliche Handlungen der Fanszene diese selbst gefährden."

Kommunikation statt Konfrontation

Die Fülle an Verfehlungen haben im vergangenen Jahr nicht nur die Gründung einer Task-Force Sicherheit unter Regie von DFB und DFL erforderlich gemacht, sondern auch die Politik alarmiert, die vor einem Monat bei der Innenministerkonferenz der Länder bereits über die Abschaffung der Stehplätze debattiert hat, ohne indes dazu irgendwelche Beschlussvorlagen zu erarbeiten. Diese Gefahr sei mittlerweile existent, räumte Hieronymus gestern ein. Der 52-Jährige hält persönlich die Stehplätze "für schützenswert, das ist Fankultur - Pyrotechnik ist das nicht".

Keine 200 Meter Luftlinie von der DFB-Zentrale sitzt Michael Gabriel. Der 47-Jährige leitet aus dem Haus des Sports die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) und hat zu vielen Themen eine andere Meinung. Er bringt immer wieder zum Ausdruck, dass Kommunikation statt Konfrontation das Ziel sein müsse. Und er warnt davor, die ohnehin stark unterschiedliche Anhängerschaft mit kollektiven Sanktionen oder massenhaften Stadionverboten zu überziehen.

Verstärkte Repressionen haben schon oft in fragwürdigen Solidarisierungen gemündet: Gerade die gewaltbereiten Ultras schlüpfen unerkannt in der Masse unter, weil sie sich als selbstgerechte Speerspitze gegen das Feindbild Polizei gerieren. Gabriel: "Wir haben lehrreiche Beispiele, wie wir mit Fankultur nicht umgehen sollten. In Italien ist auf die Faninteressen nie eingegangen und nur mit Repressalien reagiert worden. In England ist alles über den sozialen Ausschluss geregelt worden, es gibt nur noch Sitzplätze, und eine Karte ist kaum noch bezahlbar." Weil in Deutschland das Massenphänomen Fußball ein so attraktives Ereignis für die ganze Gesellschaft darstelle, dürfe der damit verbundene soziale Kitt nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Pyrotechnik nicht mit Sicherheitsanspruch vereinbar

Aus seiner Sicht werde die Problematik überzeichnet. Man müsse doch froh sein, dass es in den 80er Jahren noch kein Twitter und Internet, Handykameras oder Youtube gab - wegen der Hardcore-Schreckensbilder. Damals pilgerten im Durchschnitt ja nicht einmal 20.000 Menschen zu einem Bundesligaspiel, weil sich viele inden oft unwirtlichen Stadien vor Rowdys, Randalierern und Hooligans fürchteten. Mit dem Tiefpunkt im Oktober 1982, als der damals 16-jährige Bremer Glaserlehrling Adrian Maleika nach einer schlachtenähnlichen Auseinandersetzung in Hamburg verstarb. Dabei eingesetzte Utensilien: Gaspistolen, Leuchtspurmunition, CS-Gas, Knüppel und Mauersteine.

Heute entzündet sich die Debatte zumeist an den gemeingefährlichen Bengalos, die in der Szene als Machtdemonstration und auch als Protestnote gelten, weil sich über den Sommer eine Geisterdebatte entfachte, die falsche Hoffnungen weckte. 55 teils verfeindete Ultra-Gruppierungen hatten sich auf Gespräche mit DFB- und DFL-Vertretern eingelassen und fühlten sich hernach "verschaukelt" (Gabriel). Missverständnisse über eine aus gesetzlicher Sicht kaum mögliche Legalisierung der Pyrotechnik räumten die Funktionäre am Dienstag nun ein, "das ist nicht gut gelaufen" (Hieronymus). Dennoch gelte: "Wir bleiben gerne mit den Fans im Gespräch, aber nicht über Pyrotechnik."

"Höchster Sicherheitsanspruch und der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion sind nicht vereinbar", insistierte der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert. Der 37-Jährige ist erst seit drei Monaten in seinem neuen Amt tätig und versucht sich an der Quadratur des Kreises. "Wenn man das Stilmittel Pyrotechnik anerkennt, dann schalten wir mit einem Schlag das Unrechtsbewusstsein ab", findet Große Lefert, der am Wochenende in Berlin beim von der Initiative "ProFans" ausgerichteten Fankongress teilnehmen wird.

Hieronymus: "Wir müssen und wollen im Dialog bleiben, damit uns die Themen nicht wegrutschen." Der DFL-Vertreter legt die Stirn in Falten und seufzt: "Es bleibt ein schwieriges Thema: Wahrscheinlich wird in 100 Jahren noch Fußball gespielt und in 105 Jahren noch gezündelt."




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