Filmakademie Ludwigsburg Leben zwischen Oscarverleihung und Hippiedasein

Von Patricia Beyen 

Jede Frau kennt dieses Gefühl, wenn sie nachts alleine auf der Straße unterwegs ist: Die Angst, überfallen zu werden. Die Filmemacherin Kiana Naghshineh hat darüber einen Animationsfilm gedreht. Der wurde nun für den Studenten-Oscar nominiert.

Kiana Naghshineh: die Aussicht auf den Oscar spornt sie an. Foto: privat
Kiana Naghshineh: die Aussicht auf den Oscar spornt sie an. Foto: privat

Ludwigsburg - Der Horror für viele Frauen: Es ist dunkle Nacht, sie muss durch eine finstere Gasse, zu hören sind nur die eigenen Schritte. Da nähert sich ein Mann. Von hinten. Und überfällt sie. Das ist der Plot der Kurzgeschichte, mit der die 28-jährige Regisseurin Kiana Naghshineh für den Studenten-Oscar nominiert ist.

Die Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie hat sich die Geschichte nicht ausgedacht – sie ist ihr vor elf Jahren passiert. Ein Mann hat sie auf dem Heimweg überfallen, ihr die Kleidung vom Leib gerissen und dann ebenso plötzlich die Flucht ergriffen. „Weil eine Frau uns von ihrer Wohnung aus beobachtet hat“, sagt die Filmemacherin. Der Blick der Frau, sie nackt auf der Straße, das sei ihr viel mehr in Erinnerung geblieben als der Überfall. „Der Blick hat mich traumatisiert“, sagt sie.

Für ihren Diplomfilm hat Naghshineh dieses Gefühl und diesen Blick aufleben lassen. „Ich wollte, dass die Leute sehen, was ich gesehen habe“, sagt die gebürtige Mannheimerin. Denn viele ihrer Freunde und Bekannten hätten anders reagiert, als sie es erwartet habe, als sie ihnen von der Nacht erzählt habe. „Der Fokus lag immer auf mir, nie auf dem Mann, der mich überfallen hat.“ In dem vierminütigen Film „Augenblicke“ erzählt Naghshineh die Geschichte aus drei Perspektiven: aus der Sicht der Frau, aus Tätersicht und aus einer dritten, zuschauenden Perspektive.

Durch die Form der Animation könne sie abstraktere Bilder schaffen, sagt die Tochter iranischer Eltern. „So klar wollte ich das gar nicht zeichnen“, sagt sie. „Durch die animierte Sicht kann man sich viel mehr in die Person hineinversetzen, weil sie nicht eine reale Person ist.“

Das Gefühl, zu helfen

Bei den Vorführungen des Films hat Naghshineh immer nervös darauf gewartet, wie Zuschauer auf ihren Film reagieren würden. Aber vor allem Männer und Frauen, die ähnliches erlebt haben, hätten positiv reagiert, sagt die Regisseurin. „Meine Mutter ist Krankenschwester und hilft anderen Menschen“, sagt die Absolventin. „Es fühlt sich gut an, dass mein Film wohl einen therapeutischen Sinn für diese Leute hat.“

Als Kind habe Naghshineh oft daheim Filme geschaut. „Meine Eltern mussten beide viel arbeiten, da haben sich mein älterer Bruder und ich die Zeit mit Mary Poppins und Basil dem Mäusedetektiv vertrieben“, sagt sie. Ursprünglich wollte sie eigentlich „irgendetwas mit Kunst“ machen. „Ich habe immer gern gezeichnet.“ Nach dem Abitur habe sie dann aber doch mal recherchiert, was möglich sei. „Und dann bin ich auf die Filmakademie gestoßen“, sagt sie. „Das war für mich perfekt. Denn ich erzähle gern Geschichten und zeichne gerne. Das hat alles kombiniert, wovon ich geträumt habe.“

Von der Studentin zum Hippie

Erst einmal habe sie aber nach ihrem Schulabschluss knapp zwei Jahre lang Praktika im Medienbereich gemacht, darunter im Stuttgarter Studio Filmbilder, wo sie auch Andreas Hykade, den Leiter des Animationsstudios der Filmakademie, kennengelernt habe. Sieben Jahre lang hat sie an der Filmakademie Animation studiert. „Das war eine prägende Zeit“, sagt sie. Nun genieße sie jedoch ihre freie Zeit. „Ich provoziere gerade das Gefühl, verloren zu sein“, sagt sie. Denn noch wisse sie nicht, wie es weitergehen soll. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für verschiedene Produktionsfirmen und zieht mit ihrem Film von Festival zu Festival. „Im Idealfall bin ich mein eigener Arbeitgeber. Ich will mich gerade nicht binden.“ Das Hippieleben und die Freiheiten, die das Dasein ohne festen Job mit sich bringe, umarme und begrüße sie gerade, sagt sie.

Die 16. Nominierung für die Filmakademie

Drei weitere Filmstudenten kämpfen in derselben Kategorie um den Preis, der am 11. Oktober in Los Angeles vergeben wird. Für die Filmakademie ist es die 16. Nominierung seit der Gründung der Hochschule im Jahr 1991, fünf Mal waren Absolventen erfolgreich. Bis vor zwei Jahren wurden die Studenten-Oscars nur in den Kategorien szenischer Film national und international vergeben – mit den neuen fünf Kategorien erhöht sich für die Filmakademie die Möglichkeit, einen Preis zu erhalten. In diesem Jahre hatte die Hochschule vier Filme eingereicht – zwei aus dem Animationsinstitut. Nur Naghshineh hat es in die Finalistenrunde geschafft. „Als ich die Nachricht erhalten habe, konnte ich es kaum glauben“, sagt sie. „Erst anhand der Reaktionen der anderen habe ich realisiert, wie krass das ist.“ Diese Reaktionen und die Aussicht auf die Auszeichnung spornen sie an. „Meine Familie weiß nicht so wirklich, was ich mache. Aber selbst meine Mutti kennt die Oscars“, sagt sie. „Ich bin nervös, weil alle anderen sich so darauf freuen.“




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