Eine Stadt auf Papier, seit fast 50 Jahren. Manfred Leichnitz aus Korb zeichnet ohne Ziel, aber mit System – Tausende Blätter über Jahrzehnte hinweg.
Ein gespitzter Bleistift, ein weißes Blatt Papier. „Am Anfang ist es immer nur eine Idee“, sagt Manfred Leichnitz aus Korb (Rems-Murr-Kreis). Aus der Idee wird eine Linie. Daraus eine Straße. Später ein Wohngebiet, ein Park, ein Industrieareal, ein Flughafen. Blatt für Blatt wächst so eine Stadt.
Die Stadt hat einen Namen: Centra. Und sie wächst seit fast 50 Jahren. Was als einzelne Linie begann, hat sich über Jahrzehnte zu einem geschlossenen System entwickelt. Straßen verzweigen sich, verschwinden in Tunneln, tauchen auf dem nächsten Blatt wieder auf. Bahnlinien kreuzen Autobahnen, Wohngebiete grenzen an Grünflächen, Industrie an Wasser. Alles ist auf Anschluss hin geplant.
Eine Stadt, Blatt für Blatt
Im Alter von etwa 15 Jahren entstanden die ersten Stadtpläne. Die frühen Entwürfe legte er beiseite. Wegwerfen kam nicht infrage.
Heute ist er 64 Jahre alt und arbeitet an dieser Stadt fast in jeder freien Stunde. Gezählt werde längst nicht mehr Blatt für Blatt. Entscheidend sei, dass die Übergänge stimmen. „Was auf einem Blatt aufhört, muss auf dem nächsten weitergehen.“
Größe, Maßstab, Ordnung
Die Dimensionen erschließen sich erst beim Umrechnen. Centra erstreckt sich über rund 120 Kilometer in der Breite und etwa 80 Kilometer in der Länge. Knapp 9600 Quadratkilometer – größer als das Ruhrgebiet. Alles nur auf Papier.
Angelegt ist Centra als streng gegliedertes Koordinatensystem von minus 99 bis plus 99 in beide Richtungen. In der theoretischen Endausbaustufe wären das knapp 40.000 karierte DIN-A4-Blätter. So weit ist die Stadt noch lange nicht. Aktuell liegt der Bestand bei rund 8000 bis 9000 Zeichnungen. „Ich zähle das nicht mehr. Wichtig ist, dass es passt.“
Der Maßstab bleibt konstant: 1:2000. Ein Kästchen entspricht zehn Metern in der Realität. Ein vollständig ausgearbeitetes Blatt kostet etwa eine Woche. Drei bis vier Stunden am Tag wird an der Stadt gearbeitet, an Wochenenden oft länger. „Fast die ganze freie Zeit.“ Tage, Wochen und Jahre unterscheiden sich dabei kaum. Es gibt keinen Endpunkt, nur den nächsten Anschluss.
Aktuell entsteht die Umgebung eines Wasserschlosses, die später integriert wird. Auf dem Blatt breitet sich zunächst eine große Wasserfläche aus. Das Schloss selbst erscheint nur als Grundriss, eingebettet in eine weitläufige Grünanlage. Parks können sich über zehn, zwanzig Blätter ziehen. „Grünanlagen brauchen Platz. Das gehört dazu.“
Wo nichts abbrechen darf
Die Zufahrtsstraße führt bergauf, verschwindet in einem Tunnel und taucht auf einem anderen Blatt wieder auf. Sein Finger zeigt auf den Rand des Planungsblattes. „Hier darf nichts abbrechen. Das muss logisch weitergehen.“
Neben dem Bleistift liegt das Lineal parat. Es kommt regelmäßig zum Einsatz. Korrigiert wird selten. „Wenn ich auf etwas verzichten könnte, dann auf das farbige Ausmalen der Flächen – das ist eher Fleißarbeit.“
Centra besteht nicht nur aus Straßen und Wohngebieten. Fertig geplant und integriert sind zwei Lagunenstädte, „zwei Venedigs“, dazu Talsperren, Stauseen und eine große Bucht. „Küsten zu zeichnen macht mir Spaß.“ Auch die Infrastruktur ist weit gedacht: Ein umfangreiches Stadtbahnnetz, rund zehn Flughäfen, strategisch platziert, teils zivil, teils militärisch genutzt. „Das ist natürlich überdimensioniert. Aber man muss ja nicht alles realistisch denken, weil man da so ein schönes Chaos planen kann.“
Trotz aller Genauigkeit ist Centra kein Wunschort. Auf die Frage, ob er selbst dort leben wolle, antwortet er ohne Zögern: „Nein.“ Zu viele Straßen. „Ich entwerfe keine bessere Welt. Das ist keine Utopie – das ist mehr oder weniger angewandte Realität.“
Rund 40 dicke DIN-A4-Ordner umfasst die Planung mittlerweile. Zeichnungen, Übersichten, Projekte, sicher aufbewahrt in feuerfesten Stahlschränken. „Ungeordnet ist hier nichts. Das mag ich nicht.“
Bücher – rund 10.000, darunter etwa 300 Atlanten – stehen teilweise im Keller. Die Stadt dagegen nicht. Aus der Hand geben würde er sie ebenfalls nicht. Eine Digitalisierung könne er sich vorstellen, das würde allerdings Jahre dauern. Eine Ausstellung wäre denkbar. Die Blätter einmal zusammenhängend zeigen, vielleicht erstmals in größerem Umfang – das reize ihn.
Kein Ziel, kein Ende
Einen Zweck im klassischen Sinn hat dieses Projekt nicht. Es gibt kein Ziel, keinen Endpunkt, keine Idee von Fortführung. „Wenn ich nicht mehr da bin, dann ist das Altpapier – das muss man aushalten.“
Warum er das alles macht, bleibt offen. Eine große Erklärung liefert er nicht: „Ich zeichne halt gerne Straßen.“
Leichnitz ist kinderlos, war in zwei Langzeitbeziehungen, lebt aktuell allein. Beruflich arbeitet er in Teilzeit in der End-End-Kontrolle einer Vertriebsfirma und ist daneben selbstständig. Dieses Jahr will er in Rente gehen. „Dann habe ich noch mehr Zeit“, sagt er und lächelt kurz. „Hoffentlich!“
Zeit, die er nicht nur am Zeichentisch verbringt. Er joggt, führt seit 45 Jahren Tagebücher, schreibt Texte, veröffentlicht Bücher im Eigenverlag und engagiert sich bei den Korber Nachtwanderern. „Man braucht ja auch einen Ausgleich“, sagt er.
Es wird Abend. Am kleinen Zeichentisch wird die Lampe eingeschaltet, ein gespitzter Bleistift liegt bereit.
Wieder eine Straße...