Fiasko bei der Ruhrtriennale Kunst als Kampfmittel für Antisemitismus

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Einen ganzen Staat kulturell zu boykottieren, ist in der Kultur schwerstes Geschütz. Die BDS-Kampagne setzt es international ein gegen Künstler aus Israel. Und die Ruhrtriennale führt gerade vor, wie erschreckend naiv die deutsche Szene darauf reagiert

Die israelfeindliche BDS-Bewegung will Israel durch Boykott isolieren. Foto: AP
Die israelfeindliche BDS-Bewegung will Israel durch Boykott isolieren. Foto: AP

Berlin - Soll die Politik die Kunst in Ruhe lassen? Wie ist es eigentlich umgekehrt? Wo läuft die Nahtstelle zwischen Kunst und der Benutzung von Kunst für Politik? Darf man Kunst politisch widersprechen? Sie boykottieren? Kann politische Korrektheit der Kunst Grenzen setzen? Wo ist die Grenze der Kunstfreiheit? Bei Rassismus? Und was, wenn ein Künstler seine Popularität für ein antisemitisches Projekt benutzt? Wenn er dabei auf einer deutschen Festivalbühne steht, finanziert von Steuergeldern? Soll Politik da schweigen? Wo beginnt Zensur? Das alles sind spannende, hochaktuelle Fragen, es wäre wichtig zu definieren, wie himmelweit der Unterschied ist zwischen der Übertünchung eines von manchen als sexistisch empfundenen Gedichts an einer Hauswand – und der Wortergreifungsstrategie politischer Bewegungen über das Vehikel der Kunstfreiheit.

Diese Fragen könnten bei einem Festival wie der Ruhrtriennale kontrovers verhandelt werden – am besten mit Absicht, denn es ist ja wahr: Der politische Diskurs ist polarisiert. Man sehnt sich dringend nach Kunst, die stört und unangenehm ist, die Grenzen auslotet. Es gibt genug zu streiten, gerade über Kunst- und Meinungsfreiheit in einer Welt, die über Warnhinweise auf möglicherweise verstörenden Büchern redet, in einem Land, dessen Bürger eine Partei zur größten Oppositionsfraktion gemacht haben, deren Abgeordnete von einer „Entsiffung des Kulturbetriebs“ sprechen.

Schöner Kunst machen ohne Politik

Was sich jetzt bei der Ruhrtriennale ereignet, ist aber eine vertane Chance. Und es ist ein Zeichen dafür, welche Abgewandtheit sich dieser kulturelle Betrieb in Wirklichkeit von der politischen Welt leistet – vielleicht einfach, weil sich schöner Kunst machen lässt, wenn man Politik höchstens assoziativ behandelt. Wer aber ein Programm konzipiert, das politische Fragen stellen will, für den taugt dieser Abstand nicht als hinreichende Erklärung.

Worum ging es? Für die Ruhrtriennale hatte die Intendantin Stefanie Carp sich die Überschrift „Zwischenzeiten“ gegeben und blickt auf Themen wie Migration, Vertreibung und Konflikte. „Wir wollen in offenen Gesellschaften leben, mit gleicher Beteiligung aller“, heißt es im Geleitwort. Eingeladen war auch die schottische Band Young Fathers. Die Hip-Hopper engagieren sich wie andere Künstler vor allem aus dem angelsächsischen Sprachraum für die israelfeindliche BDS-Bewegung. Das Ziel dieses internationalen Zusammenschlusses ohne klare Struktur ist, Israel durch Boykott und Sanktionen politisch, wirtschaftlich und kulturell zu isolieren. Im Kern wird das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Natürlich gab es Kritik an diesem Programmpunkt der Ruhrtriennale, es folgte die Bitte an die Band, sich zu distanzieren, was diese ablehnte, darauf kam die Ausladung und anschließend – nach einer Denkpause der Intendantin – eine erneute Einladung, welche die Band dann ausschlug. Der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagte den Festival-Besuch ab.

Carp will nun eine Podiumsdiskussion abhalten – die Besetzung besteht aus ihr selbst, einer Ministerin und zwei Künstlern, die dem BDS nahestehen oder die Absage an die Band kritisierten. Was wird dabei herauskommen? Sehr wahrscheinlich die unerträgliche Relativierung von Antisemitismus als legitimer Israelkritik.

Bestürzende Unkenntnis

Diese Entwicklung ist vor allem einer bestürzenden Unkenntnis zu verdanken. Das BDS-Movement habe sie nicht gekannt, erklärte Carp in einem Interview mit dem Online-Kulturmagazin „Nachtkritik“. Die Young Fathers habe ihr jemand vorgeschlagen und deren BDS-Unterstützung, als sie davon gehört habe, wohl nicht ernst genug genommen. Sie habe nicht die Zeit gehabt, sich genügend zu informieren und mit genügend Menschen zu sprechen.

So klingt es, wenn die feinziselierte Kunstwelt mit der Wirklichkeit kollidiert, in der besonders im Bereich der Popkultur moderne, wendige Propagandisten agieren.

Wer die Young Fathers kennt, dem kann deren Engagement nicht entgangen sein – spätestens, seit die Band in typischer BDS-Manier im vergangenen Jahr ihren Auftritt beim Pop-Kultur-Festival in Berlin absagte, weil die israelische Botschaft einen kleinen Reisekostenzuschuss für eine Künstlerin gewährt hatte. Das zog eine kulturpolitische Debatte nach sich, der man im popkulturellen Raum begegnen musste. Sie hätten das Gefühl, Israel wolle auf diese Weise seinen „Umgang mit den Palästinensern übertünchen“, begründeten die Hip-Hopper erst kürzlich noch einmal in einem Interview im Deutschlandfunk. An diesem Mittwoch beginnt in Berlin die diesjährige Auflage des Festivals – und diesmal sind es fünf Sänger und Bands, die ihre Teilnahme aus demselben Grund abgesagt haben, darunter Gwenno und der Folkmusiker Richard Dawson.

Die Kunst als Kampfmittel

Der BDS hat in Deutschland bisher deutlich weniger Fuß gefasst als in Skandinavien oder Großbritannien. Es ist gerade die Popkultur, in der es der Kampagne mit ihrer Wortergreifungsstrategie und nach Solidarität heischenden Parolen am ehesten gelingt, sich Gehör zu verschaffen. Was Künstler wie die Young Fathers in Berlin exerzierten, ist nichts anderes als ein Handeln nach der Parole: Juden sind hier unerwünscht – mitten in Deutschland. Das ist keine Meinung, das ist Antisemitismus, und die Kunst wird als Kampfmittel dafür benutzt. Der Politik ist das nicht entgangen – sie bezieht Position. Der Bundestag hat die BDS-Kampagne in diesem Frühjahr verurteilt. Kommunen wie München, Frankfurt und auch Berlin haben beschlossen, dem BDS keine Räume zur Verfügung zu stellen.

Das unbedachte Agieren der Ruhrtriennale hat nun der Bewegung zu der von ihr erwünschten Aufmerksamkeit verholfen. Es bleibt eine Intendantin, die sagt, sie wisse „noch nicht genug“ über den BDS ,zu dem es „unterschiedliche Einschätzungen“ gebe. Dabei ist es gar nicht schwierig: Wer das Existenzrecht Israels infrage stellt, kann kein Diskurspartner sein.