Filmfestival in Cannes Filmfestival in Cannes

Von Patrick Heidmann 

Manches kommt beim Filmfestival in Cannes wie erwartet – zum Beispiel das neue englische Sozialdrama von Ken Loach. Anderes überrascht, zum Beispiel ein Western aus Brasilien. Und dann taucht plötzlich Elton John auf und staunt darüber, dass sein Leben eigentlich wie im Musical verläuft.

Elton John und Schauspieler Taron Egerton in Cannes: „Rocketman“ Foto: AP
Elton John und Schauspieler Taron Egerton in Cannes: „Rocketman“ Foto: AP

Cannes - Es ist nicht so, dass es eines weiteren Hinweises bedurft hätte. Doch in einer Szene in „Sorry We Missed You“, dem neuen Film von Ken Loach, der am Donnerstag beim Filmfestival in Cannes seine Weltpremiere feierte, humpelt ein dreibeiniger Hund durchs Bild – und spätestens da dürfte klar sein, dass es dem Briten auch dieses Mal nicht an hoffnungsfrohem Wohlfühlkino gelegen ist. Hier geht es um die knallharte Realität, in all ihrer Bitterkeit.

Vor drei Jahren erst gewann Loach seine zweite Palme für „Ich, Daniel Blake“ über einen Mann, der in die Arbeitslosigkeit ab- und letztlich auch durch das Netz sozialer Absicherung hindurch rutscht. Davon kann bei seinen neuen Protagonisten nicht die Rede sein, doch das macht ihre Situation kaum erträglicher. Um aus den Schulden herauszukommen und womöglich endlich den jahrelang gehegten Traum vom Eigenheim für die Familie zu erfüllen, heuert Ricky (Kris Hitchen) als Paketauslieferer an. Seine Frau Abbie (Debbie Honeywood) arbeitet als mobile Altenpflegerin, auch bei ihr sind Arbeitstage von weit mehr als acht Stunden die Regel. Das angesichts heranwachsender Kinder eigentlich dringend nötige Familienleben kommt dabei deutlich zu kurz, doch auch finanziell reicht die Knochenarbeit bei weitem nicht aus.

Die Überraschung kommt aus Brasilien

Unerwartet entwickelt sich in „Sorry We Missed You“ tatsächlich gar nichts, und auch Subtilität in seiner Gesellschaftskritik ist – der versehrte Hund lässt es erahnen – einmal mehr nicht Loachs Sache. Das eindringliche Bild eines aussichtslosen Teufelskreises zeichnet der Film allerdings allemal, und schauspielerisch ist er bemerkenswert.

Für mehr als eine Überraschung gut war an der Croisette dagegen der brasilianische Wettbewerbsbeitrag „Bacarau“ von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles. Gegen simple Interpretationen sträubt sich diese frappierende Mischung aus Dystopie, Western und Gesellschaftsstudie einer untergehenden Welt, die in einem in mehrfacher Hinsicht von der Außenwelt fast abgeschnittenen Dorf angesiedelt und unter anderem mit Sonia Braga und Udo Kier besetzt ist, von der ersten Minute an. So etwas hat man wirklich noch nicht gesehen.

Der „Rocketman“ ist auch filmisch stark

Über „Atlantique“ von Mati Diop, einer französischen Regisseurin mit senegalesischen Wurzeln, lässt sich ein ähnliches Urteil fällen: Ihre Geschichte einer jungen Frau in Dakar, deren große Liebe eines Nachts ohne Vorwarnung auf einem Boot nach Europa aufbricht, während sie einen anderen heiraten soll, nimmt eine erstaunliche Wendung ins Geisterhafte, die nicht zuletzt das Thema der Flüchtlingskrise aus einer ganz neuen Perspektive darstellt. Diops Landsmann Ladj Ly, einziger Debütant im Rennen um die Goldene Palme, wirft in „Les Misérables“ derweil einen eher vertrauten Blick auf Polizisten und Jugendliche des Pariser Vorstadt-Brennpunkts Montfermeil (wo Victor Hugo einst seinen berühmten Roman schrieb), der weniger auf Skript-, aber doch auf Inszenierungsebene mit sogartiger Dringlichkeit überzeugt.

Für noch mehr Gesprächsstoff als diese erstmals in Cannes vertretenen Filmemacher sorgte in den ersten Festivaltagen allerdings Elton John. Einerseits leibhaftig, weil er anlässlich der Weltpremiere von „Rocketman“ nicht nur über den roten Teppich schritt, sondern auf der zugehörigen Party am Strand auch ein kleines Konzert zum Besten gab. Aber andererseits eben auch auf der Leinwand, weil der Film über sein Leben mit einem fabelhaften, selbst singenden Taron Egerton in der Hauptrolle filmisch deutlich mehr zu überzeugen weiß als zuletzt „Bohemian Rhapsody“ und andere Rockstar-Biografien.

Zwar erzählt Regisseur Dexter Fletcher letztlich ein traditionelles Narrativ, von den Anfängen in einfachen Verhältnissen über den rasant einsetzenden Welterfolg bis hin zur großen Krise samt Drogenexzessen, Alkoholabstürzen und Liebesdrama. Doch er tut dies in klassischer Musicalform, in der Johns legendäre Songs nicht nur auf der Bühne oder im Studio stattfinden, sondern – ähnlich wie etwa in „Mamma Mia“ – integraler Bestandteil der Handlung sind. Ein auf mitreißende Weise überzeugender Ansatz, der ab dem 30. Mai auch in Deutschland nicht nur Fans des aktuell auf Abschiedstournee befindlichen Musikers Spaß machten dürfte.