Filmfestival in Cannes Die vergoldete Liebe bis in den Tod

Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant in „Amour“ von Michael Haneke Foto: dpa
Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant in „Amour“ von Michael Haneke Foto: dpa

Beim Filmfestival in Cannes hat Michael Hanekes Film „Amour“ Palmengold errungen – ein Film, der den Betrachter an die eigene Sterblichkeit erinnert, die nichts ist als unser aller Sterblichkeit.

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Cannes - Man könne nachweisen, hat der Nobelpreispsychologe Daniel Kahnemann neulich der „Welt“ erklärt, „dass alles, was die Menschen an ihre Sterblichkeit erinnert, sie gehorsamer macht“. Jetzt vergab die Jury in Cannes ihre Goldene Palme, und sie gehorsamte sehr. Denn stärker als jeder andere Film erinnert Michael Hanekes „Amour“ den Betrachter an die eigene Sterblichkeit, die nichts ist als unser aller Sterblichkeit. Was es heißt, dem Geliebten fortzuhelfen „bis in den Tod“, schildert Haneke so distanziert, so präzise und dennoch empathisch-behutsam, dass die Lektion im Gedächtnis bleibt. Ein kühler, leiser Film – und der bewegendste von allen im Wettbewerb.

Es gab Journalisten in Cannes, die glaubten zu wissen, dass der österreichische Regisseur nie und nimmer den Hauptpreis davontragen könne, so wie vor drei Jahren, als er mit seinem schwarz-weißen Sittendrama „Das weiße Band“ Palmengold gewann; denn ein wichtiger Mann sei dagegen: Nanni Moretti, der Jurypräsident. Schon 1997, als Haneke mit „Funny Games“ an der Croisette Furore machte, sei Moretti der Einzige gewesen, dem diese Games derart zuwider waren, dass er ihnen keinerlei Vergoldung gönnte.

Albernes Gesellschaftssatirchen

Mag sein, mochte ja sein. Aber zwischen „Funny Games“ und „Amour“ liegen Welten. So grausam der erste Film, so berührend der zweite: hie bestialisches Quälen, da die liebend getreue Fürsorglichkeit eines gebrechlichen alten Manns, der ein vom Hirnschlag gelähmtes Weib pflegt. Solche Geschichten rühren auch einen Moretti. Als er die Jurymitglieder auf Haneke einschwor, übte er also seinerseits nur Gehorsam – gegen sein schlechtes Gewissen.

Wie sich bei der Preisverleihung zeigte, hat die Jury ihrem italienischen Oberhaupt nur zu sehr gehorcht. Dass sie Matteo Garrone (einem Italiener!) den Großen Preis der Jury zuerkannte für ein albernes Big-Brother-Gesellschaftssatirchen, spricht ja Bände. Ohnehin verkehrte das Festival geradezu inzüchtig „en famille“, die Regisseure waren überwiegend wohlbekannte Alte. Auch Garrone gehört mittlerweile zum Zirkel der Alten, exakt solch einen Regiepreis hatte er schon anno 2008 erhalten, damals mit erheblich größerer Berechtigung für „Gomorrha“. Ein Glück nur, dass sein Hauptdarsteller jetzt (Aniello Arena) den grinsenden Fischhändler im Big-Brother-Wahn derart belanglos mimt, dass er für eine Darstellerpalme nicht infrage kam. Andernfalls hätte aus dem Verleihungszeremoniell leicht ein Debakel werden können. Denn Arena sitzt zurzeit im Gefängnis.

Leider prämierte die Jury aber weder Marion Cotillard (zu sehen als beinamputierte Orca-Trainerin im Film des Franzosen Jacques Audiard: „De Rouille et d’os“) noch zeichnete sie die fünfundachtzigjährige Emmanuelle Riva aus, die gemeinsam mit Jean-Louis Trintignant Hanekes Liebes-Film so ergreifend beseelt und durchleidet. Überhaupt schien es, als wollte die Jury Frankreich geradezu schneiden – ein Gastland, das immerhin Resnais, Audiard und den wirren, aber hochingeniösen Filmpoeten Carax aufgeboten hatte, womit es im Wettbewerb fast ebenso stark repräsentiert war wie die USA samt ihren komplett leer ausgehenden Regisseuren Anderson, Hillcoat, Dominik, Daniels, Nichols.




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