In der Musikhochschule in Stuttgart waren Figurentheater-Studenten zu Gast, um zu demonstrieren, wohin die künstlerische Reise geht.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Der Kerl hat seinen Körper vergessen. Wo ist der Bauch geblieben? Wo sind die Beine? In dem Figurentheater „Merlin Fragment“ ist Merlin selbst fragmentiert: ein Schädel, zwei Hände, zwei Füße, mehr nicht. Auch wenn es immer heißt, dass dem modernen Menschen die Fantasie fehle, funktioniert die Imagination doch perfekt: Sofort assoziiert man als Betrachter den Leib von Merlin, dem Zauberer. Der Kopf rutscht gen Boden – und schon meint man zu sehen, wie Merlin zum Zwerg wird, wie er schrumpft, sich wieder ausdehnt und später sogar im Weltraum schwebt. Ganz losgelöst von der Erde.

Es war ein herrliches Spiel mit der eigenen, willigen Fantasie, welche die Studierenden der Berliner Ernst-Busch- Schule mit Witz und Klugheit herauskitzelten. Sie waren mit „Merlin Fragment“ zu Gast beim Festival „Die wo spielen“ in Stuttgart. Vier Tage lang haben Studierend des Figurentheaters aus Stuttgart, Berlin, Prag und dem französischen Charleville-Mézières in der hiesigen Musikhochschule vorgestellt, was sie im Studium lernen und was sie bereits können.

„Merlin Fragment“ war einer der Höhepunkte des Festivals. Gleich drei Studenten führten die an Fäden hängenden Körperteile Merlins – und taten das so virtuos, dass einem das kalte Grausen kam, wie der Zauberer eine junge Frau (Myriam Rossbach) lüstern anmacht und antatscht.

Spannend: das Festival findet mitten in der Hochschule statt

Ein spielerisch aufbereiteter philosophischer Exkurs, witzig, gescheit – und sehr vielversprechend. Dabei ist „Merlin Fragment“ schon im zweiten Studienjahr entstanden, im Marionettenkurs. Trotzdem sollte man sich nicht täuschen lassen: Der Weg zum Figurenspieler ist weit und mühsam. Die Erstsemester des Stuttgarter Studiengangs Figurentheater haben kleine Szenen vorgestellt, die sie im Animationsunterricht erarbeitet haben. Aufgabe war es, Alltagsgegenständen Leben einzuhauchen, sie zu animieren und mit ihnen zu spielen. Da wird ein Fußball unter dem Kapuzenpulli zum Gegenüber, eine zerknäulte Gummischnur kann als Bart oder Maske dienen. Sonnenschirme öffnen sich wie riesige Seerosen, und selbst mit einer Krücke lässt sich Clownerie betreiben. Diese „Manifeste“ der Anfänger sind unfertige Momentaufnahmen, aber verraten viel über die Kunst des Figurenspiels und das Spiel mit dem Material. Ohnehin ist dieses kleine Festival spannend, weil es mitten in der Hochschule stattfindet. An den Wänden hängen Kurspläne und allerhand skurrile Objekte, selbst die Toilette ist hier künstlerisch aufgepeppt.

So war der Andrang auch groß an den vier Tagen, auch wenn längst nicht alles reibungslos lief. Das Festival wird komplett von den Studenten organisiert – denn das will ebenso gelernt und geübt sein wie das Spiel mit Hand- und Stabpuppen, mit Marionetten oder Masken. Wiebke Schulz beispielsweise hat sich für Kasperlfiguren entschieden bei ihrem Solo „Romeo und Julia“ – im Schnelldurchlauf. Sie hat ihre Kasperlpuppen auf einer Schulbank ausgebreitet und schnappt sie sich nach Bedarf. Die Studentin braucht keine weiteren Requisiten, sie sagt die Regieanweisungen an – „Julia auf dem berühmten Balkon“ oder „Fürst mit Leichen ab“.

Auch hier gelingt es problemlos, dass der Zuschauer sofort die Schauplätze assoziiert und die Abgründe begreift. Die junge Spielerin hat zudem eine ganz enorme Präsenz und Ausstrahlung, mit der sie das Publikum in ihren Bann zieht. Sie wechselt die Stimmen und grimassiert, sie ist witzig, vielseitig und frech. Das Puppenspiel ist dagegen nicht allzu raffiniert und arbeitet wie im traditionellen Kasperltheater mit großen, groben Bewegungen. Ob bei Hofe getanzt oder sich auf der Straße geprügelt wird, es endet doch immer in einem bebenden Figurenknäuel.

Bei „Wolfszeit“ ist alles ein bisschen zu groß angelegt

Sehr viel aufwendiger war dagegen „Wolfszeit“ – sogar so aufwendig, dass die Zuschauer vor der Vorstellung doch noch einmal weggeschickt wurden, weil nicht alle Vorbereitungen getroffen waren. Die Bühne wurde übersät mit Zeitungspapier, von einem knochigen Baum aus wurden zahllose Schnüre durch den Raum gespannt. So kompliziert das Geflecht, so kompliziert auch die Geschichte aus der nordischen Mythologie über Odin und seinen Blutsbruder Loki, über Asen und mythische Halunken, die Erschaffung der Menschen und des Bösen.

Es ist ein ambitioniertes Projekt, das Stuttgarter Studenten da gemeinsam mit Kollegen der Berliner Ernst-Busch-Schule erarbeitet haben. Aber ein großes Team bringt noch keineswegs automatisch eine große Leistung. So sind hier Schauspieler am Werk, und immer wenn Bedarf ist, kommen zwei Figurenspieler dazu, die sich mal in Raben, mal in Monster verwandeln und ansonsten tatenlos auf der Bühne herumsitzen. Aber vor allem sind die Darsteller von Odin und Loki schauspielerisch schwach und selbstgefällig und ihre Texte läppisch dahergequasselt.

Aber vielleicht ist das auch eine Lehre, dass man sich an komplexen Themen und großen Vorhaben eher verheben kann als an kleinen Projekten, die sorgfältig durchdacht und durchgearbeitet sind. Dann aber kann es zu Theatererlebnissen der besonderen Art kommen. Die Erstsemester haben Thesen formuliert, was dieses besondere Genre für sie ausmacht: Gute Geschichten ließen uns mitfühlen, mit- denken, miterleben, hieß es. Und speziell das Figurentheater sei der spielerischste Weg, Zuschauer neugierig zu machen und den Geist des Publikums zu öffnen.