Jakob Wucherer mit seinem Großvater Hermann und seinem kleinen Sohn. Foto: privat
Ein 90-jähriger Patient wird kurz vor seinem Tod mehrfach verlegt – ohne dass die Familie informiert wird. Der Fall wirft Fragen zur Kommunikation an der Filderklinik auf.
Im Dezember 2025, kurz vor Weihnachten, starb Jakob Wucherers Opa. Er wurde stolze 90 Jahre alt. In den Schmerz der Wucherers mischt sich Unverständnis, denn in den Tagen vor dem Tod des Großvaters ist aus der Sicht der Familie einiges schiefgelaufen.
Hermann Wucherer hatte einige chronische Erkrankungen, Diabetes, Herzinsuffizienz, eine fortschreitende Lungenkrankheit. Die Familie pflegte ihn zuhause, bis er nach einem Sturz im November in die Filderklinik musste. Nach der Behandlung kam er in die Kurzzeitpflege eines Seniorenheims auf den Fildern, damit er wieder aufgepäppelt werden konnte. „Er war sehr krank, Herz und Lunge waren sehr schwach“, sagt Jakob Wucherer. Die Familie habe aber gehofft, ihn wieder nach Hause holen zu können.
Großvater war schwer krank – „Niemand wollte sein Leiden verlängern“
Doch als es ihm im Pflegeheim erneut schlechter gegangen sei, habe der Notarzt den Großvater zurück in die Filderklinik gebracht. „Der Stationsarzt war sehr nett. Wir haben offen gesprochen über das, was wir noch für ihn tun können.“ Denn, so berichtet Jakob Wucherer, da sei klar gewesen, dass die Stunden und Tage des Großvaters gezählt sind. „Niemand wollte sein Leiden verlängern.“ Der 90-Jährige sollte auf die Palliativstation, zu der Zeit war er in einem Einzelzimmer, berichtet Jakob Wucherer. Von den Ärzten habe es keine weiteren Informationen gegeben, also sei er davon ausgegangen, dass es bei der mündlichen Absprache bliebe: keine Rückkehr ins Heim. Jakob Wucherer sagte den Kurzzeitpflegeplatz ab.
Am Dienstag dann ein Anruf aus dem Seniorenheim. „Mein Opa werde gerade gebracht, ob ich etwas davon wisse?“ Die Familie ist fassungslos. Auch das Heim habe nichts gewusst, betont Jakob Wucherer. Weil kein Platz zur Verfügung stand, schickte die Einrichtung den 90-Jährigen im Krankenwagen wieder zurück in die Filderklinik – in Absprache mit Enkel und Krankenwagenteam. „Das war eine riesige Aufregung für einen todkranken, verwirrten 90-jährigen Mann“, ärgert sich Jakob Wucherer. Auf der Station habe die Familie keine Informationen bekommen, dann habe der Chefarzt ihn angerufen. „Er war gleich aggressiv am Telefon. Ich habe ihn gefragt, warum er einen todkranken Mann entlassen und in der Weltgeschichte herumfahren hat lassen, ohne die Familie zu informieren – da hat er gesagt: Ich bin der Chefarzt, ich habe entschieden, dass wir das machen, der Patient war stabil“, so beschreibt es Jakob Wucherer.
Die Familie war bis dato sehr zufrieden mit der Klinik
Am 17. Dezember wurde Hermann Wucherer wieder entlassen und ins Pflegeheim gebracht – dieses Mal nach Absprache. Zwei Tage später verstarb er dort. Was bleibt, sind Unverständnis und Ärger. „Wir waren bislang extrem zufrieden mit der Filderklinik“, sagt Jakob Wucherer, dessen Kinder dort auch auf die Welt gekommen sind. Dass Fehler passieren, sei klar. „Aber dass man einfach vergisst, uns zu informieren, und dass es hinterher kein Wort der Entschuldigung gibt, sondern ich angeschnauzt werde, das ist einfach nicht richtig.“
Die Filderklinik spricht von einem „unglücklichen Hin und Her“, das auf einem Missverständnis beruhe, so zumindest die Vermutung. Die Gespräche mit der Familie seien alle im System dokumentiert, sagt ein Pressesprecher der Klinik. „Ein Eintrag am 15. Dezember hält fest, dass man sich im Telefongespräch mit dem Enkel in Anbetracht des Alters, der zahlreichen Vorerkrankungen und der aktuellen Prognose auf ein palliatives Therapiekonzept geeinigt hat, im Rahmen dessen Herr Wucherer zur Symptomkontrolle lediglich noch Schmerzmittel erhalten sollte, bei dem aber die gute pflegerische Versorgung im Vordergrund steht.“
Die Filderklinik vermutet ein Missverständnis bei dem Vorfall
In dieser Gesprächsnotiz sei auch vermerkt, dass der Patient am Folgetag zur palliativen Behandlung ins Pflegeheim zurückverlegt werde: „Dies war auch angesichts der zu diesem Zeitpunkt voll ausgelasteten Palliativstation in unserem Haus die beste Lösung, die palliative Versorgung mit Gabe von Schmerzmitteln kann auch in einem Pflegeheim erfolgen.“ Genau an dieser Stelle vermutet die Filderklinik das Missverständnis – die Familie ging davon aus, dass der Großvater innerhalb der Klinik auf die Palliativstation kommen sollte, während die Klinik plante, den Patienten zur palliativen Behandlung ins Pflegeheim zu bringen.
Der Schilderung des Telefongesprächs Jakob Wucherers mit dem Chefarzt widerspricht die Filderklinik. „Unser Chefarzt war zu keiner Zeit aggressiv, sondern äußerte lediglich sein Unverständnis darüber, weshalb das Pflegeheim den Patienten in dem Fall dann nicht erneut aufgenommen hat.“ Man erlebe immer wieder, dass Pflegeheime moribunde Patienten – also dem Tod nahe Patienten – in die Klinik bringen würden. „Häufig auch gegen deren Willen – obwohl keine Akuttherapie mehr gewünscht oder indiziert ist.“
Der Rettungsdienst brachte Jakob Wucherers Großvater zurück ins Pflegeheim – und zurück ins Krankenhaus (Symbolfoto). Foto: Christian Schwier - stock.adobe.
Das Pflegeheim möchte sich auf Anfrage nicht äußern, sondern verweist darauf, dass es sich um eine Angelegenheit zwischen Familie und Klinik handele. Die äußert Verständnis für die Familie. „Wir verstehen, dass diese Situation und diese Abläufe für Angehörige sehr irritierend sind. Dennoch möchten wir erwähnen, dass sich unser Chefarzt persönlich Zeit genommen hat, um erneut das Gespräch mit dem Enkel zu suchen und dieses Missverständnis aufzuklären.“
Für die Familie bleiben Fragen zum Großvater offen
Für Jakob Wucherer bleiben Fragen offen. Wenn es sich um ein Missverständnis gehandelt habe, warum habe der Chefarzt dies dann am Telefon nicht erwähnt? „Und warum hat die Klinik nicht dem Pflegeheim Bescheid gesagt, dass und wann mein Opa zu ihnen gebracht wird?“ Außerdem sei das Pflegeheim für die schweren Erkrankungen seines Opas nicht ausgestattet gewesen.
Wie oft kommt es vor, dass es Probleme im Entlassmanagement gibt? Darauf eine Antwort zu bekommen, ist schwer. Fälle, in denen das Entlassmanagement nicht richtig funktioniert, gibt es kaum, heißt es aus Expertenkreisen des Medizinischen Dienstes. Die Landesärztekammer verweist auf eine Analyse, die im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde: Demnach sind Kommunikationsprobleme eine der häufigsten Ursachen dafür, dass es im Entlassmanagement nicht rund läuft. „Die Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig es für die Sicherheit von Patientinnen und Patienten ist, die Kommunikationsprozesse im Gesundheitswesen zu verbessern“, schreibt das Ärzteblatt.
Für die Familie Wucherer bleibt ein schaler Nachgeschmack. „Ich finde das schade und traurig“, sagt Wucherer. „Uns geht es gar nicht so sehr um uns. Aber was ist mit anderen alten Menschen, deren Familie weiter weg wohnt und sich nicht kümmern kann? Es ist doch wichtig, dass alte Menschen am Ende ihres Lebens nicht vergessen werden.“