Stuttgart - Es gibt einige Konstanten bei Stuttgart 21. Das Projekt wird in regelmäßigen Abständen teurer, der Terminplan gerät ein ums andere Mal ins Wanken – und die Projektkritiker lassen kaum eine Gelegenheit aus, sich öffentlichkeitswirksam gegen das Milliardenvorhaben zu positionieren. So auch am Montag, wenn in Beisein von reichlich Prominenz – unter anderem Bahnchef Richard Lutz und der ansonsten S-21-Termine eher zurückhaltend wahrnehmende Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) – die riesige Tunnelbohrmaschine ihre letzten Meter zurücklegt und damit der 9,5 Kilometer lange Fildertunnel in weiten Teilen aufgefahren ist. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat eine Demonstration mit 50 Teilnehmern im Gewerbegebiet Fasanenhof angemeldet. Dort, am Rande der Stadt, hatte sich die 2000 Tonnen schwere Tunnelvortriebsmaschine im Juli 2014, in Bewegung gesetzt. Auch der damalige Festakt in der Baugrube war von Unmutsäußerungen begleitet.
Gut fünf Jahre später ist das Werk vollbracht. Allerdings ist damit der Fildertunnel noch nicht fertiggestellt. Zum einen müssen die beiden mittleren Abschnitte, die nicht mit der Tunnelbohrmaschine gebaut wurden, noch mit einer Betoninnenschale versehen werden. Und zum anderen fehlen am nordwestlichen Ende in den beiden Röhren noch 72 und 131 Meter, ehe die Mineure Licht sehen. Zumindest bei einer der beiden Röhren könnte das noch dieses Jahr der Fall sein, sagt ein Bahnsprecher. Verglichen mit den zwei je knappe 9,5 Kilometer langen Röhren, die schon aufgefahren sind, eigentlich ein Katzensprung. Aber die letzten Tunnelmeter vor der City stellen die Ingenieure vor große Herausforderungen. Der Abstand von der Tunneloberkante zur Erdoberfläche ist so gering, dass zahlreiche Häuser des darüber liegenden Kernerviertels vorsorglich angehoben wurden. Bei dieser diffizilen Aktion beschädigten die Tunnelbauer ein Haus an der Kernerstraße in einem Ausmaß, dass es nicht mehr zu erhalten war und abgerissen werden musste. Sechs Anwohner des betroffenen Quartiers leben derzeit noch auf Bahnkosten in Hotels.
Rechtsstreit auf den Fildern
Am anderen Ende des Tunnels auf der Filderebene sind es weniger bauliche als planrechtliche Herausforderungen, mit denen sich die die S-21-Bauer konfrontiert sehen. Denn wenige Meter nach dem Tunnelportal beim Echterdinger Ei haben die Arbeiten an der Strecke noch gar nicht begonnen. Im Dezember 2018 hatte der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg den Baubeginn in dem von der Bahn Abschnitt 1.3a genannten Bereich auf Eis gelegt. Die Richter bemängelten, dass für das im selben Verfahren genehmigte Vorhaben einer Südumfahrung von Plieningen wichtige Nachweise nicht vorlägen. Diesem Manko versuchen Land und Bahn seit Juni mit einem ergänzenden Genehmigungsverfahren beizukommen. Die Frist, binnen derer Einwände gegen die Planung erhoben werden konnten, lief Ende August aus. Privateinwendungen habe es keine gegeben, teilt eine Sprecherin des mit dem Verfahren betrauten Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart mit. Kritik sei allerdings bei den beteiligten Naturschutzverbänden laut geworden. „So wurde unter anderem, mit Blick auf eine Minimierung der Bodeneingriffe, geltend gemacht, den Straßenquerschnitt der Südumgehung zu reduzieren und die Straße enger mit der Neubaustrecke der Bahn zu bündeln“, teilt die RP-Sprecherin mit. Eine Entscheidung steht noch aus. „Nach derzeitiger Sachlage wird das Anhörungsverfahren voraussichtlich in den kommenden Wochen abgeschlossen.“ Eine öffentliche Diskussion, den sogenannten Erörterungstermin, wird es allerdings nicht geben. Bei der Bahn wartet man nun auf die Entscheidung der Behörden. Das Eisenbahn-Bundesamt werde „eine Entscheidung über die Fehlerheilung und auch über den Sofortvollzug treffen“.
Kein Termin am Bundesverwaltungsgericht
In der Schwebe ist auch weiterhin die höchstrichterliche Entscheidung in dieser Angelegenheit. Nach dem VGH-Urteil gingen sowohl die klagende Schutzgemeinschaft Filder und der Naturschutzbund wie auch das Land und die Bahn in Revision. Eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig steht aus. Ein Termin dafür werde es in diesem Jahr nicht mehr geben, teilt das höchste deutsche Verwaltungsgericht auf Anfrage mit.
Die Bahn, die möglichst schnell die sich auftuende Baustellenlücke zwischen dem südlichen Portal des Fildertunnels und einem weiteren Bauabschnitt längs der A8 hinunter ins Neckartal bei Wendlingen schließen möchte, ist vorsichtig optimistisch. „Wir sind zuversichtlich, dass wir im Planfeststellungsabschnitt 1.3a noch in diesem Jahr weiterbauen können“, sagt ein Bahnsprecher.
Bleibt die Hoffnung, dass nicht wieder eine der bekannten Konstanten von S 21 wirksam wird.