Filderstädterinnen über Burn-out Wenn die Müdigkeit nicht mehr weggeht

Burn-out wird beschrieben als Zustand des Ausgebranntseins, wenn nichts mehr geht und die Lust auf alles verflogen ist. Foto: stock adobe/Black Brush

Unter Burn-out können sich die meisten etwas vorstellen – zumindest in der Theorie. Zwei Frauen aus Filderstadt, die die totale Erschöpfung erlebt haben, erzählen davon, was ihnen geholfen hat, wieder zu Kräften zu kommen.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Sie konnte nicht mehr kochen und irgendwann auch nicht mehr aufstehen. Und sie bekam zeitweise keine Luft mehr. Das Schlimmste für sie war aber, dass sie ihre Kinder nicht mehr anständig versorgen konnte, ihr Mann sei ihr in der Zeit eine große Hilfe gewesen, sagt sie. Die Zeit, von der die heute 46-jährige Frau aus Filderstadt erzählt, ist in etwa zehn Jahre her. Sie pilgerte von Arzt zu Arzt, gefunden habe keiner etwas, doch wenn sie sich mal wieder nicht aus dem Bett aufrappeln konnte, war sie sich sicher: „Ich bin schwer krank.“

 

Heute weiß sie, dass sie einen Burn-out hatte. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das keine Krankheit, sondern beruflicher Stress, der nicht bewältigt wird. Ob Krankheit oder nicht, auf die Frau aus Filderstadt mit der Atemnot trifft die Definition der WHO jedenfalls nicht ganz zu, denn sie war Hausfrau. Stress hatte sie trotzdem. Sie sei sehr perfektionistisch veranlagt, erzählt sie. Und sie sei lange Zeit das Seelentelefon für alle gewesen. „Jeder hat bei mir abgeladen, abgeladen, abgeladen.“ Bis zu dem Tag, an dem sie auf nichts mehr Lust hatte.

Hat Corona das Phänomen Burn-out verschärft? Weil Homeoffice auf Homeschooling traf? Für Lehrer scheint dies allemal zu gelten. Laut einer Forsa-Befragung im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung fühlen sich fast 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg stark oder sehr stark belastet. Auch bei den Schülern zeigt die Pandemie Folgen. 95 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer stellten seit Beginn der Coronakrise zunehmend auffälliges Verhalten fest. Ansonsten sagen 31 Prozent in der Coronakrise Befragter, dass sie in der Pandemie mehr Stress hatten als vorher, elf Prozent sagen, sie lebten seit Corona stressfreier.

Corona war für viele eine harte Zeit

Kerstin Bonke, Gestalttherapeutin in Filderstadt, kann in ihrer Praxis keinen Burn-out-Anstieg durch Corona erkennen. Gleichwohl spiele das Thema Corona in die meisten Gespräche, die sie mit Klienten führe, hinein. Zu Kerstin Bonke kommen Selbstzahler, die einer Frage nachspüren wollen, oder die sich überlastet fühlen und den Notausgang aus dem Hamsterrad suchen. Für die Gestalttherapeutin ist Burn-out nicht der Zustand des Zusammenbruchs, wie sie sagt. Sie versteht Burn-out als Prozess, der zum Zusammenbruch führen kann. Betroffene spürten dies als „übermäßige Erschöpfung“, sagt sie. „Man wird allem nicht mehr gerecht.“

Christina Keidel, Psychologin an der Sonnenbergklinik in Stuttgart, sieht auch keinen bewiesenen Anstieg von Burn-out durch Corona. Was sie feststellt: „Der Begriff wird häufiger benutzt.“ Sie sagt, sie verstehe darunter, dass man „die innere und äußere Dialogfähigkeit verloren“ habe. In einem Bild: Man stelle sich vor, das Dach eines Hauses sei nicht richtig gedeckt, was egal sei, weil es in der Gegend wenig Wind gibt. Dann allerdings kommt ein Sturm und deckt das Dach ab. Nun gelte es, sich damit zu befassen, was die Ursache für den Schaden war: der Sturm oder das schlecht gedeckte Dach.

Ärzte-Odyssee und viele taube Ohren

Die heute 46-jährige Frau aus Filderstadt mit der Atemnot brauchte Geduld, bis sie dahinter kam, was sie belastete. Nach einer Ärzte-Odyssee und vielen tauben Ohren sei sie sieben Wochen in einer psychosomatischen Klinik gewesen. Ihr Glück. „Es wurde besser und besser.“ Sie hat gelernt, dass sie als Kummerkasten und perfekte Hausfrau sich selbst vergessen hatte. Es habe ein, zwei Jahre gebraucht, bis sie sich das eingestehen konnte. Um etwas für sich selbst zu machen, hat sie wieder angefangen zu arbeiten, erst in der Hauswirtschaft in einem Seniorenheim, heute in der Betreuung.

Den Job gewechselt hat auch eine 22-jährige Filderstädterin, die weiß, was es heißt, auszubrennen. Auch sie will ihren Namen für sich behalten, Burn-out ist nichts, mit dem man gern hausieren geht. Bei der 22-Jährigen ist es etwa drei Jahre her. Sie war bei einem Friseur in der Lehre, und an einem Modellabend – ihre Mutter saß auf dem Frisierstuhl – ist sie bei der leisesten Kritik des Lehrmeisters in Tränen ausgebrochen. „Meine Mutter hat gesagt, so geht’s nicht weiter.“ Sie sagt: „Ich habe mich innerlich nur noch leer gefühlt.“

Der Hausarzt sprach von beginnendem Burn-out und hat ihr pflanzliche Medikamente verschrieben. Zudem war sie beim Psychologen und einen Monat daheim. In der Friseur-Lehre war sie von 8 bis 18 Uhr auf den Beinen, teils noch Abende, an denen an Modellen frisiert wurde. Ein soziales Leben? Fehlanzeige. Samstags hatte sie den halben Tag Dienst, und montags, wenn Friseure geschlossen sind, waren die Freunde auf Arbeit oder in der Schule. Das ist jetzt anders, die heute 22-Jährige steckt in der zweiten Lehre – Fachkraft für Lagerlogistik. Und sie hat jetzt mehr Zeit für sich und Zerstreuung.

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