Beliebter Schulhausmeister in Filderstadt-Bernhausen Warum dieser Mann 250 Postkarten aus aller Welt bekommt

Hermann Klein war früher Schulhausmeister am Eduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt-Bernhausen. Die ehemaligen Schüler halten ihn in so liebevoller Erinnerung, dass sie zu seinem 90. Geburtstag eine Überraschung geplant haben. Die haben wir mit einem Video dokumentiert.

Bernhausen - Unsere Briefträgerin hat gesagt: So etwas hat sie noch nie erlebt“, erzählt Hermann Klein und grinst verschmitzt. Er ist am vergangenen Sonntag 90 geworden, ein runder, ein wichtiger Geburtstag, der auch unter normalen Umständen gerne groß gefeiert wird. Bei Hermann Klein sind die Umstände aber alles andere als normal. Fast 250 Glückwunschkarten sind in den Tagen vor und nach seinem Geburtstag bei ihm eingetrudelt, Postkarten, Klappkarten, Karten mit aufgeklebten Fotos, Karten mit Musik, Karten mit Konfetti, Karten mit kleinen Präsenten. Karten, denen man ansieht, dass die Absender sich besonders viel Mühe damit gemacht haben, und besonders nette Worte des Glückwunsches schreiben wollten. Ein Satz wiederholt sich besonders häufig: „An den besten Schulhausmeister der Welt!“

Alle diese Karten sind von ehemaligen Schülern des Eduard-Spranger-Gymnasiums (ESG) in Bernhausen geschickt worden, Schülern, die heute erwachsen und in der ganzen Welt verstreut sind: in allen Ecken Deutschlands, in Kanada, Australien, der Schweiz, Brasilien.

Hermann Klein war von 1972 bis 1991 der Hausmeister am ESG, und er hat im Leben der Schüler einen ganz besonderen Eindruck hinterlassen. „Er gehört zu den guten Menschen auf der Welt“, sagt Beate Moeller, die 1979 ihr Abitur am ESG gemacht hat und mittlerweile in Berlin lebt und arbeitet. Ebenso drückt sich Heiko Pollich aus: „Er war und ist eine Respektsperson für alle und ein großes Vorbild.“ Pollich hat gemeinsam mit Anke Lißner und Ina Penßler die Glückwunschkarten-Aktion ins Leben gerufen. Die drei haben 1986 ihr Abitur am ESG gemacht. „Wir hatten im vergangenen Oktober unseren Abi-Jahrgangstreff, und Hermann Klein war als Ehrengast da“, erzählt Pollich. „Da kam uns die Idee, zu seinem 90. Geburtstag etwas ganz Besonderes zu machen.“

Mit einer E-Mail hat die Geburtstagsüberraschung angefangen

Mit einer E-Mail hat die Aktion angefangen, darin die Aufforderung, eine Geburtstagskarte an den ehemaligen Hausmeister zu schicken. Diese E-Mail ist weitergeleitet worden und durch die Jahrgänge hinweg bei vielen, vielen Ehemaligen gelandet. „Jeder kannte ihn, und er kannte auch alle – er hat ein phänomenales Namensgedächtnis“, erzählt Heiko Pollich. „Er ist einfach ein Mensch, zu dem man aufschaut, der immer ein wachsames Auge auf den Schulbetrieb hatte.“

Bei ihrer Abitursfeier, so berichtet Pollich weiter, habe es sogar von den Schülern geheißen: „Wir halten Hermann Klein für den besten Pädagogen der Schule.“ Das sei im Lehrerkollegium nicht gut angekommen. „Aber wir stehen dazu. Diese Laudatio hätte nicht stattgefunden, wenn er es nicht verdient gehabt hätte.“

Warum die ehemaligen Schüler ihn so schätzen, das kann sich Hermann Klein selbst kaum erklären. „Ich bin ein fröhlicher Mensch, ich habe keine Launen“, versucht er es dennoch. Und: „Ich habe immer zugehört, wenn sie Schwierigkeiten zu Hause hatten oder Liebeskummer“, erinnert er sich. „Ich habe die Schüler ernstgenommen. Wenn sie bei Klassenarbeiten nervös waren, habe ich ihnen Mut gemacht und ihnen versprochen, die Daumen zu drücken. Aber ich war auch streng.“

Letzteres sagt er mit einem erhobenen Zeigefinger und einem spitzbübischen Lächeln. Wer sich etwa beim Rauchen erwischen ließ oder auf den Heizungen saß – „das war verboten, die hätten ja herunterbrechen können“ –, der musste zu Hermann Klein in den Arbeitsdienst. Da hieß es dann, Klein bei seinen Hausmeistertätigkeiten zur Hand zu gehen, beispielsweise bei kleineren Reparaturen im Schulhaus oder beim Wechseln von Glühbirnen. „Manch ein Schüler hat auch gesagt: Das ist eine Bildungslücke, wenn du nie bei Herrn Klein warst“, erzählt Hermann Klein. Einige hätten sogar absichtlich etwas angestellt, um diese Bildungslücke zu stopfen.

24 Bewerber gab es auf den Hausmeisterposten

Klein ist in Plieningen geboren und aufgewachsen. Zunächst hat er in Hohenheim in einer Reißverschlussfabrik gearbeitet. Deren Betreiber hatte es aber versäumt, mit der Zeit zu gehen: „Gute Reißverschlüsse in billige Kleider zu nähen, das passt nicht zusammen“, so fasst es Hermann Klein zusammen. So sah er sich nach etwas anderem um und bewarb sich 1972 auf die Hausmeisterstelle am ESG in Filderstadt, wo er sich mit seiner Frau Lotte niedergelassen hatte.

Zum Schuljahr 1972/1973 ist die Schule in das neu gebaute Haus an der Tübinger Straße gezogen, zuvor war in den Gebäuden der Fleinsbachschule und danach der Gottlieb-Müller-Schule unterrichtet worden. Rund 570 Schüler in 17 Klassen hatte das Eduard-Spranger-Gymnasium damals. 24 Bewerbungen hat es insgesamt auf den Posten als erster Hausmeister im Neubau gegeben, das weiß Hermann Klein noch gut. Acht seien in die engere Auswahl gekommen – und Klein hat die Stelle schließlich bekommen. „Meine Frau war sich nicht sicher, ob das gut wird“, erzählt er, „weil am ESG ja ältere Schüler waren, keine kleinen Kinder wie an einer Grundschule“.

Mit den Schülern ist er aber immer bestens ausgekommen, gleichermaßen mit den Lehrern und den Schulleitern. Willi-Klaus Nawrath, von 1984 bis 2000 Schulleiter und davor schon als Lehrer und stellvertretender Rektor an der Schule, hält bis heute den Kontakt: „Zum Geburtstag und zu Weihnachten kommt er vorbei und bringt eine Flasche Sekt mit“, sagt Hermann Klein und fügt an: „Und keinen günstigen“. 1991 ist Klein mit 63 Jahren in Rente gegangen, es gab eine große Verabschiedungsfeier in der Schule, Hunderte von Gästen waren da, viele Ehemalige. „Ja, das ist mir schwergefallen, nicht mehr hinzugehen und die Schüler nicht mehr zu sehen“, erinnert er sich.

Ein besonderes Geschenk haben die Schüler ihm und seiner Frau damals gemacht: Zwei Straßen auf dem Schulgelände sind nach ihnen benannt worden, der Hermann-Klein-Weg und der Lotte-Klein-Weg. Die Schilder haben die Schüler selbst aufgestellt, da die beiden Wege keine offiziellen Straßen der Stadt sind. Die Stadtverwaltung war aber eingeweiht und ließ die Schilder stehen. Somit sind Hermann und Lotte Klein wohl die einzigen Filder­städter, nach denen zu Lebzeiten Straßen benannt worden sind.

Auch eine Büste von Klein steht am ESG, „die hat der Abijahrgang 1983 gemacht“, erinnert sich der 90-Jährige. Die Büste braucht es aber gar nicht, um Hermann Klein in Filderstadt bekannt zu machen. „Das ist eine Katastrophe“, sagt er und lacht. Alle kennen ihn, alle sprechen ihn an, wenn er unterwegs ist.

„Das ist doch toll, dass so an mich gedacht wird“

Das liegt auch daran, dass er den Kontakt gehalten hat zu seinen ehemaligen Schülern: Die laden ihn nämlich regelmäßig zu ihren Jahrgangsfeiern ein, wenn etwa zehn oder zwanzig Jahre seit dem Abitur gefeiert werden. „Und ich gehe auch immer hin“, sagt er. Früher gemeinsam mit seiner Frau Lotte. Mit ihr hat er den Sohn Roland, zwei Enkelkinder gibt es auch. Nach dem Tod seiner Frau 2012 ist er eine Zeit lang allein zu den Jahrgangsfeiern gegangen, und nun wieder in Begleitung: nämlich der seiner Lebensgefährtin Hedwig Enz. Die beiden haben sich auf einem Busausflug zum Wandern kennengelernt, seitdem machen sie solche Busreisen gerne zusammen, nach Südtirol oder an den Gardasee. „Solange es noch geht, machen wir weiter“, sagt Klein.

Und solange er noch kann, wird er auch weiter auf die Jahrgangstreffen der ehemaligen ESG-Schüler gehen. Über die vielen Karten hat er sich sehr gefreut und sie alle sorgfältig gelesen. „Das ist doch toll, dass so an mich gedacht wird“, sagt er – und da ist es noch mal, das verschmitzte Lächeln.