Seit drei Jahrzehnten versorgt die Fildertafel Menschen, die wenig Geld haben, mit günstigen Lebensmitteln. Aber warum werden die Waren knapper?
Eine „Herzlichen Glückwunsch“-Girlande hängt über der Tür, die Häppchen liegen unter Folie bereit, die Gäste trudeln ein. An der Echterdinger Straße in Bernhausen stehen die Zeichen auf Feiern. Hände werden an diesem Nachmittag jedoch nur wenige geschüttelt. Es ist ein Jubiläum, das niemanden richtig glücklich macht. Am 17. Juli 1995, vor genau 30 Jahren, hat die Fildertafel eröffnet, als dritte Tafel überhaupt in Deutschland. Dass sie drei Jahrzehnte später immer noch da ist und mehr Zulauf denn je hat, kann eigentlich niemanden freuen. „Ich war mir nicht sicher, ob ich gratulieren oder mein Beileid aussprechen soll“, sagt Eberhard Haußmann, der frühere Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, des Trägers der Fildertafel, bei seiner Begrüßung.
Die Fildertafel versorgt Menschen, die wenig Geld haben, mit günstigen Lebensmitteln. Während ein Päckchen Nudeln im normalen Laden mitunter drei Euro kostet, sind es hier nur 30 Cent. Die Waren, die so günstig ausgegeben werden, sind allesamt Spenden – von Supermärkten, Bäckern oder Erzeugern. Sie geben Dinge kostenfrei ab und wirken so der Verschwendung entgegen, und die, die wenig haben, können ihren schmalen Geldbeutel schonen – Win-win.
Wer bei der Tafel einkaufen will, muss davor aber die Hosen runterlassen und seine Finanzen offenlegen. In der Regel sind es Menschen, die Sozialleistungen empfangen – Geflüchtete, Geringverdiener, Aufstocker, Alleinerziehende, Rentner und insbesondere Rentnerinnen. „Altersarmut bildet sich hier ab“, sagt Tanja Herbrik, die Geschäftsführerin des Kreisdiakonieverbands und gleichzeitig die Fachbereichsleiterin für die Tafelläden. „Nur wer nachweislich am Existenzminimum lebt, erhält eine Kundenkarte“, erklärt sie. Pro Haushalt gibt es einen Berechtigungsausweis zum Einkaufen.
Es werden weniger Waren
Die Fildertafel besteht aus drei Standorten. Die Hauptstelle inklusive Verteilerzentrum ist in Bernhausen, außerdem gibt es Ausgabestellen in Nellingen und Echterdingen. Die Menschen können sich dort mit Lebensmitteln und Kosmetik, aber auch mit gebrauchter Kleidung, Spielzeug oder Haushaltsgegenständen eindecken. Und die Zahl der Bedürftigen wächst kontinuierlich, durch den Zustrom an Geflüchteten, durch Kurzarbeit, Jobverlust und andere Nöte. „Ich sehe aktuell auch nicht, dass es sich verändern wird mit der wirtschaftlichen Lage“, sagt Tanja Herbrik. Die Waren werden jedoch zunehmend weniger. Geschäfte arbeiten laut Tanja Herbrik zunehmend mit modernen Warenwirtschaftssystemen, die per KI Bestände und Bestellungen genauer überwachen. Will heißen: Es gibt weniger Ausschuss. Gleichzeitig bedienen sich aber auch andere aus dem schrumpfenden Topf, Foodsharing-Gruppen beispielsweise. Für die Tafeln kommen bei einer wachsenden Kundschaft unterm Strich weniger Ware zusammen, und zukaufen dürfen sie nichts. „Wir können nur das weitergeben, was andere uns überlassen“, sagt sie. Geldspenden und Zuschüsse, die die Fildertafel von den drei Städten, vom Landkreis oder aus der Kirchensteuer bekommt, werden ebenfalls dringend benötigt für Miete, Nebenkosten, Personal und Anschaffungen. Im vergangenen Monat habe die Fildertafel ein neues Kühlfahrzeug kaufen müssen, „jetzt gibt das Bäckerfahrzeug auf“, sagt Tanja Herbrik. „Es ist sehr zäh geworden“, resümiert sie.Erzählen kann sie aber auch von Glücksmomenten, etwa von der Tatkraft, die die Fildertafel trägt. Allein in Bernhausen gibt es 40 Plätze für Langzeitarbeitslose, die sich über Kooperationsverträge mit dem Jobcenter einbringen. Sie arbeiten Hand in Hand mit einigen Hauptamtlichen und etwa einem Dutzende Ehrenamtlicher. „In diesem Mix kriegen wir es hin. Würde eine Säule wegbrechen, wüsste ich nicht, wie wir den Tafelalltag bestreiten sollten“, sagt Tanja Herbrik.
Für die Kundschaft seien die Tafelläden mehr als bloße Geschäfte. Sie seien Orte der Begegnung und des Miteinanders. Viele kämen seit Jahren, denn „wer arm ist, kommt schwer wieder raus“. So ist die Tafel auch „ein Stück weit Seelsorge“, wie Falk-Udo Beck, der Erste Bürgermeister in Filderstadt, beim Jubiläumsfest sagt.
Und auch sie gehören dazu: Bürgerinnen und Bürger, die Kartons und Einkaufstaschen voller Lebensmittel vorbeibringen. Manchmal sind es auch nur Kleinigkeiten, eine Tafel Schokolade oder ein Päckchen Mehl fürs Warenregal. Kleinvieh macht auch Mist, und Tanja Herbrik sagt: „Diese Solidarität ist es, was uns trägt.“
Nahezu 1300 Kundenkarten im Umlauf
Gründung
Die Fildertafel wurde im Juli 1995 gegründet. Anfangs gab es nur den Standort Bernhausen, seinerzeit an der Martinstraße, seit 2004 sitzt er an der Echterdinger Straße im Gebäude der ehemaligen Trockenblumenfabrik. 2009 wurde die Ausgabestelle in Nellingen eröffnet, 2010 die in Echterdingen.
Steigende Zahlen
Die Zahl derer, die auf günstige Lebensmittel angewiesen sind, wächst kontinuierlich. Laut Tanja Herbrik, der Geschäftsführerin des Kreisdiakonieverbands, waren in den Anfangsjahren der Fildertafel 600 bis 800 Berechtigungskarten im Umlauf, heute sind es nahezu 1300. In Bernhausen werden pro Tafel-Öffnungstag 120 bis 180 Karten registriert, die für den Einkauf eingesetzt werden, in Nellingen und Echterdingen sind es jeweils 40 bis 60. car