Filderstadt-Bernhausen Hier gibt es retournierte Pakete aus dem Automaten
In Filderstadt-Bernhausen steht ein Automat, an dem man für je zehn Euro retournierte Pakete ziehen kann. Was bringt das? Und sind die Waren ihren Preis wert?
In Filderstadt-Bernhausen steht ein Automat, an dem man für je zehn Euro retournierte Pakete ziehen kann. Was bringt das? Und sind die Waren ihren Preis wert?
Ganz vorne in dem Automaten, der in der Scharnhäuser Straße 3 in Filderstadt-Bernhausen steht, liegt ein kleines gelbes Päckchen. Es hat in etwa die Größe einer Handfläche, ist quadratisch und flach. Weiter hinten ist ein größeres zu sehen, das in orangefarbenes Plastik verpackt wurde, dazwischen eines aus Karton, tassengroß, würfelförmig. Bei dem Automaten handelt es sich um einen sogenannten Mystery-Automaten, in dem Pakete zum Verkauf angeboten werden, die retourniert wurden oder nicht zustellbar waren.
Das Prinzip ist einfach, der Apparat funktioniert wie jeder andere seiner Art: Geld rein, Nummer, wählen, Kauf entnehmen. Der zentrale Unterschied zu anderen Automatenkäufen liegt darin, dass man in diesem Fall erst nach dem Auspacken weiß, wofür man eigentlich Geld ausgegeben hat.
Baris Yildiz und Dursun Yalcin lieben diesen Überraschungseffekt – und das Lachen, das er bei den Käufern auslöst. Yildiz und Yalcin, beide aus Filderstadt, einst Sandkastenfreunde, Schulkameraden und einer Fußballmannschaft angehörig, sind heute Geschäftspartner und Gründer des Shop-Mystery, zu dem neben dem Automaten in Bernhausen auch ein Onlineshop mit retournierten und unzustellbaren Paketen gehört. Sie erinnern sich an eine Frau, die eines sonntags vorbei radelte, als die Männer gerade den Automaten füllten. Lachend habe sie erzählt, dass ihr Mann einen BH gezogen hätte, während es für sie ein Fernglas gab.
Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb Yildiz und Yalcin ihr Geschäft betreiben. „Es ist bekannt, dass online bestellte Waren, die zurückgeschickt werden oder nicht zugestellt werden können, oft nicht nicht mehr verkauft, sondern entsorgt werden“, sagt Yildiz und ergänzt: „Das ist aber alles andere als nachhaltig. Unser Ziel ist es, die Umweltbelastung zu reduzieren.“
Die Pakete kaufen die Männer bei einem Großhändler ein, der sie wiederum von unterschiedlichen Versandhändlern bezieht. „Man einigt sich über Preis und Menge und beauftragt eine Spedition, die die Ware dann abholt“, fasst Yildiz zusammen. Bevor die Päckchen im Automaten landen, müssen dann noch Empfänger- und Absenderadresse unkenntlich gemacht werden. Bei 4000 Paketen haben die beiden das bislang gemacht, die sie in einem Schwung eingekauft haben. Es war die einzige Bestellung bislang, denn das Geschäft sei „noch nicht so ganz angelaufen“. Konkret heißt das, Yalcins Garage, die als Zwischenlager dient, ist noch ziemlich voll. Wie viele der 4000 Päckchen bereits verkauft wurden, können die beiden nicht genau sagen. Irgendwas zwischen 300 und 500, schätzen sie.
Zehn Euro zahlt man für eins. Aber sind die Waren überhaupt so viel wert? Und lohnt sich der Überraschungskauf für Konsumenten? „Natürlich sind auch mal Socken dabei“, sagt Yalcin. Und ein zehnjähriger Junge hätte sich mal öffentlich auf Tiktok beschwert, weil er ein Kleid gezogen hätte. Die beiden hätten aber auch beobachtet, wie Kunden Produkte mit einem Warenwert von deutlich über zehn Euro gezogen hätten. Doch lohnt sich das Geschäft auch für die beiden Filderstädter? Das, und wie viel die beiden für die 4000 Pakete im Einkauf bezahlt haben, wollen sie nicht sagen. „Sobald wir Dreiviertel davon verkauft haben, haben wir aber unsere Investitionskosten wieder drin“, verrät Yildiz. Alleine für einen gebrauchten Automaten, wie er in Bernhausen steht, bezahle man zwischen 8000 und 10 000 Euro.
Optimistisch sind die beiden jedenfalls, ihre Expansionspläne sind schon sehr konkret. Die Männer haben bereits einen Standort für einen zweiten Automaten in Aussicht. „Der Betreiber des Supermarkts, vor dem unser erster Automat steht, hat eine weitere Filiale in Metzingen unmittelbar bei der Outletcity. Da können wir einen zweiten Automaten aufstellen“, erzählen sie. Und auch ein Ladengeschäft, so der Wunsch, wollen die beiden irgendwann mal eröffnen.
Bis es so weit ist, wird am Automaten in Bernhausen weiter munter ausgepackt. Und was war in den anfangs erwähnten Paketen drin? Pullover und Hose in dem großen orangen, eine Reinigungscreme für weiße Schuhe inklusive Putzschwamm in dem würfelförmigen und ein Apple Airtag zum Finden von Gegenständen in dem gelben. Letzteres wird beim Versandhändler Amazon derzeit für mehr als 30 Euro angeboten.
Paketmenge wächst
Dank einer hohen Nachfrage im Onlinehandel wächst Deutschlands Paketmenge wieder leicht. Im vergangenen Jahr wurden 4,175 Milliarden Sendungen befördert und damit 0,6 Prozent mehr als 2022, wie aus einer Studie des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BPEX) hervorgeht. 2022 hatte es ein deutliches Minus von 7,9 Prozent gegeben, was an dem Ende der Corona-Pandemie und dem damit verbunden Rückgang der Bestellungen im Internet gelegen hatte.
EU zieht Reißleine
Viele Bestellungen bedeuten auch viele Retouren – vor allem bei Kleidung. Das EU-Parlament hat deshalb bereits im April für eine Regelung gestimmt, wonach unverkaufte Kleidung nicht mehr vernichtet werden darf. Auch unverkaufte Elektroartikel sollen nicht mehr zerstört werden dürfen. Künftig könnte ein solches Verbot auch für andere Kategorien greifen. Hintergrund ist die sogenannte Ökodesign-Verordnung. Sie schreibt vor, dass Produkte länger halten sollen, sich leichter wiederverwenden, reparieren und recyceln lassen und weniger Ressourcen wie Energie und Wasser verbrauchen dürfen. Der Verordnungsentwurf muss nun noch formell vom Rat gebilligt werden, um anschließend in Kraft treten zu können (dpa/len).