Film „Fünf Jahre Leben“ Zermürbungskrieg in Guantánamo

Der Spielfilm „Fünf Jahre Leben“ über die Haft von Murat Kurnaz zeigtdie Schande eines Rechtsstaats. Gedreht hat den Film der Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie Stefan Schaller.

Stuttgart - Du bist ein Niemand, Dir gehört nichts, Du hast nichts zu bestimmen, Du hast keine Rechte! Diese Auslöschung des Selbstbewusstseins ist das Ziel des amerikanischen Internierungslagers Guantánamo, wie es uns der deutsche Regisseur Stefan Schaller in seinem Kinodebüt „Fünf Jahre Leben“ zeigt. Schaller stützt sich auf die Aussagen des Deutsch-Türken Murat Kurnaz, der von 2002 bis 2006 von den Amerikanern in Guantánamo gefangen gehalten und auch gefoltert wurde. Aber Schaller setzt erstaunlich abgeklärt nicht auf Gewaltspitzen, auf das Drastischste, was Kurnaz zu erzählen hat, auf die allerschlimmsten Momente im Sondergefängnis Guantánamo.

Im Mittelpunkt des Films steht der Alltag. Alltag heißt, dass die Gefangenen in etwas größeren Käfigen hocken. Ihre Sitzposition wird ihnen von brüllenden Wachen vorgeschrieben, die Decke, die vor ihnen liegt, darf nicht benutzt werde. Wer sich doch daraufsetzt oder sie um sich wickelt, wird angebrüllt, geprügelt, getreten, umhergeschleift, als sei er eines hinterhältigen körperlichen Angriffs auf einen der Soldaten schuldig.

Du darfst nichts, du hast nichts, du kannst nichts, du giltst nichts: diese psychologischen Tritte in die Seele sollen die Gefangenen so mürbe machen, dass die klassische Folter vielleicht gar nicht so sehr durch Schmerz und Angst zusätzlichen Aussagedruck aufbauen soll, als einen ritualisierten Ausweg weisen soll. Man sagt dem Folterer, was er hören will, in der Hoffnung, aus diesem Ort ohne Zeit, ohne Gnade, ohne Anerkennung des eigenen Menschseins zurückkehren zu dürfen in die Welt der normalen Menschen. Kurnaz aber schweigt oder wiederholt Beteuerungen seiner Unschuld. Der Film erzählt auch von ungeheurer Widerstandskraft.

Die Rituale führen die Regie

In Guantánamo bestimmt der Ort den Film, die Rituale dort führen die Regie. Stefan Schaller, der an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert hat, gibt in seinem Abschlussfilm „Fünf Jahre Leben“ erstaunlich souverän die Zügel scheinbar aus der Hand. So eindringlich vermittelt er die Beengung, die Schikane, die Reizberaubung in Guantánamo, dass die Regieleistung beinahe aus dem Blick gerät. Die Kamera scheint eine in den innersten Sperrkreis vorgedrungene, unsichtbare Zeugin des Realen zu sein. Sascha Gersaks glaubhafte Darstellung von Kurnaz trägt dazu allerdings wesentlich bei.

Um einiges schwächer sind Schaller die Rückblenden auf Kurnaz’ Leben in Deutschland geraten, die mit Szenen aus Guantánamo abwechseln. Obwohl oder weil Schaller hier mehr Freiheiten hat, sind sie diffuser als die klaren Bilder aus der Haft. Das Hauptproblem ist nicht einmal, dass auch „Fünf Jahre Leben“ nicht wirklich erklären kann, was Kurnaz damals alles plante und dachte, was ihn dazu trieb, kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 nach Pakistan zu reisen, wo die Polizei ihn dann verhaftet und gegen Kopfgeld an die Amerikaner ausgeliefert hat. Das Hauptproblem ist, dass die häppchenweise Präsentation der Vergangenheit suggeriert, sie liefe auf eine Enthüllung zu, auf die Klärung der Frage Terrorrekrut oder Tourist, schuldig oder nicht.

Unpersönlicher Zermürbungskrieg

„Fünf Jahre Leben“ ist eigentlich klüger als diese Frage, die in den Rückblenden doch herandrängt. Die Bilder aus der Haft zeigen nämlich, dass es auf sie nicht mehr ankommt. So wie gezeigt, darf ein Rechtsstaat nicht mit einem Menschen umgehen, unabhängig davon, was er zu tun bereit war oder womit er sympathisiert haben mag.

Wie Folter die Folterer korrumpiert, zeigt Schaller an der Figur eines Verhörspezialisten. Dieser Mann (Ben Miles) führt einen unpersönlichen Zermürbungskrieg gegen Kurnaz. Es geht nicht um eine akute Notsituation, in der man alle Hemmungen fahren lässt, es geht um die erfolgreiche Erledigung eines Jobs, um die Karriere, um den Anspruch, der andere dürfe einem nicht böse sein, da man ohne Überzeugung, Spaß und Leidenschaft grausam zu ihm ist. In diese Figur packt Schaller viel Erkenntnis über den Werteverlust, den die USA in Guantánamo erleiden.