Film Commission Region Stuttgart Mögliche Filmdrehorte mit Familiengeschichte

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Die Film Commission Region Stuttgart trommelt seit mehr als 20 Jahren für den Ballungsraum als gute Gegend, um Filme zu drehen. Das diesjährige Postkartenset wirbt für elf neue mögliche Drehorte unter dem Motto „Familiengeschichten“.

Ein Mausoleum für einen viel zu früh gestorbenen Sohn: Grabkapelle der Familie Straub in Geislingen Foto: Nicklas Santelli 12 Bilder
Ein Mausoleum für einen viel zu früh gestorbenen Sohn: Grabkapelle der Familie Straub in Geislingen Foto: Nicklas Santelli

Stuttgart - Was für ein Mann! Ernst von Sieglin heißt er, der Stuttgarter, der 1876 in England mit Richard Thompson das Seifenpulver entwickelt und zurück in Deutschland großen Erfolg damit hat. Mit „Dr. Thompson’s Seifenpulver – Marke Schwan“ macht Sieglin viele Frauen glücklich, denen die Wäsche nun leichter von der Hand geht. Der Kaufmann und Hobby-Chemiker wird damit so vermögend, dass er sich nicht nur eine stattliche Villa im Weissenburgpark erwirbt (1964 abgerissen), sondern sich 1898 mit gerade einmal 50 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. In diesem geht er nicht nur auf archäologische Ausgrabungen in Ägypten, er spielt auch leidenschaftlich gerne Tennis. Weil er den neuen Platz am Hang im Park auf ein solides Fundament stellen muss, kommt er auf die Idee, darunter einen – heute noch existierenden – Marmorsaal für seine Altherrenrunden anlegen zu lassen. Damit sich seine Gattin, die viel jüngere Geigerin Alice Borchert, nicht zu sehr langweilt, wenn er die Vorhand pflegt, lässt er ihr gleich daneben einen Pavillon für ihre Teekränzchen bauen – das Teehaus im Weißenburgpark von 1913.

Rund 400 Beratungen pro Jahr

Geschichten wie diese sind es, die Ulla Matzens Fantasie beflügeln. Matzen ist sogenannte Location Guide bei der Film Commission Region Stuttgart, die als Teil der regionalen Wirtschaftsförderung versucht, den Filmstandort Stuttgart und Umgebung zu stärken. Die vierköpfige Commission mit Sitz im Bosch-Areal leistet pro Jahr rund 400 ausführliche Beratungen mit Produktionsfirmen und schafft es immerhin, dass Schauplätze der Region häufiger in deutschen oder sogar internationalen Filmproduktionen zu sehen sind als vor ihrer Gründung 1998. Matzen kümmert sich um Locations – also mögliche Drehorte – und einer ihrer Trümpfe ist das jährliche Postkartenset, das 3500-mal gedruckt und an Filmschaffende in ganz Deutschland verschickt oder auf Festivals wie der Berlinale ausgelegt wird. Das Thema der neunten Auflage 2020 heißt „Familiengeschichten“.

„Bei unserem Set geht es immer darum, neue Orte zu entdecken, die wir noch nicht in unserer Datenbank haben“, sagt Ulla Matzen, „da versuche ich immer Themen zu finden, die man auch verfilmen kann.“ Matzen fahndet seit 2007 nach potenziellen Drehorten und stieß darauf, dass spannende Firmenareale oft von Familien gestaltet wurden, die ihrerseits spannende Geschichte hervorgebracht haben. „Da kann man die Orte unheimlich toll erleben“, sagt die studierte Medieningenieurin. Das soll die Autoren unter den Filmschaffenden ansprechen. Sogar die imposante Grabkapelle der Familie Straub in Geislingen wird da sozusagen wieder mit Leben erfüllt. Daniel Straub war ein erfolgreicher Metallwarenfabrikant an der Fils, bei dem auch ein gewisser Gottlieb Daimler drei Jahre arbeitete. 1870 nahm er seinen einzigen Sohn Heinrich als Teilhaber auf, der aktiv in die Firmenleitung einstieg und ehrgeizige Expansionspläne hegte.

Ein Mausoleum für den Sohn

Doch Heinrich erkältete sich schwer, als er mit anderen ein Mühlrad montierte. Später kam die Lungenkrankheit Tuberkulose dazu, und er begab sich 1876 nach Ägypten auf Kur. Doch Straub junior erholte sich nicht mehr und starb mit 38 Jahren in Heluan. Vater Heinrich war am Boden zerstört und veräußerte schließlich das Unternehmen, das durch die Verschmelzung mit einer anderen Versilberungsfirma zur Württembergischen Metallwarenfabrik wurde, heute besser bekannt als WMF. Für seinen Sohn ließ er das Mausoleum auf dem Friedhof Rorgensteig errichten.

Das Foto dieser Grabkapelle und die anderen zehn sehenswerten Motive sind von dem jungen Fotografen Nicklas Santelli aus Fellbach. Ulla Matzen lud ihn auf einen Hinweis aus dem Bekanntenkreis ein, sich gegen zwei Mitkonkurrenten um den Auftrag zu bewerben. Und der ausgebildete Fotograf, der häufig für die „Fellbacher Zeitung“ unterwegs ist, setzte sich durch. „Das letztliche Ausmaß ist mir erst hinterher richtig bewusst geworden“, sagt der 22-Jährige und ist durchaus stolz: „Sonst bin ich nur Beiwerk und mache die Fotos zu Artikeln der Autoren, jetzt stehe ich mit meinen Bildern im Vordergrund. Das ist eine große Ehre“.

Vom rostroten Gebäude beeindruckt

Mit dem Thema „Familiengeschichten“ habe er zunächst wenig anfangen können, räumt Santelli ein, er habe nur an Menschen und ihre Beziehungen zueinander gedacht, nicht an Gebäude und ihren Kontext. „Aber wenn man um die Geschichten der Gebäude weiß, erkennt man auch die Zusammenhänge mit der jeweiligen Familie“, so Santelli. Während Ulla Matzen die alte Lederfabrik Röhm in Schorndorf „unheimlich gerne“ mag, hat es Nicklas Santelli das Cortenstahl-Gebäude des Weinguts Ellwanger in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) besonders angetan. „Die rostrote Farbe hat mich schon sehr beeindruckt“, sagt der junge Profi-Fotograf, der zusammen mit Matzen zweimal bei jedem Motiv war und auch mal mehr als zwei Stunden brauchte, bis das Motiv im richtigen Licht stand.

Neben der Geschichte des Teehauses besonders skurril fand Santelli den Flur des Schlosshotels Weitenburg in Starzach (Kreis Tübingen) mit zahlreichen Antiquitäten und Geweihen: „Der lässt viel Platz für die Fantasie“, sagt Santelli, „man fragt sich, wer da jetzt wohl zur Tür reinkommt.“ Santelli rieb sich die Augen beim Gedanken, dass das eigentlich ein Hotelflur ist, durch den täglich Gäste gehen. Einen Film könnte man hier allemal drehen.




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