Filderdialog zu Stuttgart 21 Seit’ an Seit’ mit dem Gegner

Vor dem Filderdialog bilden sich Allianzen, von denen selbst die kühnsten Visionäre nicht zu träumen gewagt hätten. Moderator Weitz wird Spaß haben.

Leinfelden-Echterdingens OB Roland Klenk will nicht alles abnicken. Foto: Bergmann 6 Bilder
Leinfelden-Echterdingens OB Roland Klenk will nicht alles abnicken. Foto: Bergmann

Stuttgart - Steffen Siegel ist ein vorausschauender Mann. Vom 22. Juli 1999 stammt jenes Papier, das der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder in diesen Tagen gerne hervorkramt, „weil eigentlich schon damals alle wesentlichen Punkte klar waren“. Auf dem Papier steht der Wortlaut der letzten Rede, die Siegel vor knapp 13 Jahren als Kreisrat der Grünen im Landkreis Esslingen gehalten hat. Danach zog er sich aus der Parteipolitik weitgehend zurück; seinen Überzeugungen aber ist er treu geblieben. Kurz zusammengefasst lauten die so: nach dem Flughafen und der neuen Messe ist Stuttgart 21 das dritte „größenwahnsinnige Projekt“, das mit Milliardenschulden finanziert werde, unter denen noch Generationen zu leiden hätten – und das, obwohl die Jungen „schon jetzt allen Grund hätten, unsere Verschwendergeneration zu verfluchen“.

Einer, den Steffen Siegel damals gemeint hat, heißt Thomas Rommel. 85 Jahre alt ist der Liberale aus Leinfelden-Echterdingen mittlerweile – und immer noch stolz darauf, „dass auch mein Name auf dem Grundstein der neuen Messe steht“. Nun aber stemmt sich der FDP-Veteran Seit’ an Seit’ mit dem außerparlamentarischen Fundi aus Neuhausen gegen die Bahn. Siegel und Rommel dürften zentrale Figuren in einem Experiment werden, das seine Erfinder Filderdialog nennen.

Hermann bleibt bei seiner Einschätzung: Murks

Tatsächlich werden die S-21-Projektpartner Bahn, Land, Stadt Stuttgart und Verband Region Stuttgart auf eine bemerkenswerte Allianz von Unbeugsamen treffen, wenn sie demnächst unter der Regie des Bonner Mediators Ludwig Weitz mit den betroffenen Bürgern und Kommunalpolitikern auf den Fildern über die Lage und Beschaffenheit des Flughafenbahnhofs und verschiedene Varianten zur Anbindung desselben an den Tiefbahnhof im Talkessel, die Neubaustrecke nach Wendlingen und die Gäubahn in Richtung Zürich diskutieren. Im Bahn-Jargon trägt dieser bisher nicht genehmigte Abschnitt die Ziffernkombination 1.3. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann nennt ihn Murks.

Damit befindet sich der vom Ergebnis des Volksentscheids disziplinierte S-21-Gegner in guter Gesellschaft. Vor allem die Bauherrin Bahn sieht sich mit einer bunten Allparteienkoalition konfrontiert, die längst nicht nur aus Streitern wider den Tiefbahnhof besteht, im Gegenteil. Zu den prominentesten Streitern für Stuttgart 21 auf den Fildern gehört der Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, Roland Klenk. Das aber macht ihn keineswegs unkritisch. „Ich glaube nicht, dass ich als Befürworter alles abnicken muss, was von der Bahn kommt“, sagt der CDU-Mann selbstbewusst. Die von dem Konzern bisher beabsichtigte Streckenführung für Fern- und Regionalverkehrszüge mitten durch dicht besiedelte Ortsteile der Bindestrich-Stadt gefällt Klenk überhaupt nicht. „Uns geht es darum, Verbesserungen für die Stadt zu erzielen, nicht um das Verunmöglichen des Gesamtprojekts“, sagt der 60-jährige Rathauschef zwar. Weil die bisherigen Bahnpläne seinen Bürgern mehr Lärm und mehr Erschütterungen zumuteten, lässt der Schultes aber auch verbal die Muskeln spielen. „Wir“, sagt er dann, „haben uns genügend munitioniert, um die Bahn ins Schwitzen zu bringen.“