Filmfestival Stuttgarter Filmwinter geht in die 39. Runde

Der Stuttgarter Filmwinter geht los. Foto: Filmwinter

Unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen hat die Leiterin Giovanna Thiery mit dem Team vom Verein Wand 5 ein buntes Medienkunst-Programm auf die Beine gestellt. Was wird geboten?

Also bitte, „Sch...e“ sagt man nicht, man macht sie nur! Und natürlich bloß im Verborgenen. Manch kreativer Kopf hat menschliche Ausscheidungsprozesse dagegen schon zur Kunst erklärt, wie zum Beispiel Marcel Duchamp, der 1917 ein Urinal museal inszenierte. Der Filmemacher Luis Buñuel träumte in „Das Gespenst der Freiheit“ sogar von Menschen, die ihren Stuhlgang gemeinsam in aller Öffentlichkeit vollziehen, sich zum Essen aber verschämt von einander separieren.

 

„Scheiße/Gold“ lautet das diesjährige, erstaunlich deftige Motto des Stuttgarter Filmwinters, dem „Best Festival Ever für Kurzfilm und Medienkunst“, wie es im Katalog der Schau selbstbewusst und stolz in harten Zeiten heißt. Vom 14. bis 18. Januar präsentiert das Kuratorenteam vom Verein Wand 5 im Areal am Tagblatt-Turm und an anderen Orten Kurzfilme, Workshops und Medienexperimente sowohl für Erwachsene als auch für Kinder in der inzwischen 39. Ausgabe.

Die Lage ist für die Filmwinter-Beteiligten sehr ernst

Wie praktisch alle Kulturschaffenden in Stuttgart sind auch die Filmwinter-Beteiligten ab sofort den harschen Sparzwängen des Doppelhaushaltes 2026/2027 unterworfen. Eine Katastrophe für Giovanna Thiery, die mit ihrer Kollegin Ivonne Richter den Filmwinter leitet. Die negativen Auswirkungen der Kürzungen im sozialen Bildungsbereich wird die Stadt in den kommenden Jahren spüren, fürchtet sie. Deshalb sei es notwendig, neu und umzudenken und darüber hinaus solidarische Bündnisse einzugehen, um mit dem Wenigen, was noch da sei, einigermaßen gut arbeiten zu können.

Das Motto „Scheiße/Gold“ passt also wie die Faust aufs Auge, oder besser, wie der Hintern auf die Schüssel. Man sollte sich nicht täuschen: So rotzfrech und kämpferisch der Titel auch klingt, die Lage für alle am Festival Beteiligten ist ernst. Im Telefonat erklärt Thiery, die Effekte der Budgetkürzung um sechs Prozent wögen in Wahrheit viel schwerer, aufgrund eines Domino-Effektes, da auch die Festivalpartner mit geringeren Mitteln arbeiten müssten.

Lob für das Stuttgarter Kulturamt

Die notwendigen Einsparungen betreffen etwa Personalkosten, weshalb das Festival nun verstärkt auf die Mitarbeit ehrenamtlicher Laien angewiesen ist. Und auch die überregionale und internationale Ausrichtung des Festivals leidet, weil Reise- und Hotelkosten auswärtiger Gastkünstler unter den neuen Bedingungen kaum zu stemmen sind. Einzelne Programmpunkte wurden deshalb gestrichen; worauf genau das Stuttgarter Publikum in diesem Jahr verzichten muss, verrät Thiery nicht.

Dafür lobt sie die Arbeit des Stuttgarter Kulturamtes, das durch Einladungen zu Runden Tischen und Workshops die Kulturschaffenden beim Ideenaustausch unterstützt. Wertvoll nennt die Kuratorin auch neu geknüpften Verbindungen innerhalb der Stuttgarter Kulturszene, die sich im Bündnis Kultur ausdrücken, das im vergangenen Dezember rund 47 000 Petitionsunterschriften gegen die geplanten Kulturetat-Kürzungen gesammelt hatte.

Thiery freut sich auch auf den Umzug ihrer Geschäftsstelle in ein kleines Ladenlokal in der Wagnerstraße, in direkter Nähe zum kommenden Haus für Film und Medien, das inzwischen den neuen Namen SMIC – Stuttgart Moving Image Center – trägt. So will sich Wand 5 e. V. mit dem Festival noch stärker nach außen öffnen, vernetzen und einen Begegnungsraum für Interessierte schaffen.

Von Resignation kann also nicht die Rede sein. Trotz Spardruck wirkt das Festivalprogramm so bunt, vielfältig und wildwüchsig wie in jedem Jahr, mit teils enigmatisch betitelten Veranstaltungen wie dem „Holy Shit Spekakel“ (16. Januar, 23 Uhr) oder einer zum Teil mit chinesischen Schriftzeichen überschriebenen Performance (16. Januar, 22.30 Uhr) vom in Hongkong gebürtigen Medienkünstler Chi Him Chik.

Spaß am Unkonventionellen

Dass nicht alle Veranstaltungsbeschreibungen einen konkreten Eindruck davon vermitteln, was das Publikum beim Besuch erwartet, macht Reiz und Charme der experimentierfreudigen Schau aus. Wer zum Filmwinter geht, sollte offen und neugierig sein, Spaß am schräg Unkonventionellen und Unvorhersehbaren haben.

Dieses Bekenntnis zur freien Kunst und zu Work in Progress gefällt indes nicht jedem, thematisiert der Verein in seinem dem aktuellen Programmheft vorangestellten Grußwort. „In Zeiten zunehmender Extremismen hat die AfD Stuttgart nun den Filmwinter entdeckt: als ‚Bühne für linksextreme Propaganda‘ würden wir die ‚Gesellschaftsformen angreifen‘“, schreibt der Verein. Und weiter: „Für uns gibt es nichts Selbstverständlicheres, als uns für die Demokratie einzusetzen. Unser binäres Festivalmotto versteht sich auch als Resonanz darauf: Was ist eigentlich Gold, was Scheiße – und welche Stoffwechselprozesse sind dringend notwendig?“

Wer mögliche Antworten auf diese wirklich drängenden Fragen unserer Zeit sucht, findet sie vielleicht beim Filmwinter. Ein Besuch ist garantiert kein Griff ins Klo.

Die Festival-Highlights

Wettbewerb
Zwischen dem 14. und 18. Januar laufen sieben Kurzfilmprogramme im internationalen Wettbewerb (Fitz, Tri-Bühne), mit dem Buggles-Award wird der Landesmusikvideo-Preis Baden-Württemberg verliehen (15.1., 19.30 Uhr, Kinothek Obertürkeim).

Ausstellung
Im Kunstbezirk Stuttgart, im Figurentheater Fitz sowie in der Wagnerstraße 36 gibt es im Festivalzeitraum eine Expanded-Media-Ausstellung zu sehen.

Kinder
Das Kurzfilmprogramm „Voll Magic!“ (15.1., 9 Uhr) eignet sich für Kinder ab der ersten Klasse, die 16-mm-Werkstatt (17.1., ab 14.30 Uhr) steht generationsübergreifend allen ab sechs Jahren offen.

Praxis
Der Workshop „Let’s pretend it’s 1996 …“ (17.1., 11 Uhr) vermittelt die Freude am Erstellen einer Website – ganz ohne Programmierkenntnisse. Voll auf die Kacke haut die Performance-Party „Holy Shit Spektakel“ (16.1., 23 Uhr). Zum Kurzfilmprogramm „Mix Mix“ (15.1., 15 Uhr) gibt es Kaffee und Kuchen.

Preise
Die Preisverleihung mitsamt Screening der Gewinnerfilme gibt es am 18.1. ab 17.30 Uhr. Alle Infos: www. filmwinter.de.

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