Filderstadt Duz-Freund auf dem Chefsessel

Filderstadts neuer Oberbürgermeister Christoph Traub ist vor großer Kulisse in seinem Amt vereidigt worden. Neben launigen Grußworten kam bei der Verpflichtung in der Filharmonie aber auch die Frage nach der nötigen Distanz auf.

Erhält vor vollem Haus den Taktstock: Neu-OB Christoph Traub (links) mit  dem Filderstädter Ersten Bürgermeister Andreas Koch. Foto: Norbert J. Leven 19 Bilder
Erhält vor vollem Haus den Taktstock: Neu-OB Christoph Traub (links) mit dem Filderstädter Ersten Bürgermeister Andreas Koch. Foto: Norbert J. Leven

Filderstadt - Nach offizieller Lesart handelte es sich bei der Verpflichtung des neuen Filderstädter Oberbürgermeisters Christoph Traub zwar nur um eine Sitzung des Gemeinderats. Doch der feierliche Rahmen mit knapp 700 Gästen im Festsaal der Filharmonie gab der vorgeschriebenen Zeremonie am Montagabend eine glanzvolle Note. Zu hören gab es beim Festakt elf mehr oder weniger kurzweilige Reden, ein beachtliches musikalisches Begleitprogramm vom Blasorchester des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums bis zum Spielmannszug der Feuerwehr und den Satz, mit dem Alfred Weinmann als ältester Stadtrat den Rathauschef auf die Bühne bat: „Jetzt komm, dass wir die Formalitäten erledigen“, sagte der SPD-Senior trocken.

Der OB und die Frage nach den Umgangsformen

Darf man einen zum Oberbürgermeister gewählten Duz-Freund weiterhin beim Vornamen nennen oder muss man ihn künftig mit „Sie“ anreden? Die für einige Festredner schwierige Frage nach der richtigen Umgangsform löste Alfred Weinmann, indem er beide Varianten einfach miteinander vermengte. „Lieber Herr Traub, das war’s ab sofort bist Du unser OB“, sagte er voller Freude. Johannes Jauch, ebenfalls lange Stadtratskollege von Christoph Traub, erklärte als Sprecher der örtlichen Vereine hingegen, künftig bei offiziellen Anlässen „Sie“ zum Oberbürgermeister sagen zu wollen.

Ähnlich will es offenbar auch Walter Bauer halten, der als dienstältester Stadtrat den gemeinsamen Gruß der Ratsfraktionen überbrachte. In seiner Anrede nannte er den „Sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister“ zwar noch „ lieber Christoph“. In seiner Rede verwendete er aber nur noch das distanziertere „Sie“.

„Bisher als OB nichts erreicht und nichts geleistet“

Sinnigerweise äußerte Bauer die Hoffnung, dass die bisherige Verbundenheit und Nähe bestehen bleiben möge. „Wir haben respekt- und vertrauensvoll und vielfach gut zusammengearbeitet – wenn auch nicht ohne Gegensätze und Konflikte“, betonte der SPD-Fraktionschef. Als Abschiedsgruß an Vorgängerin Gabriele Dönig-Poppensieker ließ sich der Wunsch verstehen, den Bauer ihrem Nachfolger mit auf den Weg gab: „Wir freuen uns auf ein Stadtoberhaupt, das Anregungen zu schätzen weiß.“

Wie die Stadträte und der aus ihren Reihen stammende OB mit der Frage nach der nötigen Distanz in der Praxis umgehen, wird sich am Donnerstag zeigen – um 18 Uhr steht ebenfalls in der Filharmonie die erste richtige Sitzung des Gemeinderats auf dem Programm. Thematisch geht es mit der Standortsuche für Flüchtlingsunterkünfte gleich ans Eingemachte. Schließlich weiß auch Christoph Traub: „Bislang habe ich lediglich eine Wahl gewonnen, als OB aber noch nichts erreicht und nichts geleistet“.

Schon am Dienstag zum Messebesuch nach München

Kaum in Amt und Würden war der OB am Dienstag übrigens schon wieder weg: Der neue Rathauschef reiste am Nachmittag zur Immobilienmesse Expo Real nach München, um den städtischen Wirtschaftsförderer Patrick Rapp zu unter-stützen – und der Werbung um ansiedlungswillige Firmen etwa auf dem Filder-Airport-Areal mehr Gewicht zu verleihen.

Begrüßt wurde der neue OB in seinem Amtszimmer übrigens mit einer großen Schale mit Kinderschokolade – für den bis zur Militärzeit eher weniger schlanken Christoph Traub seit jeher ein Lieblings­genuss. Den Tipp mit der wahlweise als Seelentröster oder Motivationsriegel genutzten Süßigkeit hatte das OB-Büro vom Sekretariat der Stuttgarter Anwaltskanzlei erhalten, bei der Traub bisher als Spezialist für Steuerrecht tätig war – wenn es mit der Kommunikation auch künftig so gut klappt, muss auch der Personalratschefin Ursula Helm („Herr Oberbürgermeister, wir sind sehr gespannt auf Sie“) nicht bange ums Arbeitsklima im Rathaus sein.

Vater Albrecht feierte bei der Verpflichtung den 80.

Doch zurück zum OB-Festakt: Nicht jeder Jubilar hat das Glück, seinen 80. Geburtstag in einem Festsaal mit 700 Gästen feiern zu dürfen – und darf dann noch miterleben, wie der eigene Sohn als Oberbürgermeister seiner Heimatstadt eingesetzt wird. Albrecht Traub, ehemals Pfarrer in Bonlanden, wurde dieses außergewöhnliche Erlebnis am Montag zuteil – und erhielt fast ebenso viele Gratulationen wie der Sohnemann. Die Lacher auf seiner Seite hatte Stadtbrandmeister Jochen Thorns, als er dem neuen Oberbürgermeister nachdrücklich ein Bild als Geschenk anpries, auf dem die Filderstädter Wehr in ihrer Gänze und Pracht zu sehen ist. Das könne Traub in seinem Büro oder auch im Wohnzimmer aufhängen. empfahl der oberste Feuerwehrmann, und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich habe gesehen, dass ihre Frau ihnen was einflüstert hat. Sie will das Bild offenbar im Schlafzimmer haben.“

Regierungspräsident spricht von „Aufbruchsstimmung“

Ein besonderes Geschenk überbrachte auch Dekan Rainer Kiess – einen Teller mit verschiedenen Obstsorten. Es seien derer fünf, erklärte er, für jeden Stadtteil eine. „Und mittendrin befinden sich die Traub-en“, sagte er. Damit nahm der Dekan das Wortspiel des OB-Kandidaten im Wahlkampf auf, als er „Traub-enzucker“ zur Stärkung ans Volk verteilt hatte.

Normalerweise haben auch Regierungspräsidenten gerne ein Geschenk in der Tasche, wenn sie eine Kommune mit einem Besuch beehren. Johannes Schmalzl konnte am Montag freilich nicht mit einem Bewilligungsbescheid glänzen, signalisierte aber Besserung: „Da geht noch was die nächsten Jahre“, versprach Schmalzl – und sah im Amtswechsel mit einem leicht abgewandelten Zitat des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog („Es muss ein Ruck durch Filderstadt gehen)“ die Chance auf eine städtebauliche Aufbruchsstimmung.

Taktstock für den neuen Rathaus-Dirigenten

Tipps für den Rathauschef hatte auch der Esslinger Landrat Heinz Eininger im Gepäck: „Verlässlichkeit muss oberste Richtschnur sein“, empfahl der Kreischef – und betonte, ein OB brauche in der Heimatstadt „einen besonders guten Kompass“.

Keinen Richtungsweiser, sondern einen Taktstock übergab der Erste Bürgermeister Andreas Koch an Christoph Traub: Als neuer Dirigent im Rathaus habe der 45-Jährige nun acht Jahre Zeit, um ein Orchester zu formen, dessen Klang auch geschätzt wird. „Das Publikum wartet gespannt auf den ersten Akkord“, sagte Koch.