Film über Jehova-Aussteiger „So macht man Menschen gefügig“ – Film blickt in Parallelwelt der Zeugen Jehovas

Drei Ex-Jehovas, die den Mut haben, über ihre Erlebnisse und ihren Ausstieg zu erzählen. Sie wollen andere ermutigen, auch aus der Deckung zu kommen. Foto: © sichtlichmensch/Andy Reiner

Gewalt, Einsamkeit und keine Hilfe: Der Fotograf Andreas Reiner hat mit Aussteigern der Zeugen Jehovas einen Film gedreht. Er erzählt von Menschen, die nicht mehr schweigen wollen.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Als Passant erlebt man die Zeugen Jehovas meist in Fußgängerzonen und auf Marktplätzen. Dort stehen sie meist zu mehreren mit einem Trolley, auf dem ihre Missionsschriften versammelt sind. Eine eingeschworene Gemeinschaft, so scheint es, die zusammenhält. Doch was geschieht, wenn man sich als Jugendlicher oder auch Erwachsener aus diesem Verbund lösen möchte? Und wie sieht eine Kindheit in der Gemeinschaft aus? Drei Aussteiger erzählen in Andy Reiners Film „Ich war ein Zeuge“.

 

Herr Reiner, Sie sind mit Ihrem Film in die Welt der Zeugen Jehovas eingetaucht. Können Sie kurz beschreiben, was dieses Leben ausmacht?

Andy Reiner: Es geht um eine Glaubensgemeinschaft. Wenn man die Menschen an der Haustür trifft, sind sie eigentlich immer nett und freundlich. Irgendwie auch zurückhaltend. Mich hat das nicht angesprochen. Aber ich habe immer gedacht, wenn es den Menschen hilft und ihnen Stütze gibt, dann ist es okay.

Jetzt denken Sie anders?

Ja. Dann kam der Fotoauftrag dieser Zeitung. Als ich das erste Gespräch mit einer Frau hatte, die bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen war, hab ich gedacht: Das gibt es doch nicht, was die mitmachen musste! Ich hatte ein bisschen vorher über Aussteiger gelesen und war gespannt, etwas darüber zu hören, wie das ist, wenn man sich entschlossen hat, die Institution zu verlassen.

Was zum Beispiel?

Ich konnte mit meinen Eindrücken von dem Gespräch mit dem Aussteigerin auf der Heimfahrt gar nicht umgehen. Da war so viel Unrecht und Leid, das ihr widerfahren war. Und mir war klar: Das ist kein Einzelfall. Aber auch, wenn sie darüber reden, hören immer nur andere Betroffene zu und einzelne Menschen wie Journalisten, die sich dafür interessieren. Das ist wie in einem geschlossenen Stuhlkreis. Und dann dachte ich mir, ich könnte doch mal versuchen, diesen Stuhlkreis zu öffnen und etwas davon in die breite Gesellschaft tragen.

Fotograf und Filmemacher Andy Reiner fragt, sich, warum sich die Politik nicht an die Missstände herantraut. Foto: Teamwerk

Erst mal haben Sie das in Form eines Fotoprojekts versucht. Wie wurde daraus ein Film?

Ich wollte über Masse, mittels ganz vieler Porträts und Gesichter aufzeigen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Bei einem Treffen von Aussteigern habe ich mein Fotoprojekt vorgestellt. Dann aber ist mir klar geworden, ich glaube nach zehn Treffen mit unterschiedlichsten Menschen – Männlein, Weiblein, aus Ost, Süd, West und Nord –, dass das Fotoprojekt allein dem allen nicht gerecht wird.

Hat es die Protagonisten viel Mut gekostet, hinzustehen und zu erzählen?

Manche hat mein Aufruf ermutigt zu erzählen. Vielleicht auch in der Erwartung, dass sie endlich Verständnis finden für Verhaltensweisen, die sie auch noch nach 20, 30, 40 Jahre an den Tag legen. Und da dachte ich, das wird schwierig mit nur einem Foto und einem Satz. Das wäre dann wieder ein Stuhlkreis gewesen.

Haben Sie sich verantwortlich gefühlt, dass das Gesagte nicht verpuffen darf, wenn jemand sich mutig offenbart?

Ja, ich wollte andere erreichen, so wie die Menschen mich erreicht haben. Mich hat das Gehörte betroffen gemacht und umgetrieben. Je mehr ich mich mit der Thematik auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde mir: Da muss man drüber reden. Und dabei geht es um mehr als Worte. Es sind ja auch Mimik und Emotionen, die da hochkommen. Eigentlich müsste man diese Gespräche aufzeichnen. Aber wie macht man das? Ohne viel Drumherum. Es geht um das, was die Leute belastet. Und nicht darum, wie sie wohnen und was sie heute machen. Mit der Thematik „Ich war ein Zeuge” hätte das wenig zu tun. Natürlich triffst du auf Frauen, die tragen Hosen und sind tätowiert. Das sagt schon etwas.

Ein No-Go für Jevohas?

Auf jeden Fall. Das Gefühl der Befreiung drückt sich ganz unterschiedlich aus.

Der Preis, wenn man geht, ist erst mal Einsamkeit?

Das ist aber keine Erfindung der Zeugen Jehovas. Das Gefühl kennt irgendwie jeder. Da muss man kein Experte sein. Einsamkeit kann grausam sein. Daran kann man zerbrechen. Es geht um den Verlust des vertrauten Umfelds. Es ist, wie wenn jemand stirbt. Nur dass die, die ich vermisse, ja noch leben. Aber ich habe keinen Zugriff mehr auf sie. Allein schon daran kann man zerbrechen. Wenn ich an meine Eltern denke, dann weiß ich, sie sind nicht mehr da. Das ist real. Wahrscheinlich kann man damit eher umgehen. Aber die Zeugen Jehovas sind ja noch da, aber reden nicht mehr mit dir, weil du die Glaubensgemeinschaft verlassen hast. Das ist eine Strafe für Menschen, die sich nicht ausgesucht haben, zu dieser Institutionen zu gehören.

Das Erstaunliche ist, dass man bei diesem Film glaubt, in die 50er-Jahre zu schauen. Aber die Menschen erzählen von Erlebnissen, die erst vor fünf oder zehn Jahren stattgefunden haben. Also von körperlichem, psychischem und sexuellem Missbrauch, wie wir das aus geschlossenen Systemen kennen.

Das hat ja die Struktur, um das System zusammenzuhalten. Das sind Werkzeuge, um die Leute gefügig zu machen. Und dabei heißt es bei den Zeugen Jehovas immer, dass sie die besseren Menschen seien. Wie elitär muss man sein, um ein Feindbild zu erschaffen und Kindern beizubringen, dass die anderen Menschen schlechte Menschen sind. Wer gibt ihnen das Recht, das zu verkünden? Damit sind wir auf einer zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Ebene. Wenn jemand in einer Demokratie und in einer freien Gesellschaft solche Mittel einsetzt, dann muss ich das doch hinterfragen. Und nicht nur ich, sondern auch der Staat.

Straftaten wie Missbrauch und Gewalt gegen Kinder werden bei den Zeugen Jehovas ohne Einschaltung der staatlichen Gerichtsbarkeit durch Ältestenräte geahndet.

Genau darum geht es im Film. Das hat System. Die drei Protagonisten stehen für Tausende. Ich habe jemanden kennengelernt. Der ist jetzt Mitte 50. Da scheitert jede Beziehung, weil er glaubt, wenn er nicht verheiratet ist, darf er keine Beziehung vor der Ehe haben. Das hockt da so drin im Kopf. Hingeben darf man sich nur Jehova. Dieser Glaube steht doch nicht für ein gesellschaftliches Miteinander. Bei jedem findest du Erfahrungen, mit denen du Menschen gefügig machen kann. Unter dem Dach einer Glaubensgemeinschaft. Wo Liebe gepredigt wird, man sich aber der weltlichen Gerichtsbarkeit entzieht.

Schaut denn jetzt mal eine Staatsanwaltschaft hin?

Ich habe bei den Fraktionen im Landtag gefragt, wie es sein kann, dass es im 21. Jahrhundert eine solche Parallelgesellschaft und Paralleljustiz bei uns gibt. Ich hab den Trailer zu dem Film mitgeschickt, damit kann man sich schon mal ein grobes Bild von den Zuständen bei den Zeugen Jehovas machen. Ich habe nur eine Antwort bekommen - von der SPD. Ich möchte, dass auch die Politik mal auf diese Missstände schaut. Man kann sich schon fragen, warum sich da keiner rantraut.

Gab es denn Versuche, den Film zu verhindern? Die Jehovas gelten ja als sehr klagewillig?

Es gab nur eine Reaktion auf eine Rezension. Diese Reaktion war schwurbelig und voller Bibelzitate. Ich kann die Dinge ja alle belegen. Mit meiner Meinung habe ich mich im Film zurückgehalten. Ich wollte den Betrachter einfach mitnehmen in die Gespräche.

Die Dreharbeiten sind jetzt schon eine Weile her. Was hat sich für die Protagonisten verändert, nachdem sie sich auf der großen Leinwand gesehen haben.

Das hat schon viel wieder aufgewühlt. Aber das kann einen auch bestärken, wenn man merkt, dass es Menschen gibt, die zuhören. Selbst die 20-jährige Leonie ist bei den Hofer Filmtagen hingestanden und hat gesagt, dass sie möchte, dass die anderen wissen, was sie erleiden musste. Um anderen Betroffenen vielleicht Mut zu machen, aus der Deckung und aus der Opferrolle herauszugehen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir das alle nicht so richtig auf dem Schirm haben: Weil alle immer in der Deckung bleiben.

Sie haben zwischen vielen Geschichten auswählen müssen.

Ja. Bei Leonie gab es einen Lehrer, dem sie sich mit ihrer Erfahrung des sexuellen Missbrauchs anvertraut hat und der sie darin ermutigt hat, über ihr Schicksal öffentlich zu sprechen. Oder Alex, der homosexuell ist. Ich finde es unglaublich, dass die Zeugen Jehovas ihn nach Polen geschickt haben. In so ein Dreckskaff, in ein Camp, um ihn umzuerziehen. Zur Konversionstherapie.

Fühlen Sie eine Verantwortung für die Protagonisten in der Zeit nach dem Film?

Wir haben eine Abmachung. Alle wissen, dass ich auf sie nichts kommen lasse. Das heißt: ich bin da. Wir telefonieren regelmäßig. Für die Menschen aus dem Film habe ich eine Verantwortung. Die darf gerne so lange gehen, wie ich lebe.

Fotograf und Filmemacher

Person
Andy Reiner (57) lebt bei Biberach. Er ist gelernter Zimmermann. Später machte er eine Fotografenlehre. Seitdem fotografiert er sowohl für eigene Projekte als auch für Medien wie die Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten. Im Mittelpunkt seiner Bilder stehen stets Menschen.

Film
Der 90-minütige Dokumentarfilm „Ich war ein Zeuge“ basiert auf der Idee und den Interviews Andreas Reiners. Regie und Co-Regie führten Günter Moritz und Monika Agler. Der Film ist eine Produktion von TeamWerk. Er läuft am Samstag, 6. Dezember, 19 Uhr auf der Filmschau Baden-Württemberg im Kino Cinema, Königstraße 22.

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