Filmfestival Berlinale Wortkarg auf der Kuhweide
„Yunan“, der zweite deutsche Beitrag auf der diesjährigen Berlinale, braucht keine großen Dialoge, um poetisch und kraftvoll zu sein.
„Yunan“, der zweite deutsche Beitrag auf der diesjährigen Berlinale, braucht keine großen Dialoge, um poetisch und kraftvoll zu sein.
Es muss nicht immer spektakulär zugehen, um im Berlinale-Wettbewerb hervorzustechen, zumal in einem Jahrgang wie diesem, wo es bisher viel Gutes, aber doch eher wenig Herausragendes zu sehen gab. Der zweite deutsche Beitrag „Yunan“, inszeniert von Ameer Fakher Eldin, entpuppte sich jedenfalls wenige Tage vor Ende des Festivals als ein echter Höhepunkt – und das auf geradezu bescheidene Weise.
Der junge Regisseur, der als Sohn syrischer Eltern in Kiew geboren wurde und heute in Deutschland lebt, erzählt in seinem zweiten Spielfilm vom syrischen Schriftsteller Munir (Georges Khabbaz), der nach bewilligtem Asylantrag in Hamburg lebt, aber angesichts der Sehnsucht nach der unerreichbar gewordenen Heimat, wo er unter anderem seine an Alzheimer erkrankte Mutter zurückgelassen hat, immer lebensmüder wird. Mit dem Gedanken an Suizid reist er auf eine Hallig in der Nordsee, wo ihn die Begegnung mit einer spröden Gastwirtin (Hanna Schygulla), Erinnerungen an alte Geschichten aus der Heimat und eine aufziehende Sturmflut ganz langsam seinen Gemütszustand zu verändern scheinen.
Es passiert nicht viel in „Yunan“: mitunter beobachtet Fakher Eldin seinen Protagonisten minutenlang auf einer Kuhweide, und ohnehin ist Munir mindestens so wortkarg wie die norddeutschen Einheimischen. Gerade daraus entwickelt dieser ruhige, poetische Film seine Kraft – und erzählt im Kontrast der grünen, wasserumspülten Hallig-Landschaft mit der rötlich leuchtenden Trockenheit Syriens und der Entwurzelung Munirs mit dem unerschütterlichen Heimatempfinden der Hallig-Bewohner eindringlich und melancholisch vom Verlust von Zugehörigkeit und Halt.
Sollte die Zahl der gesprochenen Sätze in „Yunan“ der Jury unter Vorsitz von Todd Haynes dann doch zu gering sein, böte sich Richard Linklaters „Blue Moon“ als gegenteilige Alternative an. Der Amerikaner ist ein alter Bekannter der Berlinale, und sein neuer Film war der letzte im Wettbewerb, zu dem sich Hollywood-Prominenz auf dem roten Teppich die Ehre gab. Ethan Hawke spielt in „Blue Moon“ den legendären Broadway-Songtexter Lorenz Hart, den der Film in Echtzeit durch eine Premierenparty 1943 begleitet, in der die ganze Tragik seines wenig später zu Ende gehenden Lebens zutage tritt. Hawke in Hochform und brillant pointierte Dauer-Dialoge machen den Film zu einem bittersüßen Vergnügen und einem von vielen Werken im Rennen, die weniger von ihrer Handlung als den Figuren leben.
Auch der norwegische Film „Dreams“ – nach „Sex“ und „Love“ Abschluss einer Trilogie und nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film des Mexikaners Michel Franco – begeistert vor allem, weil Regisseur Dag Johan Haugerund sich ganz auf das Mädchen im Zentrum der Geschichte konzentriert. Die 16-jährige Johanne (Ella Øverby) verliebt sich in ihre neue Lehrerin und teilt die Intensität dieser Gefühle in literarischer Form mit Mutter, Oma und den Zuschauern. Mehr braucht es nicht, um daraus eine vor Leben nur so funkelnde Perle der Filmfestspiele zu machen.