Film über Missbrauchsskandal in Korntal-Münchingen Brüdergemeinde macht Regisseurin Vorwürfe
Der Film „Die Kinder aus Korntal“ thematisiert den Missbrauchsskandal in der pietistischen Gemeinde. Diese reagiert mit offenen Briefen.
Der Film „Die Kinder aus Korntal“ thematisiert den Missbrauchsskandal in der pietistischen Gemeinde. Diese reagiert mit offenen Briefen.
In offenen Briefen an Regisseurin Julia Charakter und ehemalige Heimkinder reagiert die evangelische Brüdergemeinde Korntal auf den Film „Die Kinder aus Korntal“. Die pietistische Gemeinde kritisiert den Film deutlich: Historie und Gegenwart seien nicht klar voneinander getrennt,einzelne Sequenzen seien „so zusammengeschnitten“, dass sie in die von der Regisseurin „vorgegebene Storyline gepasst haben“. In dem Brief an Regisseurin Charakter heißt es weiter: „Gerne hätten wir uns eine stärkere inhaltliche Einbeziehung während der Entstehung des Films gewünscht.“ Ihr Fazit: „Der Film schlägt weiter in die Kerbe der ,Kirchenschelte’. Für alle, die sich von Kirche und Frömmigkeit distanzieren und verabschieden, mag dieser Film eine weitere Bestätigung liefern.“
Der 90-minütige Film hatte im Herbst vor einem Jahr Premiere und wurde auf dem DOK Leipzig, dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, mit einem Förderpreis bedacht. Er läuft seit dieser Woche in den Kinos.
Der Film zeichnet einen großen Missbrauchsskandal in der Evangelischen Kirche Deutschlands(EKD) nach: In den 1950er- bis 1970er-Jahren wurden Schutzbefohlene in den Kinder- und Jugendheimen der Kirchengemeinde missbraucht. Sie erlitten massive psychische und physische Gewalt, waren mit Zwangsarbeit, Züchtigung und auch Vergewaltigung konfrontiert.
Auf der Druck der Betroffenen beginnt 2014 die Aufklärung. 81 Täter wurden identifiziert: Erzieherinnen und Heimleiter, Arzt, Hausmeister, aber auch Bäcker und Stallknecht. Die beauftragten Aufklärer hatten Interviews mit 105 ehemaligen Heimkindern geführt. Doch etliche Betroffene kritisieren bis heute sowohl Aufklärung und Aufarbeitung als unzureichend und die Höhe der Entschädigungszahlungen als zu gering.
Die Brüdergemeinde hatte im Einzelfall bis zu 20 000 Euro bezahlt. Deutsche Gerichte sprachen Betroffenen im kirchlichen Kontext inzwischen aber höhere Summen zu. Es wird daher erwartet, dass sich die EKD-Synode im November positioniert – unter Umständen mit finanziellen Konsequenzen auch für die Brüdergemeinde. Die Diakonie der Brüdergemeinde ist heute Träger der Einrichtungen.
Die Filmemacherin Julia Charakter, 1984 in der Ukraine geboren, zeichnet in ihrem Film sowohl das Geschen in den Einrichtungen nach als auch den Aufarbeitungsprozess. Sie lässt sechs Betroffene erzählen und lässt die Leitung der Brüdergemeinde, Gläubige der Gemeinde sowie die Aufklärer sprechen.
Der Film wird deutschlandweit gezeigt. An die Aufführungen schließen sich vielfach Podiumsdiskussionen mit Betroffenen und Beteiligten aus der Brüdergemeinde sowie der Diakonie Deutschland an.