Stadtkind Stuttgart

Filmemacher Denis Pavlovic "Wo tanzen wir morgen?"

Von Ina Schäfer 

Der Filmemacher Denis Pavlovic widmet sich mit seinem Film „Wo tanzen wir morgen?“ der Clubszene der Stadt. Der Film ist jetzt schon der erfolgreichste der Filmschau Baden-Württemberg.

Denis Pavlovic vor den Trümmern des KimTimJims. Foto: Achim Zweygarth
Denis Pavlovic vor den Trümmern des KimTimJims. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Denis Pavlovic malt ein düsteres Zukunftsszenario. Er steht auf der Bühne in der Kronprinzstraße und sagt: „Irgendwann wird die Stadt aussehen wie Frankfurt.“ Ein Stadtbild aus Bürokomplexen und Banken. Der junge Filmemacher ist einer von vielen Rednern, die an diesem Dienstagabend bei der Kundgebung mit dem Motto „Unsere Stadt stirbt – Demo für den Erhalt der kulturellen Vielfalt“ sprechen. Veranstalter ist unter anderem der Kulturverein Follow the White Rabbit. Vor ihm stand schon die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann auf der Bühne, um Rede und Antwort zu stehen. Pavlovic liest im Anschluss aus einem Brief, den er ihr vor wenigen Wochen hat zukommen lassen. Auch darin geht es um den Erhalt der kulturellen Vielfalt. „Stuttgart ist gut, für alle, die gerne einkaufen“, zitiert er sich selbst, „doch wo sollen die Designs entstehen, wenn es keine bezahlbaren Ateliers gibt, wo soll die Kleidung getragen werden, wenn die Clubs schließen?“

Anlass für seinen Brief war die baldige Schließung des Rocker 33. Dabei ist genau die für den jungen Filmemacher Segen und Fluch zugleich. Fluch: wieder ein Ort, der aus der Landkarte der kreativen Nutzung der Stadt verschwindet. Segen: durch das Aus ist Pavlovics neuer Film so aktuell, wie er es selbst nie hätte planen können.

Ein tragisches aber wirkungsvolles Marketing

„Wo tanzen wir morgen?“ heißt die Doku, die jetzt schon so erfolgreich ist, wie kein anderer Beitrag der diesjährigen Filmschau Baden-Württemberg, in deren Programm er läuft. Dabei hat ihn noch kaum einer gesehen. Nur wenige Tage hat es gedauert bis der Saal in den Innenstadtkinos ausverkauft war. Inzwischen ist eine weitere Aufführung für Freitagabend geplant.

Doch kein Wunder: ein wichtiger Bestandteil des Films ist die Entwicklung des Rocker 33, auch die Aftershowparty wird dort stattfinden. Der Tumult also um den Club im Filmhaus war ein ungeplantes, tragisches und doch sehr wirkungsvolles Marketing für den Filmemacher und sein neues Werk.

Denn genau um diese Thematik geht es in Pavlovics Film: um den Abbau der Musik- und Kunstlandschaft in Stuttgart. Es geht genauer um die Schließung der Clubinstitutionen Röhre und Landespavillon, um das KimTimJim, um das Engagement von Follow the White Rabbit – und eben ums Rocker 33.

Trotzdem ist Denis Pavlovic immer noch etwas erstaunt, wenn er auf den Erfolg seines Films angesprochen wird. „Da wird mir ganz warm ums Herz“, sagt der 26-Jährige. Ein Jahr lang hat er den Film mit sich herum getragen, hat geschnitten, Menschen interviewt und begleitet, Förderung gab es dafür keine . „Das war schon kräftezehrend“, sagt er.

„Es geht um die Menschen, die dahinter stehen“

Ursprünglich war geplant, ausschließlich einen Film über den Verein Follow the White Rabbit zu drehen. Doch dann habe er gemerkt, dass das Thema ein noch viel größeres ist. „Das Jahr 2012 ist exemplarisch“, sagt Pavlovic, „das Clubkarussel hat sich gedreht, das KimTimJim eröffnet, der Landespavillon geschlossen.“ Deshalb soll sein Film eine Momentaufnahme des Jahres 2012 sein. Er hat dazu die Macher der Röhre und des Landespavillons beim Auszug begleitet, beim Abschließen einer Location, die jahrelang weit mehr als nur Arbeitsplatz war. „Das braucht noch ein bisschen, das muss man erst mal realisieren“, sagt im Filmtrailer eine Stimme in feinstem Schwäbisch aus dem Off. „Man soll durch den Film schon sehen, dass es nicht nur ums Feiern geht, sondern um die Schicksale, die dahinter stecken“, sagt Pavlovic.

Neben den Clubbetreibern begleitet er auch DJs durch die Nacht. Auch die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann hat er mit seinem kleinen Team im Rathaus besucht. „Ich kann nicht erkennen, dass Subkultur hier gar keine Rolle spielt“, hört man sie im Trailer sagen, „doch sicher gibt es hier Faktoren, die diesen spontanen Dingen nicht ganz so viel Spielräume ermöglichen wie vielleicht andere Städte.“

„Wo tanzen wir morgen?“ ist Pavlovics zweiter Film. In seinem ersten hat sich der Filmemacher noch während seines Studiums an der Merz-Akademie ebenfalls einem subkulturellen Thema gewidmet: Graffiti in Stuttgart. In seinem nächsten Film soll es dann nicht über Phänomene im Kessel gehen. Seinen aktuellen Film will er europaweit bei Festivals einreichen, vielleicht kann er so exemplarisch für die Entwicklung in vielen Städten gelesen werden.




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