Filmfestival in Cannes Stars und Kinder, die Plastik essen

Kristin Stewart (links) und Léa Seydoux in David Cronenbergs Film „Crimes of the Future“ Foto: Filmfestival Cannes/Nikos Nikolopoulos

Mit blutenden Körpern und pulsierenden Organen zeigt der Regisseur David Cronenberg schockierende Bilder beim Filmfestival in Cannes – und große Stars. Der vielleicht gelungenste Film kommt aus Korea. Und David Bowie bekommt posthum einen großen Auftritt.

Dass das Publikum bei der Weltpremiere scharenweise seinen neuen Film „Crimes of the Future“ verlassen werde, hatte Regisseur David Cronenberg im Vorfeld des Festivals von Cannes prophezeit und damit natürlich gewisse Erwartungen geweckt. Zum echten Aufreger taugte das Werk dann allerdings noch nicht so wirklich, und auch die Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer, die frühzeitig gingen, blieb überschaubar.

 

Cronenberg erzählt von einer düsteren Welt

Cronenberg schlägt in gewisser Weise einen Bogen zurück zu seinen Filmen der 70er- bis 90er Jahre, in denen sich der Kanadier als Meister des Bodyhorrors etablierte (und dabei auch bereits einmal genau den gleichen Filmtitel verwendete).

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Hier nun erzählt er von einer düsteren Welt, in der die Menschheit zu weiten Teilen vom „Beschleunigten Evolutionssyndrom“ betroffen ist, was bedeutet, dass viele von ihnen immer wieder neue Körperfähigkeiten oder gar Organe ausbilden.

Manchmal eklig, aber wenig schockierend

Kinder, die Plastik essen und verdauen können; Menschen, die zur Stimulanz operieren lassen; Performance-Künstler, die ihre Mutationen und Metamorphosen live vor Publikum tätowieren und entfernen; Untergrundaktivisten, die dafür kämpfen, dass diese Weiterentwicklungen des Menschen nicht verteufelt oder unterdrückt werden. All das verschmilzt in „Crimes of the Future“ zu einem zwar manchmal ekligen, aber wenig schockierenden Film, der mit starken Stars (neben Viggo Mortensen vor allem Léa Seydoux und Kristen Stewart) und ein paar philosophisch interessanten Gedanken aufwartet, aber auch einigermaßen langweilig ist. Cronenberg selbst, der thematisch eigentlich schon mal weiter war, bekam am Ende trotzdem sieben Minuten lang stehende Ovationen und sagte ins weitestgehend noch anwesende Publikum: „Ich bin gerührt. Und hoffe, Sie meinen es ernst.“

Vielleicht der gelungenste Film des Wettbewerbs

Filmisch überzeugender war „Decision to Leave“ des koreanischen Filmemachers Park Chan-wook, der mit Horror auch so seine Erfahrungen hat. Sein neues Werk beginnt als Polizeithriller: ein Kletterer wird tot am Fuß eines Berges gefunden, der erfahrene wie müde Ermittler (Park Hae-il) verdächtigt bald die aus China stammende Witwe (grandios: Tang Wei). Doch je tiefer er sich in den Fall vergräbt, desto mehr fühlt der eigentlich glücklich verheiratete Mann sich zu dieser Frau hingezogen – und wird der Film zu einem dramatischen Liebesfilm, bevor der Noir-Krimi mit einem zweiten Mord und jeder Menge überraschender Wendungen einen neuen Anlauf nimmt. Geradezu kunstvoll verwebt Park Chan-wook Spannung und Romantik in mitunter atemberaubenden Bildern, was „Decision to Leave“ mit Beginn des letzten Festivaldrittels zum bislang vielleicht gelungensten Film im ansonsten eher schwächeren Wettbewerb macht.

Zwei Dokumentarfilme über legendäre Musiker

Jenseits des Rennens um die Goldene Palme wurde derweil in den vergangenen Tagen nicht zuletzt Musik großgeschrieben. Mit Brett Morgens fantastischem „Moonage Daydream“ über David Bowie sowie „Jerry Lee Lewis: Trouble in Mind“ von Ethan Coen feierten gleich zwei Dokumentarfilme Premiere, die statt Wegbegleiter und Zöglinge zu Wort kommen zu lassen ausschließlich auf Archivmaterial und Interviewaufnahmen der jeweiligen Ausnahmekünstler setzen. Vor allem im Fall des Bowie-Films, der eine enorme, von des Familie des Sängers abgesegnete Fleiß- und Montagearbeit ist, in der Fokus ganz klar auf der kreativen Arbeit statt dem Privatleben liegt, gelingt das spektakulär. Großes Kino, nicht nur, aber ganz besonders für Fans.

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