Film über Amoklauf Einfache Antworten gibt es nicht

Von hsw 

Staudamm, ein Spielfilm über die Folgen eines Amoklaufs, hat das Winnender Publikum beeindruckt. Der Film wurde vor seinem Start in Orten gezeigt, in denen Amokläufe stattfanden.

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  Foto: Gottfried Stoppel

Winnenden - Die Anspannung ist schier mit Händen zu greifen, als der Regisseur Thomas Sieben und der Drehbuchautor und Produzent Christian Lyra nach der Vorführung des Films Staudamm vor die Bühne des Olympia Kinos in Winnenden treten. Wie hat der Film auf das Publikum gewirkt? „Hier ist schließlich ein besonderer Ort“, sagt Sebastian Zembol vom Filmverleih Mixtvision. Die Albertville-Realschule, wo vor fünf Jahren ein Amokläufer zwölf Menschen erschossen hat, ist nur rund 800 Meter von dem Kino entfernt. Und Staudamm dreht sich um die Folgen eines Schulamoklaufs. Wie sich zeigt, ist das Publikum, das den Kinosaal komplett füllt, tief beeindruckt davon, wie es den Künstlern gelungen ist, dieses Thema sensibel, aber auch mit dem Mut, an Grenzen zu gehen, in eine fiktive, aber dennoch sehr realistische Geschichte umzusetzen.

Das Winnender Publikum ist beeindruckt

Die Nervosität Lyras und Siebens verfliegt allmählich und auch die Zuschauer, die nach dem Film eine ganze Weile lang verstummt war, finden wieder Worte und beginnen Fragen zu stellen. Wie kommt man dazu, einen Film über einen Amoklauf zu machen? Wie recherchiert man dazu? Haben sich die Filmemacher vorher mit Leuten des Aktionsbündnisses Amoklauf getroffen, das zusammen mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) zu der Vorstellung eingeladen hat? „Nein, das haben wir absichtlich nicht gemacht. Sonst hätten wir den Film nicht mehr machen können“, antwortet Christian Lyra.

Der Amoklauf im Film ist zwar fiktiv, setzt sich jedoch aus Details realer Vorfälle zusammen. So ist das Tagebuch des Täters, das im Film eine Rolle spielt, eine Collage echter Zitate und die Gerichtsakten sind ebenfalls echten Protokollen entnommen. „Wenn ein Schauspieler solche Sätze immer wieder lesen muss, macht das was mit ihm“, sagt Thomas Sieben, der verrät, wie er und die beiden Hauptdarsteller Liv Lisa Fries und Friedrich Mücke sich zwischen den Aufnahmen mit Gelächter regelrecht abreagierten, um mit den intensiven Erfahrungen fertig zu werden, die in der Handlung stecken. Dabei zeigt Staudamm keine blutigen Szenen.

Aus Gleichgültigkeit wird Interesse und Mitgefühl

„Zuerst hatte ich Angst, dass solch ein Film unfreiwillig auf Nachahmer wirken könnte“, sagt Gisela Maier vom Aktionsbündnis. Doch diese Angst sei schnell verflogen, denn der Film beeindrucke den Zuschauer so sehr, dass das Gegenteil der Fall sei. Er mache vielmehr Mut, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aus Gleichgültigkeit wird Interesse und daraus Mitgefühl: wie bei der Figur des Roman, der Laura kennenlernt, die nicht nur den Amoklauf an ihrer Schule überlebte, sondern auch den Täter gut kannte. Aus ihren Erzählungen entsteht ein Bild der Tat, aber auch des Jungen, der 17 Menschen ermordet hat, bis er auf einem Staudamm am Ortsrand von der Polizei erschossen wurde.

„Was glaubst du? Warum hat er das gemacht“, fragt Roman Laura. Doch sie bleibt ihm eine Antwort schuldig: Niemand weiß es. „Mir hat gefallen, dass der Film auf einfache Erklärungsversuche verzichtet“, meint Gisela Maier. Statt dessen zeigt der Film, welche Folgen eine solche Tat für die Betroffenen hat. Laura geht immer wieder in die leer stehende Schule und macht Fotos. „Das hilft mir“, sagt sie und tatsächlich habe ein Mädchen das gemacht, das einen Schulamoklauf erlebt hatte. Zustimmendes Nicken und Raunen geht durch den Kinosaal, als Laura Roman erzählt, dass sie darauf bestand, noch einmal ihre beste Freundin, die getötet worden war, sehen zu dürfen, und wie sie das erlebte. „Um sie zu besuchen und tschüss zu sagen. Alle haben mir davon abgeraten, sie war ja komplett durchlöchert. Als ich sie dann gesehen habe, war es gar nicht so schlimm.“

Das Interesse bei Schülern ist groß

Solche Erfahrungen haben auch Menschen in Winnenden machen müssen. „Wir sind ja in diese Situation geschmissen worden“, sagt Hardy Schober vom Aktionsbündnis, der den Film bereits gesehen hatte, ihn wie Gisela Maier sehr schätzt und hofft, dass er etwas bewirken kann. Sowohl Gisela Maier als auch Hardy Schober haben bei dem Amoklauf in Winnenden eine Tochter verloren.

Die Filmemacher berichten über eine Vorführung des Films mit Schülern in Saarbrücken. „Statt der 25 Minuten, die für die Diskussion danach geplant waren, ging sie länger als eine Stunde“, sagt Sieben. Ein Lehrer habe hinterher berichtet, ein Schüler, der sich seit Monaten kaum am Unterricht beteiligt habe, sei voller Interesse bei der Sache gewesen.

Das Aktionsbündnis und der VBE sind der Meinung, der Film müsse verstärkt in Schulen gezeigt werden. Und die anwesenden Lehrer diskutieren bereits über die pädagogische Begleitung, ob mit oder ohne Vor- und Nachbereitung. Wie auch immer, Sieben und Lyra jedenfalls sind gerne bereit zu solchen Vorführungen zu kommen und mit Jugendlichen zu diskutieren.




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