Filmfest Venedig Der Kampf ums Überleben

Von Gebhard Hölzl 

Die Filmfestspiele von Venedig steuern aufs Ziel zu, am Wochenende gibt es Preise. Da sorgt der britische Regisseur Paul Greengrass mit einer Netflix-Produktion nochmal für Aufsehen: Sein Film „22 July“ stellt das Massaker dar, dass der rechtsradikale Terrorist Andre Breivik 2011 in Norwegen verübt hat. Das künstlerische Ergebnis: bewegend!

In Todesängsten: zwei  jugendliche Darsteller in Paul Greengrass’ Film „22 July“ Foto: E. Aavatsmark/Netflix
In Todesängsten: zwei jugendliche Darsteller in Paul Greengrass’ Film „22 July“ Foto: E. Aavatsmark/Netflix

Venedig - Die Besucherreihen auf der 75. ­Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica lichten sich. Der Tross der Filmjournalisten zieht weiter ins kanadische Toronto, wo traditionell potenzielle Oscar-Anwärter auf dem Programm stehen. Seit Dienstag herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung. An der Qualität der Filme liegt es jedoch nicht, das Niveau ist ebenso hoch wie 2017, nur das unumstrittene Highlight – vergangenes Jahr „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ von Martin Mc­Donagh – steht (noch?) aus. Der Kreis der Siegesanwärter ist groß, glaubt man den diversen Kritikerspiegeln, liegen Alfonso Cuaróns „ROMA“ und Yorgos Lanthimos’ „The Favourite“ in der Gunst der Fachleute weit vorne, während das Publikum, laut Festival-Daily „Ciak in Mostra“ Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ besonders schätzt.

Pure Spekulation freilich, kann man doch nicht wissen, was in den Köpfen der Jury vorgeht. Ein häufig gehörtes Argument, dass Cuarón nicht gewinnen wird, lautet beispielsweise, dass ein Mexikaner als oberster Juror schwerlich einen Landsmann auszeichnen darf – Stichwort Nepotismus. Man wird sehen. Sicher ist allerdings schon – nach Vanessa Redgrave – ein zweiter Preisträger, der für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen belohnt wird: David Cronenberg.

Eine Master-Class hat das Leinwand-Enfant-terrible am Mittwochnachmittag abgehalten, klug erklärt, welche sieben Punkte für sein Kino stehen: der Tod, die Existenz, der Körper, das Gewissen, die Gewalt, der Horror und die Technologie. Schlüssig waren die Ausführungen, kurzweilig und präzise – vor allem aber hat sich durch sie so manches Rätsel seiner Werke zumindest ansatzweise entschlüsselt. Das ist doch ein guter Grund, sich ein paar seiner radikalen Arbeiten (wieder) anzusehen, etwa „Parasiten-Mörder“, „Naked Lunch“ oder „eXistenZ“.

Lady Gaga kann vielleicht nicht spielen, aber sie hat Charisma

Alles gut also? Eigentlich ja, aber natürlich blieb Lamento nicht aus. Den Mangel an zugkräftigen Namen beklagen die Fotografen – und übersehen dabei, dass echte Superstars inzwischen rar gesät sind. Pitt, Clooney, Tom Hanks, Meryl Streep . . . an zwei Händen lassen sich die wirklichen Kinoüberflieger inzwischen abzählen, über den roten Teppich liefen dennoch durchaus prominente Vertreter ihrer Zunft, darunter Dakota Johnson, Nathalie Portman, Nastassja Kinski, Jacqueline Bisset, Emma Stone, Willem Dafoe, Vince Vaughn, John C. Reilly, Matthias Schoenaerts, Bradley Cooper und natürlich Lady Gaga.

Über letztgenannte Pop-Diva wird inbrünstig gestritten. Kann sie überhaupt spielen? Eine redundante Frage. Als Kunstfigur und Sängerin besitzt sie ebenso viel Charisma wie ihre Kollegin Madonna – und entsprechend ist ihre Leinwandpräsenz. Die Diskussion erinnert an die über die darstellerischen Qualitäten von John Wayne. Die waren nicht mit denen eines Marlon Brando zu vergleichen. Einen Oscar hat er dennoch bekommen – wenn auch nur, wie er selbst sagte, wegen seiner Augenklappe, die er 1969 als gealterter „Marshal“ in Henry Hathaways gleichnamigem Film trug.

Paul Greengrass widmet sich nicht nur der Tat, sondern auch den Folgen

Aber es sind ohnehin nicht nur die Schauspieler, die einen Film ausmachen, siehe Paul Greengrass’ ebenso wuchtiges wie zu Tränen rührendes Drama „22 July“, in dem er wie schon der Norweger Erik Poppe in „Utøya 22. Juli“ den Amoklauf von Anders Behring Breivik aus dem Jahr 2011 nachzeichnet. Die Sicht der Opfer und des Täters nimmt der seit „Bloody Sunday“ oder „Captain Phillips“ einschlägig vorbelastete Filmemacher ein. Nach einem kurzen Exposé, in dem er den Bombenanschlag auf das Osloer Regierungsgebäude zeigt, begibt er sich auf die Ferieninsel, wo das Massaker unter den Jugendlichen folgt.

Insgesamt 77 Tote sind nach der Wahnsinnstat zu beklagen. Dann, nach rund 45 Minuten, richtet der Brite seinen Blick auf die körperlichen und seelischen Schäden der Überlebenden und ihrer Familien, liefert eine Charakterstudie des Mörders sowie des Anwalts, der ihn vertreten muss, ab. Eine Reflexion über Rassismus und Gewalt, über die Ohnmacht der Einzelnen und die Notwendigkeit, sich mit Fremdenfeindlichkeit, Migration und Neofaschismus differenziert und ausgewogen auseinanderzusetzen. Eine schockierende Nachstellung, die den Zuschauer wie ein Faustschlag trifft.

Der Ex-Trump-Berater Steve Bannon wirkt eigentlich ganz sympathisch

Zu dieser künstlerischen Nachstellung eines realen Ereignisses passen die zahlreichen politischen Dokumentationen des Programms. Im Wettbewerb befasst sich Roberto Minervini in „What you gonna do when the World’s on Fire“ mit den Übergriffen weißer Polizisten auf (junge) Afroamerikaner, was sich in den Schwarz-Weiß-Bildern von Kameramann Diego Romero Suarez-Llanos widerspiegelt. In die Armenviertel von New Orleans begibt er sich hierfür, zeigt eine Mutter, die sich ständig um die Sicherheit ihrer beiden schulpflichtigen Söhne sorgt, eine von Drogen und Alkohol gezeichnete Mittvierzigerin, die sich mit einer Bar ein neues Leben aufzubauen versucht, derweilen eine Handvoll Black-Panther-Mitglieder unverdrossen Protestmärsche organisiert und Obdachlose mit Essen und Trinken versorgt. Erinnerungen an die grandiose Post-Katarina-Serie „Treme“ von David Simon und Eric Overmyer werden wach – nur das man hier mit Fakten statt Fiktion zu tun hat.

Ganz bei sich in Sachen Stil und Sujet – handwerklich gewohnt makellos – sind erneut die Beiträge der beiden Festivaldauergäste Errol Morris („The Fog of War“) und Frederick Wiseman („Titicut Follies“). Während erstgenannter Interviewspezialist dem ehemaligen, durchaus sympathischen Trump-Berater Steve Bannon bohrende Fragen stellt und dabei den Motivationen, Ambitionen und der komplexen Persönlichkeitsstruktur seines Gegenübers auf die Spur kommt, begibt sich der Grand Seigneur des Direct Cinema ins rurale US-Hinterland und beobachtet, geduldig, genau und ohne Kommentar, den Alltag der Bewohner einer prototypischen amerikanischen Kleinstadt.