Figurentheaterfestival Stuttgart Am Ende wird alles zum Knäuel

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In der Musikhochschule in Stuttgart waren Figurentheater-Studenten zu Gast, um zu demonstrieren, wohin die künstlerische Reise geht.

Wiebke Schulz lässt bei „Romeo und Julia“ die Puppen fliegen. Foto: Festival
Wiebke Schulz lässt bei „Romeo und Julia“ die Puppen fliegen. Foto: Festival

Stuttgart - Der Kerl hat seinen Körper vergessen. Wo ist der Bauch geblieben? Wo sind die Beine? In dem Figurentheater „Merlin Fragment“ ist Merlin selbst fragmentiert: ein Schädel, zwei Hände, zwei Füße, mehr nicht. Auch wenn es immer heißt, dass dem modernen Menschen die Fantasie fehle, funktioniert die Imagination doch perfekt: Sofort assoziiert man als Betrachter den Leib von Merlin, dem Zauberer. Der Kopf rutscht gen Boden – und schon meint man zu sehen, wie Merlin zum Zwerg wird, wie er schrumpft, sich wieder ausdehnt und später sogar im Weltraum schwebt. Ganz losgelöst von der Erde.

Es war ein herrliches Spiel mit der eigenen, willigen Fantasie, welche die Studierenden der Berliner Ernst-Busch- Schule mit Witz und Klugheit herauskitzelten. Sie waren mit „Merlin Fragment“ zu Gast beim Festival „Die wo spielen“ in Stuttgart. Vier Tage lang haben Studierend des Figurentheaters aus Stuttgart, Berlin, Prag und dem französischen Charleville-Mézières in der hiesigen Musikhochschule vorgestellt, was sie im Studium lernen und was sie bereits können.

„Merlin Fragment“ war einer der Höhepunkte des Festivals. Gleich drei Studenten führten die an Fäden hängenden Körperteile Merlins – und taten das so virtuos, dass einem das kalte Grausen kam, wie der Zauberer eine junge Frau (Myriam Rossbach) lüstern anmacht und antatscht.

Spannend: das Festival findet mitten in der Hochschule statt

Ein spielerisch aufbereiteter philosophischer Exkurs, witzig, gescheit – und sehr vielversprechend. Dabei ist „Merlin Fragment“ schon im zweiten Studienjahr entstanden, im Marionettenkurs. Trotzdem sollte man sich nicht täuschen lassen: Der Weg zum Figurenspieler ist weit und mühsam. Die Erstsemester des Stuttgarter Studiengangs Figurentheater haben kleine Szenen vorgestellt, die sie im Animationsunterricht erarbeitet haben. Aufgabe war es, Alltagsgegenständen Leben einzuhauchen, sie zu animieren und mit ihnen zu spielen. Da wird ein Fußball unter dem Kapuzenpulli zum Gegenüber, eine zerknäulte Gummischnur kann als Bart oder Maske dienen. Sonnenschirme öffnen sich wie riesige Seerosen, und selbst mit einer Krücke lässt sich Clownerie betreiben. Diese „Manifeste“ der Anfänger sind unfertige Momentaufnahmen, aber verraten viel über die Kunst des Figurenspiels und das Spiel mit dem Material. Ohnehin ist dieses kleine Festival spannend, weil es mitten in der Hochschule stattfindet. An den Wänden hängen Kurspläne und allerhand skurrile Objekte, selbst die Toilette ist hier künstlerisch aufgepeppt.

So war der Andrang auch groß an den vier Tagen, auch wenn längst nicht alles reibungslos lief. Das Festival wird komplett von den Studenten organisiert – denn das will ebenso gelernt und geübt sein wie das Spiel mit Hand- und Stabpuppen, mit Marionetten oder Masken. Wiebke Schulz beispielsweise hat sich für Kasperlfiguren entschieden bei ihrem Solo „Romeo und Julia“ – im Schnelldurchlauf. Sie hat ihre Kasperlpuppen auf einer Schulbank ausgebreitet und schnappt sie sich nach Bedarf. Die Studentin braucht keine weiteren Requisiten, sie sagt die Regieanweisungen an – „Julia auf dem berühmten Balkon“ oder „Fürst mit Leichen ab“.

Auch hier gelingt es problemlos, dass der Zuschauer sofort die Schauplätze assoziiert und die Abgründe begreift. Die junge Spielerin hat zudem eine ganz enorme Präsenz und Ausstrahlung, mit der sie das Publikum in ihren Bann zieht. Sie wechselt die Stimmen und grimassiert, sie ist witzig, vielseitig und frech. Das Puppenspiel ist dagegen nicht allzu raffiniert und arbeitet wie im traditionellen Kasperltheater mit großen, groben Bewegungen. Ob bei Hofe getanzt oder sich auf der Straße geprügelt wird, es endet doch immer in einem bebenden Figurenknäuel.