Filmakademie Ludwigsburg Trommeln für „Die Glatzköpfe“: Studenten drehen TV-Serie über krebskrankes Kind

Der Kinderdarsteller Paolo Durst (im Rollstuhl sitzend) spielt in der studentischen Filmproduktion „Die Glatzköpfe“ einen krebskranken Jungen mit Rockstar-Ambitionen. Foto: Blin/Zappel

Ein Elfjähriger erkrankt an Krebs. Kann die Familienband „Die Glatzköpfe“ seinen Lebenstraum retten? Zwei Filmstudenten haben aus dieser Idee das Konzept für eine TV-Serie entwickelt.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Es ist das Schlimmste, was aus Elternperspektive passieren kann: Ein Kind erkrankt schwer, aus Lebensträumen wird Überlebenskampf. Wie sich in einer solchen Situation für eine Familie Prioritäten und Perspektiven verschieben, ist Thema einer TV-Serie, an der Marc Zappel und Sebastian Blin, zwei Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg, intensiv arbeiten.

 

„Die Glatzköpfe“ lautet ihr Titel; im Mittelpunkt stehen der elfjährige Fridolin, der die Diagnose Hirntumor erhält, und die heilende Kraft der Musik, die in einer neu gegründeten Familienband ihre Wirkung entfaltet. Die Dreharbeiten für den 45-minütigen Pilotfilm sind abgeschlossen; derzeit stecken Marc Zappel (27) und Sebastian Blin (28) in der letzten Phase des Schnitts und hoffen darauf, dass ihrer Ausbildungsproduktion der Sprung zur Serie gelingt.

Gedreht wurde in Stuttgart

„Die Idee für dieses Projekt kam definitiv von uns beiden“, sagt Marc Zappel, der Produktion studiert, beim Gespräch in Ludwigsburg. Ein Serienkurs brachte ihn mit dem Drehbuchstudenten Sebastian Blin zusammen; im Gespräch mit dem SWR nahm das Konzept Konturen an. „Uns war wichtig, dass Musik eine starke Rolle spielt und wir eine Geschichte erzählen, die zu Stuttgart passt“, sagt Sebastian Blin. Seine erste große Produktion, die zugleich sein Abschlussfilm ist, sollte unbedingt vor Ort entstehen.

Warum gerade Musik? Sebastian Blin beschreibt deren Rolle mit Blick auf die Filmfamilie. Deren Zusammenhalt wurde durch einen kleinkriminellen Vater und einen bei Filmbeginn endenden Gefängnisaufenthalt gefährdet. Nun platzt der Krebs in Fridolins Traum, Rockstar zu werden. „Wir wollten die ernste Situation an der Familie festmachen: Wenn die Band gut spielt, dann wird Fridolin unsterblich. Wenn diese eine Sache funktioniert, rettet das allen das Leben.“ – „Und rettet auch Fridolins Familie“, fügt Marc Zappel an.

Musik als Kit

Musik kann Menschen trösten – und sie ist im Film der Kit, der Fridolins Familie neu zusammenbringt. „Sie sind alle musikalisch, hatten aber ihre Ambitionen längst begraben, weil das Leben dazwischenkam“, sagt Sebastian Blin. Im Angesicht des Todes wird Musik zum Lebenselixier, als „Die Glatzköpfe“ starten Fridolin, seine Eltern und seine Schwester neu durch. Als Vater ist der Schauspieler René Sydow mit dabei. Kinderdarsteller Paolo Durst muss als Fridolin auch am Schlagzeug überzeugen. „Das hat er ganz gut hingekriegt“, sagt Marc Zappel und ist generell froh, dass die Zusammenarbeit mit dem Zwölfjährigen, der die Folgen von Krankheit und Chemotherapie glaubhaft verkörpern musste, trotz des schwierigen Themas super lief. „Das Haarproblem haben wir mit einer Glatzenkappe gelöst“, sagt Marc Zappel, auf den Filmtitel angesprochen.

Regisseur Sebastian Blin (links) mit Darsteller Paolo Durst bei den Dreharbeiten zur Serie „Die Glatzköpfe“ Foto: Filmakademie/Sebastian Blin

Wie und an welchen Orten sich eine Familienband wie „Die Glatzköpfe“ in Stuttgart nach oben spielen könnte, haben die jungen Filmemacher im Dialog mit der Stuttgarter Musikinitiative Rock erkundet, die neben Knowhow auch Instrumente zur Verfügung stellte. „Wir waren auch auf der Krebsstation im Olgäle zur Recherche und haben mit einer Ärztin gesprochen“, sagt Marc Zappel. Ein Mädchen, das eine Erkrankung mit Lungenkrebs überwunden hatte, gab den Studenten ebenfalls hilfreiche Einblicke. Ideen zum Charakter von Fridolin lieferten Workshops im Kinderfilmhaus. „Kinder trauen sich viel wildere Sachen. Das war sehr inspirierend zu erleben, dass da so ein Durst nach wilden Geschichten da ist“, sagt Sebastian Blin.

In zwei leerstehenden Wohnungen in Stuttgart wurden für die Dreharbeiten die Krebsstation, ein Patientenzimmer, ein Untersuchungsraum und weitere Spielorte eingerichtet. Hier und an markanten Stuttgarter Orten wie dem Bismarckturm, den Backsteinsiedlungen im Osten oder auf den typischen Stäffele entstand an 15 Drehtagen das Material für den Pilotfilm. Er erzählt vom Schockmoment, als die tragische Nachricht Fridolins Familie erreicht, und vom Energieschub, der daraus folgt.

Schöne und tragische Momente im Wechsel

Wie sich die Familienband formiert und erste Auftritte plant, gebe dem Film einen hoffnungsfrohen Ton und sorge für lustige Momente, beschreiben Marc Zappel und Sebastian Blin die Atmosphäre ihrer Produktion. Old school rock, für den Protagonist Fridolin schwärmt, unterstreicht diese Stimmung. „Vor allem ist die erste Episode aber sehr dramatisch“, sagt Sebastian Blin, dessen Bruder an der Popakademie in Mannheim studiert und mit dem Filmkomponisten Marc Rohles und Simon Hilscher den richtigen Sound für schöne wie für tragische Momente lieferte.

Nicht nur Krimis aus Stuttgart

„Uns war wichtig, dass Menschen, die selbst Musik machen, sich in diesem Film wiederfinden können“, sagt Sebastian Blin. Entsprechend aufwendig ist nun die Postproduktion, da Instrumente möglichst echt klingen sollen. Viel Zeit, Ideen und Hoffnungen stecken im Pilotfilm; er soll für „Die Glatzköpfe“ als Serienformat werben. „Es wäre schade um das Setting und die Chance, in Stuttgart mal was anderes als Krimis zu erzählen“, sagt Marc Zappel.

Vom Pilotfilm zur Serie

Termin
Wann der Pilotfilm „Die Glatzköpfe“ im SWR zu sehen sein wird, steht zwar noch nicht fest. „Aber wir hoffen, dass dann die ganze Welt einschaltet, davon hängt vieles ab“, sagt Sebastian Blin. Der gebürtige Wiener schließt mit diesem Film sein Studium ab und würde gerne an dem Projekt weiterarbeiten. Das Konzept für die erste Staffel steht bereits.

Pläne Marc Zappel stammt aus Ludwigsburg und studiert an der Filmakademie im Bereich Produktion; er hat sich im dritten Jahr auf Serien spezialisiert. Derzeit befindet er sich im Diplomjahr und entwickelt als Abschlussprojekt eine vertikale Hotelserie. „Es wird ein Comedy-Format, in dem jede Folge ein neuer Gast das Hotel Domblick besucht, das kürzlich von einer Firma aus Shanghai aufgekauft wurde – Kölner Herzlichkeit trifft auf Shanghaier Konzernkultur“, beschreibt er seine Idee.

Finanzierung
Die studentische Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg entsteht in Koproduktion mit dem SWR. Unvorhergesehene Mehrkosten haben jedoch eine Lücke ins Budget gerissen, die Sebastian Blin und Marc Zappel über eine Crowdfunding-Aktion zu schließen versuchen. Wer die Filmstudenten unterstützen will, wird auf der Seite von Gofundme unter dem Stichwort „Die Glatzköpfe“ fündig.

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