Filmfestival Cannes Jugend zwischen Liebe und Protest

Von Patrick Heidmann 

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes haben mit viel Glamour und mit einer Enttäuschung begonnen: Asghar Farhadis Film „Todos lo saben“ mit Penélope Cruz und Xavier Bardem bleibt flach. Überzeugender ist Kirill Serebrennikows Porträt der russischen Punkrockszene.

Szene aus Kirill Serebrennikows Film „Leto“ Foto: Festival
Szene aus Kirill Serebrennikows Film „Leto“ Foto: Festival

Cannes - Bereits am Dienstagabend, einen Tag früher als gewöhnlich, wurden die Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnet, doch die 71. Auflage des wichtigsten Filmfestivals der Welt wartet in diesem Jahr mit so vielen Veränderungen im Ablauf auf, dass auch nach zwei Tagen noch nicht alle aus der ganzen Welt angereisten Gäste so richtig daran gewöhnt haben. Nicht wenige Journalisten hadern damit, dass der Presse in diesem Jahr die Wettbewerbsfilme nicht mehr vorab gezeigt werden, was zu einer späteren Veröffentlichung ihrer Kritiken führt. Und abends auf dem roten Teppich lässt sich noch regelmäßig beobachten, dass der eine oder die andere doch noch nicht vom neu verhängten Selfie-Verbot gehört hat. Oder sich darüber hinwegzusetzen versucht.

Eines allerdings ist auch in diesem Jahr an der Croisette wie üblich: Der Eröffnungsfilm ist nicht der ganz große Wurf. Dabei waren die Erwartungen hoch. Asghar Farhadi, zweifacher Oscar-Gewinner aus dem Iran, hat erstmals einen Film auf Spanisch gedreht und sorgte dank seiner Hauptdarsteller Penélope Cruz und Javier Bardem am Eröffnungsabend für die nötige Portion Glamour. „Todos lo saben“ erzählt von Laura (Cruz), die anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester in ihr Heimatdorf in Spanien zurückkehrt und dort auch ihre Jugendliebe Paco (Bardem) wiedertrifft. Was als ausgelassene Familienfeier beginnt, nimmt eine dunkle Wendung, als Lauras Teenager-Tochter entführt wird.

Touristisch-folkloristischer Blick auf Spanien

In einer Mischung aus Melodrama und Thriller bewegt sich Farhadi dabei thematisch auf bewährten Pfaden: Er erzählt facettenreich einmal mehr von komplizierter Familiendynamik, sozialen Unterschieden, schwerwiegenden Geheimnissen, die auch nach vielen Jahren noch ebensolche Folgen haben, und der Korrumpierbarkeit durch Geld. Allerdings schürft er dabei weniger tief als in Meisterwerken wie „Nader und Simin – Eine Trennung“, verlässt sich ein wenig zu sehr auf allzu offensichtliche Drehbuch-Kniffe und kann sich einem allzu touristisch-folkloristischen Blick auf Spanien nicht entziehen. Immerhin trösten hervorragende Schauspieler – allen voran Bardem und Nebendarstellerinnen wie Barbara Lennie oder Elvira Mínguez – in „Todos lo saben“ über einige Schwächen hinweg.

Einen ersten frühen Anwärter schickte hingegen der Russe Kirill Serebrennikow ins Rennen, der nicht persönlich nach Cannes kommen konnte. Die russischen Strafverfolgungsbehörden warfen ihm im vergangenen Jahr vor, 68 Millionen Rubel an staatlichen Geldern veruntreut zu haben, seither steht er – trotz internationaler Proteste von prominenten Künstlern wie Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek , Thomas Ostermeier oder Cate Blanchett, der diesjährigen Jury-Präsidentin in Cannes – unter Hausarrest.

Serebrennikow ist weiter in Hausarrest

Serebrennikows Film „Leto“ ist ein nostalgisches, aber nie verklärendes Stimmungsporträt der russischen Punkrockszene der Achtziger Jahre. Viel Handlung im klassischen Sinne gibt es nicht: Serebrennikow beobachtet eher ein filmisch kaum erschlossenes Milieu und die Dynamik zwischen seinen auf realen Vorbildern basierenden Protagonisten, dem vergleichsweise etablierten Musiker Mike (Roman Bilyk), seiner Lebensgefährtin Natacha (Irina Starshenbaum) und dem jungen, deutlich rebellischeren Kollegen Viktor (Teo Yoo). Bisweilen gerät der gleichermaßen melancholische wie leichtfüßige Film dabei ein wenig ins Mäandern, doch es ist faszinierend, wie subtil Serebrennikow seiner Geschichte politischen Kontext und Unterboden verpasst, etwa wenn die unverhohlen westlich geprägten Bands ihre Texte von staatlicher Seite für offiziell genehmigte Konzerte absegnen lassen müssen oder man sich heimlich zu ausufernden Wohnzimmersessions trifft. Großartige Schwarzweiß-Bilder, bemerkenswert gefilmte Plansequenzen und ebenso wilde wie humorvolle Musiksequenzen, in denen die Handlung im Videoclip-Stil zu „Psycho Killer“ von den Talking Heads oder Lou Reeds „Perfect Day“ immer wieder auf eine neue Ebene gehoben wird, tun ein Übriges.

„Yomeddine“, der erste und einzige Debütfilm, der in diesem Jahr um die Goldene Palme konkurriert, konnte da nicht ganz mithalten. Der Ägypter A.B. Shawky hatte vor zehn Jahren einen dokumentarischen Kurzfilm über eine Leprakolonie in seinem Heimatland gedreht, nun hat er daraus die fiktive Geschichte des geheilten Lepra-Kranken Beshay (Rady Gamal) gemacht, der – begleitet von dem nubischen Jungen Obama (Ahmed Abdelhafiz) – aus eben jener Kolonie aufbricht, um Hunderte Kilometer entfernt seine Familie wiederzufinden, die ihn einst im Stich ließ.

In „Yomeddine“ dominiert der Wohlfühlfaktor

Die relativ unerschütterliche Lebensfreude dieses gesellschaftlichen Außenseiters ist in „Yomeddine“ ebenso einnehmend wie Shawkys stets sympathischer Blick auf ihn, zumal sich die beiden Laiendarsteller in den Hauptrollen als echte Naturtalente erweisen. Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Regisseur, der unter anderem in New York studierte, ein bisschen zu sehr an den Erzählstrukturen und dem Wohlfühlfaktor amerikanischer Independent-Produktionen geschult ist. Soziale Härte tritt hier im Zweifelsfalls jedenfalls hinter süßlicher Emotionalität (und zum Glück auch einer guten Portion Humor) zurück, und der penetrante Einsatz folkoristischer Filmmusik ist bisweilen schwer erträglich.

Für nachhaltigen Gesprächsstoff sorgen an der Croisette in den ersten Festivaltagen aber bislang ohnehin vor allem eher organisatorische Fragen, die mit dem Geschehen auf der Leinwand nicht in erster Linie zu tun haben. Eine Frage immerhin ist seit Mittwoch geklärt: Der Abschlussfilm „The Man Who Killed Don Quixote“ kann kommenden Samstag wie geplant gezeigt werden. Der beteiligte portugiesische Produzent Paulo Branco, der das verhindern wollte, scheiterte vor Gericht. Und der ihm zürnende Regisseur Terry Gilliam, der am Wochenende auch noch unerwartet einen leichten Schlaganfall erlitt, verkündete auf Twitter bereits, dass er wieder fit genug für eine Reise nach Südfrankreich ist.