Action von und für den „Top Gun“-Star Tom Cruise, dazu viel Glamour sowie enttäuschende filmische Neuheiten – das bot der erste richtige Festivaltag in Cannes.

Keine 24 Stunden war Tom Cruise am Mittwoch in Cannes, und doch drehte sich am ersten richtigen Festivaltag alles nur um ihn. Der im Juli 60 Jahre alt werdende Amerikaner ist in diesem Jahr der wohl prominenteste Stargast an der Croisette, entsprechend groß war das Presse- und Fanaufkommen. Nachmittags füllte Cruise spielend den zweitgrößten Kinosaal des Festivals für ein knapp einstündiges Masterclass-Gespräch über seine Karriere, bei dem er überraschend eine Goldene Ehrenpalme überreicht bekam. Tiefschürfende Erkenntnisse blieben allerdings aus. Auf die Frage, warum er darauf besteht, selbst die spektakulärsten Stunts selbst zu machen, erwiderte Cruise etwa lediglich: „Gene Kelly hat auch niemand gefragt, warum er tanzt!“

Altmodische, atemberaubende Action

Womöglich hätte nicht viel gefehlt und Cruise hätte auch einen der Kampfjets geflogen, die wenig später in einer Flugshow ihm zu Ehren den Himmel über dem Mittelmeer in die französischen Nationalfarben tauchten. Stattdessen stand der Marsch über den roten Teppich an, zur großen Galapremiere von „Top Gun: Maverick“, der in Cannes natürlich außer Konkurrenz zu sehen war. Die späte Fortsetzung, die ab kommender Woche auch in den deutschen Kinos läuft, bietet etwas, dass nicht nur hier beim Festival, sondern allgemein auf der Leinwand ziemlich selten geworden ist: aufwendige, aber beinahe altmodische Blockbuster-Unterhaltung mit Starfaktor, atemberaubender Action und jeder Menge Emotionen. Keine Frage, eine große Portion Macho-Militär-Kitsch bleibt da nicht aus.

Nachts verabschiedeten Cruise und sein Team sich aus Cannes, dafür hielt am Morgen darauf mit Viola Davis der nächste Hollywoodstar Hof. Die Oscar-Gewinnerin ist nicht mit einem neuen Film im Festivalprogramm vertreten, sondern als Gast einer der vielen Sponsoren angereist. Und weil sie gerade ihre Autobiografie veröffentlicht hat, nutzte sie die Talkreihe „Women in Motion“ des Luxuskonzerns Kering, um ein paar Einblicke in ihre Karriere und den Alltag als Frau mit dunkler Hautfarbe im Showgeschäft zu geben. Vieles hat die Ausnahmeschauspielerin auch schon anderswo zu Protokoll gegeben. Weniger bemerkenswert macht das die Erinnerungen an ihre von Rassismus und Armut geprägte Kindheit oder auch die erste Oscar-Nominierung, die in Ermangelung von Rollen für Frauen ihres Aussehens längst noch nicht den erhofften Durchbruch bedeutete, allerdings nicht.

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Verglichen damit hinterließen die ersten ins Rennen um die Goldene Palme gestarteten Filme eher wenig bleibenden Eindruck. Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow, der seine letzte Cannes-Premiere noch verpasste, weil er in der Heimat unter Hausarrest stand, erzählt in seinem seit Langem geplanten Film „Tchaikovsky’s Wife“ von der alles andere als harmonischen Ehe des legendären Komponisten im Russland des 19. Jahrhunderts. Der Fokus liegt dabei auf seiner Frau Antonina (Aljona Michailowa), die sich als begabte junge Frau unsterblich in das musikalische Genie verliebt und alles daransetzt, ihn zu heiraten. Dass er sie bloß lieben könne wie ein Bruder, warnt er sie früh, doch wie zuwider dem homosexuellen Mann (Odin Biron) die Nähe seiner Gattin schnell ist, trifft sie vollkommen unerwartet.

Unpolitisches aus Russland

Serebrennikow, der inzwischen in Hamburg im Exil lebt und in diesem Jahr wieder persönlich nach Cannes kommen durfte, findet so eindrucks- wie prachtvolle Bilder für seine gänzlich unpolitische Geschichte, in der auch das Ensemble und Anflüge von Humor Glanzpunkte setzen. Doch dass er ausgerechnet seiner Protagonistin letztlich keine anderen Persönlichkeitszüge zu verleihen vermag als grenzenlos naiv und von wahnhafter Liebe besessen zu sein, wird weder dieser Frau gerecht noch trägt es einen Film über zweieinhalb Stunden.

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Als echte Enttäuschung entpuppte sich derweil „Armageddon Time“, der neue Film von Festivalliebling James Gray. Der US-Regisseur, der nach Berlinale- und Venedig-Abstechern nach neun Jahren Pause in den Cannes-Wettbewerb zurückkehrt, erzählt – basierend auf eigenen Erinnerungen – von einer Kindheit in einer jüdischen Arbeiterfamilie in Queens zur Zeit von Ronald Reagans erstem Wahlsieg, in der die verschiedenen Generationen sehr unterschiedliche Vorstellungen vom amerikanischen Traum haben.

Dem altbekannten Narrativ nostalgisch gefärbter Coming-of-Age-Geschichten hat Gray leider praktisch nichts Neues hinzuzufügen. Das wäre womöglich zu verkraften, doch schwache Dialoge und ein junger Hauptdarsteller, der – unterstützt von Stars wie Anne Hathaway oder Anthony Hopkins – leider nicht wirklich überzeugend spielt, werden dem Film letztlich zum Verhängnis.

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