Filder/Bad Cannstatt Wie ein Papagei aus dem Exil zurück zu seiner Liebsten fand

Von Leonie Schüler 

Der Papagei Perseus ist nach neunmonatigem Aufenthalt auf den Fildern zurück bei seiner Thelma in Bad Cannstatt. Eine Geschichte voller Trennungsschmerz und Wiedersehensfreude.

Warum sich  die Gelbkopfamazone auf einmal in Leinfelden aufhielt, weiß niemand. Ebenso wenig, wie  er es neun Monate später zurückgeschafft hat. Foto: z/Bianca Hahn
Warum sich die Gelbkopfamazone auf einmal in Leinfelden aufhielt, weiß niemand. Ebenso wenig, wie er es neun Monate später zurückgeschafft hat. Foto: z/Bianca Hahn

Leinfelden/Bad Cannstatt - Der Liebeskummer der beiden Gelbkopfamazonen Perseus und Thelma hat ein Ende: Nach neun Monaten Fernbeziehung – er auf den Fildern, sie in Bad Cannstatt – sind die zwei grün-gelb gefiederten Papageien endlich wieder vereint. In der König-Karl-Straße bezieht das Turtelpärchen in den Abendstunden wieder gemeinsam seinen Lieblingsbaum, und sie wurden auch schon in der Nähe des Schlossgartens und des Rosensteinparks auf der Suche nach einer Brutstätte gesichtet. Wie kam es zum Happy-End – und warum überhaupt zur Trennung?

Im April vergangenen Jahres fiel Bianca Hahn und Tomoko Arai auf, dass Perseus nicht mehr an der Seite seiner Partnerin Thelma weilte. Die beiden Frauen kommen zwischen fünf- und siebenmal pro Woche nach Bad Cannstatt, um den 60-köpfigen Amazonenschwarm zu beobachten. „Ich kenne jeden Vogel persönlich“, sagt Arai. Jedes Federtier habe andere Muster, die Krallen seien unterschiedlich geformt und auch charakterlich kenne sie die Unterschiede. Perseus sei an seinem dunklen Schnabel und den mandelförmigen Augen zu erkennen und daran, dass sein Gesicht nur bis knapp hinter dem Auge gelb ist. „Er sieht ein bisschen asiatisch aus“, sagt Arai lachend, die selbst aus Japan kommt. Sie kenne ihn, seit er im August 2015 das erste Mal die Baumhöhle, in der seine Mutter ihn ausgebrütet hatte, verlassen hat. „Er ist total lustig, ein Vielfraß und nicht besonders klug.“ Doch die schon etwas ältere Papageiendame Thelma, die bis dato nicht an männlichen Partnern interessiert war, sah über seine Schwächen hinweg, verliebte sich in ihn, und fortan waren die beiden immer zu zweit unterwegs.

War Perseus verunglückt?

Doch im April des vergangenen Jahres war Perseus auf einmal von der Bildfläche verschwunden. Bianca Hahn und Tomoko Arai mussten vom Schlimmsten ausgehen, schließlich kommen die Papageien immer wieder durch Katzen, Hunde, Greifvögel oder Autos zu Tode. Doch einige Wochen später wurden die beiden über ihre Facebook-Seite von Anwohnern aus Leinfelden und Möhringen informiert, dass dort eine Gelbkopfamazone gesichtet worden sei. „Die Rufe, die uns zugeschickt wurden, klangen sehr nach den Stuttgarter Amazonen“, sagt Bianca Hahn, die den schrillen Klang sofort wiedererkennt. Ein Besuch vor Ort räumte jeden Zweifel aus: Perseus saß in Leinfelden fest.

Wie der Vogel den etwa zehn Kilometer weiten Weg vom Kessel hoch auf die Fildern geschafft haben mag, darüber können die beiden Amazonen-Liebhaberinnen nur spekulieren. Sie vermuten, dass er während der Brutzeit bei einem Kampf verletzt worden war und ihn jemand mitgenommen haben könnte, um ihn zu pflegen. „Wir können uns nicht vorstellen, dass er den Weg selber geflogen ist“, sagt Bianca Hahn. Versuche des örtlichen Tierschutzvereins, den einsamen Vogel einzufangen, scheiterten. Bianca Hahn und Tomoko Arai versuchten mit Tonbandaufnahmen von seiner Papageienfamilie den Ausbüchser wieder in Richtung Stuttgart zu locken – vergeblich. „Wir haben aufgegeben“, sagt Hahn. Besucht haben sie ihn aber weiterhin. Jeden Abend war die Gelbkopfamazone in einer Platane an der Adlerstraße in Unteraichen anzutreffen, wo er sich sein Nachtlager eingerichtet hatte. „Er wird seinen Schwarm vermisst haben“, vermutet Hahn, „denn die Amazonen treffen sich jeden Abend, begrüßen sich mit lautem Getöse und erzählen sich, bis es dunkel wird.“

Thelma wollte keinen neuen Partner

Seine Thelma vermisste Perseus mutmaßlich ganz besonders. Diese hatte sich in der Zwischenzeit einem anderen Pärchen angeschlossen, zu dritt flatterten sie durch Bad Cannstatt. Zu einer neuen Liebe war Thelma nicht bereit. Doch eines Tages im Januar entdeckte Tomoko Arai bei einem ihrer frühmorgendlichen Besuche, dass Thelma nicht nur in Begleitung von zwei, sondern von drei anderen Papageien war. „Ich konnte es kaum glauben: Es war Perseus!“, erzählt Arai. Der dunkle Schnabel, die Fiederfärbung – alles stimmte. Und auch die tägliche Zählung der Vögel ergab 63 statt der 62 vom Vortag.

Wie Perseus seinen Weg zurück nach Bad Cannstatt gefunden hat, darüber können Bianca Hahn und Tomoko Arai ebenfalls nur spekulieren. Da sie am Vortag seiner Rückkehr beobachtet hatten, wie eine Gruppe von Gelbkopfamazonen ausnahmsweise in Richtung Degerloch starteten, vermuten die Frauen, dass Perseus seine Freunde gehört haben und zu ihnen geflogen sein könnte. „Sie können die Rufe aus mehreren Kilometern hören, wenn es ruhig ist“, sagt Bianca Hahn.

Nächster Schritt: Familienplanung

Ob dem Papageienpaar nach ihrer glücklichen Wiedervereinigung nun sogar Nachwuchs ins Haus stehen könnte, wird sich zeigen. Spätestens im Juli oder August steht fest, ob sich aus der Bruthöhle der beiden kleine Schnäbel nach draußen recken oder nicht. „Es wird eine schöne Zeit, das zu beobachten“, sagt Bianca Hahn, die weiterhin fast jeden Tag zum Sonnenaufgang in Bad Cannstatt nach Perseus und Thelma Ausschau halten wird.