Filmfestival in Cannes Filme, wechselhaft wie das Wetter

Auch Nicole Kidman feiert ein Comeback: in dem US-Film Paperboy. Foto: Verleih
Auch Nicole Kidman feiert ein Comeback: in dem US-Film Paperboy. Foto: Verleih

Beim Filmfestival in Cannes werden am Sonntag die Preise vergeben. Wer gewinnt die Goldene Palme?

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Cannes - Ein internationales Filmfest an der Côte d’Azur im Mai, das stellt man sich wundervoll vor, die Realität sieht verpfützter aus. Dutzende ordinärer Haushaltsleitern, an Sperrgitter gekettet, von den Pächtern besitzanzeigend beschildert („Reuters“ steht auf dem ersten), sichern den Fotografen freien Schuss auf einen roten Teppich, der die längste Zeit schlammig durchweicht war. Da rannten die Stars unter schwarzen Schirmen einher, froh, dass ihnen der Regen nicht ins Dekolleté und in den Smokingkragen tropfte. Erst mit Brad Pitt kam die Sonne.

Drinnen im Palais des Festivals ballt sich die journalistische Macht in Tausenderrudeln. Der Presseschreibsaal überfüllt, kaum zu durchstolpern, weil mehr Kritiker, mit den Notebooks im Schoß, auf dem Boden hocken als an den Tischen. Wasser, Nes­presso gibt’s bis zum Blasenriss gratis, und draußen in den winzigen Toilettenräumen brechen die Frauen beherzt in Männerdomänen ein. Geht das so weiter, werden sie in ihrer Not noch Pissoirs erobern.

Das Festival haben sie absolut nicht erobert. Ihr skandalöses Fehlen sollte Thierry Frémaux, dem künstlerischen Leiter des elftägigen Wettbewerbs, der jetzt vor seinem Ende steht, den Schlaf rauben. Keine Regisseurin in der Palmenkonkurrenz, nirgends. Aber die Frau als Objekt des Filme ­machenden Manns ist willkommen seit je, man frage nur den Österreicher Ulrich Seidl, dessen matronale Sextouristin ein Beweis sein könnte, dass die Damen sich unbekümmert ums Alter emanzipieren. Aus den cinéastischen Offerten des Festivals ragt Seidls „Paradies: Liebe“ bunt hervor, mit einem exhibitionistischen Stich ins Perverse.

Michael Haneke ist einer der Favoriten

Aber die größeren Palmenchancen sollte – erneut – Michael Haneke haben, Seidls österreichischer Landsmann, dessen Film gleichfalls Liebe im Titel trägt, „Amour“: Alteleuteliebe, sexlos gewordenes, zärtlich fürsorgendes Anein­anderhängen, sanft distanziert festgehalten in Bildern, die zu Herzen gehen. Ein alter Mann pflegt sein gelähmtes Weib – kein Film des Festivals hat stärker angerührt. Und in keinem zeigte sich Menschlichkeit schöner, gebrechlicher als hier, in den Mienen von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva. Man ehre die beiden mit Palmen, bitte.

Filmfestivals sind Wechselbäder fürs Gemüt, der Sturz aus ergreifender Humanität in grellste Afferei passiert blitzschnell. Bei Leos Carax, dem wunderkindlichen Enfant terrible des französischen Kinos, war man gefasst: „Holy Motors“, die Geschichte vom Monsieur Oscar, der sich in einer Stretchlimousine quer durch Paris kutschieren lässt, um in wechselnden Verkleidungen termingerecht Aufträge seiner chauffierenden Vertrauten Céline abzuarbeiten, erwies sich prompt als das bizarrste, verrückteste Spektakel weit und breit. Oscar (Denis Lavant) feiert darin die Schönheit des Akts, ein Endzeitgeschäft, todbringend, in immer neuen Kreationen, maskiert als Banker und Mister Merde, als humpelndes Bettelweib und Grabblumen fressendes Monster – morbid poetisch, visuell betörend. Nur ohne Idee. Ob das der Jury in Cannes einen Extrapreis wert ist?

Apropos, einen Kamerapreis wüssten wir auch, den sollte Greig Fraser bekommen für die außergewöhnliche Ästhetik, mit der er – in oft zerdehnten, verfließenden, drogenrauschartig-pulsierenden Bildern – Andrew Dominiks Thriller „Killing them softly“ nobilitiert hat, hoch übers gewöhnliche Genreformat hinaus. Slowmo­tion extrem, riesengroß die Patrone, wie sie durch Autoblech, Glasscheiben, Menschenschädel splittert – der eiskalte Engel (Brad Pitt in Höchstform) tötet jäh, distanziert, ohne die Opfer lang leiden zu lassen. Eben sanft. Seine Opfer: drei dusslig bekiffte Ganoven, die eine illegale Pokerrunde überfielen; jetzt soll er, beauftragt von den Glücksspielbossen, für Ruhe im Geschäft sorgen. Was das heißt, ahnt man.

Nicole Kidman, völlig enthemmt

Indessen projiziert der Film das Geschehen auf einen ungeahnt politischen Hintergrund: Dominik verlegte die Handlung – nach einem Roman von George Higgins – aus den Siebzigern ins Jahr 2008, die Zeit, als Obama zum großen Yes-we-can aufrief. Der Killer tötet schonender, als die US-Wirtschaft mit ihren Krisenopfern umspringt, dies das parabelhafte Fazit, unverhüllt gesellschaftskritisch ausgeplaudert im letzten Satz des Auftragskillers: „Amerika ist kein Land, Amerika ist Business.“

Literaturverfilmungen, ein Merkmal des Festivals 2012. Dass sie auch fad geraten können, bewies Walter Salles mit der Jack-Kerouac-Verfilmung „On the Road“, einer quer durch die Staaten walzenden Story ohne Drive, ohne Sog, mit einem merkwürdig degagiert dreinschauenden Tramppoeten (Sam Riley). Salles, dem Brasilianer, zeigte der US-Regisseur Lee Daniels mit seinem „Paperboy“ aber sofort, was eine echte schwarzamerikanische Harke ist, blutig, bepisst, ejakulativ verschmiert. Ein Black & White-Clip aus Miami, weniger inszeniert als zusammengeschnetzelt, grellwüst nach allen Regeln der visuellen Aufschäumungskunst. Nicole Kidman, im Film um Grade enthemmter als in Cannes auf der Treppe, pinkelt auf den Brustkorb eines hingestreckten Pressbengels, ihre „Spritze“ gegen seine Quallenallergie. Die Mordsstory endet kehlschneidend-scheußlich in den Sümpfen der Everglades bei den Alligatoren. Manche Bilder wird die Festivaljury abschütteln müssen wie Rotz, Schlamm, ekligen Unrat.

Welche Bilder blieben ihr überhaupt, zu welchen kehrt sie zurück? Das ist die Preisfrage. Haneke, Audiard, Anderson, Carax, Seidl, Mungiu, Dominik – die Jury hat nun jede Menge zu tun, alle 22 Regisseure samt deren Erzählungen wieder aufzurufen im Gedächtnis. Wie man den Geschmack des diesjährigen Präsidenten Nanni Moretti kennt, steht „Jagten“, das Lynchmobdrama des Dänen Thomas Vinterberg, dabei mit an vorderster Stelle.

Seelisch versteinerter Wall-Street-Kerl

Noch läuft der Filmwettbewerb aber weiter – erst morgen, am Sonntagabend, werden in Cannes die Preise verliehen, und bis dahin steht noch allerlei schwer Einzuschätzendes auf dem Programm. Zur Verdutzung des Monsieur Carax kam am vorletzten Tag erneut eine Stretchlimousine ins Spiel, der kanadische Kultregisseur David Cronenberg setzte sie sofort und frontal ins Bild: „Cosmopolis“. Cronenbergs neuer, leider ein wenig gähnen machender Film (nach einer literarischen Vorlage, klar) ist inspiriert vom Roman des Don DeLillo, das Protzgefährt gehört also einem steinreichen, auch seelisch versteinerten Wall-Street-Kerl, der drinnen müde seinen kapitalistischen Ennui auslebt, indem er sich von wechselnden Frauen besteigen und zwischendurch von einem Doc eine „asymmetrische Prostata“ nachweisen lässt, während draußen der Mob tobt, so gründlich, bis die Limousine versaut ist wie ein Graffiti-Vehikel.

Am Ende eines langen Tages ist auch das öde Leben des blasierten Börsenjunkies versaut. Sah er zuvor noch aus wie einem Herrenjournal entstiegen (Robert Pattinson, der „Twilight“-Star, hier in der Pose des gefühlskalten Sonnenbrillen-Boys), so endet er abgerissen, mit heraushängendem Hemd, im New Yorker Hinterhofmüll. Noch was? Ja, mit der Pistole wird er sich ein Loch in den Handteller schießen, bevor dann eine andere Waffe an seinem Hinterkopf . . . Stopp, da ist der Film nämlich aus. Das Festival selber geht, wie gesagt, aber noch weiter.




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