Filmfestspiele Cannes „Fjord“ mit Goldener Palme ausgezeichnet

Cristian Mungiu gewinnt mit seinem vielschichtigen Drama „Fjord“ die Goldene Palme. Foto: dpa/AFP

Filmfest in Cannes: Cristian Mungiu gewinnt mit seinem vielschichtigen Drama „Fjord“ die Goldene Palme. Auch die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach holt einen Preis.

So sehr hatte „Fjord“, der neue Film von Cristian Mungiu, nach seiner Weltpremiere in Cannes die Gemüter gespalten, dass am Ende kaum einer mit einer Goldenen Palme für den Rumänen rechnete. Doch nach einem Wettbewerb, in dem viele die Höhepunkte vermissten, auf die sich alle einigen können, war es am Ende eine fast schon schlüssige Entscheidung, dass der Hauptpreis der 79. Internationalen Filmfestspiele an eben jenes Werk ging, das die großen, nur noch schwer überbrückbaren Gräben in unserer Gesellschaft so direkt thematisierte wie kein anderer bei diesem Festival.

 

Mungiu, der damit nun zum zweiten Mal nach„4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ (2007) den Hauptpreis des wichtigsten Filmfestivals der Welt gewonnen hat, ließ sich für seinen ersten nicht in der Heimat entstandenen Film von wahren Fällen inspirieren, bei denen es um Konflikte zwischen aus den Ausland stammenden Familien mit konservativen Werten und den progressiven, das Kindeswohl über alles stellenden Behörden in skandinavischen Ländern.

Grauzonen und Widersprüche eigener Wertvorstellungen

In „Fjord“ erzählt er von einem rumänisch-norwegischen Paar, das nach dem Umzug in die nordeuropäische Provinz weiter seinen fundamental-christlichen Glauben praktiziert und plötzlich gegen den Entzug der fünf Kinder kämpfen muss, weil eine Lehrerin bei der ältesten Tochter Blutergüsse entdeckt.

Dass Mungius Sympathien recht unverhohlen bei der Familie und nicht beim System liegen, wurde ihm in Cannes teilweise vorgeworfen, andere dagegen beklagten, er würde halbherzig zwischen den Fronten stehen und nicht klar genug Position beziehen. Dabei ist es durchaus reizvoll, wie der Regisseur es seinem Publikum zumutet, moralische Grauzonen und Widersprüche bei den eigenen Wertvorstellungen auszuloten und auszuhalten. Dass er narrativ durchschaubar manipulativ vorgeht, scheint die Jury unter Vorsitz des koreanischen Filmemachers Park Chan-Wook angesichts des zeitgemäßen Stoffs, der packenden Inszenierung und vor allem Sebastian Stan und Renate Reinsve in Bestform wenig gestört zu haben.

Der gute Lauf deutscher Regisseurinnen setzt sich fort

Fast alle anderen Filme, die im diesjährigen Wettbewerb zu den Mitfavoriten zählten, wurden bei der Abschlussgala am Samstag mit Preisen bedacht. Darunter auch der deutsche Beitrag „Das geträumte Abenteuer“: Valeska Grisebach erhielt für ihre im bulgarischen Grenzgebiet entstandene Mischung aus Dokudrama und Mafia-Thriller den Jury-Preis und setzte damit im Jahr nach Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ den guten Lauf deutscher Regisseurinnen in Cannes fort.

Der Große Preis der Jury ging derweil an „Minotaur“, in dem der im Exil lebende russische Regisseur Andrei Swjaginzew seine von Chabrol inspirierte Ehegeschichte vor dem Hintergrund der russischen Zwangsrekrutierung spielen lässt und so mit tagesaktueller Dringlichkeit auflädt, ohne je die Worte Ukraine oder Putin auszusprechen.

Sändra Hüller geht diesmal leer aus

Pawel Pawlikowski musste sich für sein exzellentes, handwerklich wie emotional hochgradig nuanciertes Historiendrama „Vaterland“ über die Manns mit dem Regiepreis begnügen – und sich den dann auch noch mit Javier Calvo und Javier Ambrossi teilen, die in „La bola negra“ ein unvollendetes Werk Federico Garcia Lorcas als Ausgangspunkt nehmen, um spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts als bildgewaltiges Melodrama mit queerem Fokus zu erzählen. Eine Jury-Entscheidung, die einerseits auf Uneinigkeit hindeutet, andererseits doch stimmig die Gegensätze abbildet, die es in diesem Wettbewerb zu beobachten gab, zwischen Cannes-Veteranen nicht ganz in Bestform (ähnlich wie Mungiu und sogar Pawlikowski waren auch Pedro Almodóvar, Asghar Farhadi oder Hirokazu Koreeda schon mit besseren Filmen an die Croisette gekommen) und Neulingen mit großen Ambitionen.

Das Kunststück, unmittelbar nach der Berlinale auch noch an der Croisette einen Preis für ihre Schauspielkunst zu gewinnen, blieb „Vaterland“-Hauptdarstellerin Sandra Hüller derweil verwehrt. Ihre Kolleginnen Virginie Efira und Tao Okamoto durften sich stattdessen den Darstellerinnen-Preis teilen – und das verdientermaßen, besteht doch Ryusuke Hamaguchis „Soudain“, ein Plädoyer für Menschlichkeit, Mitgefühl und das Zuhören, zu weiten Teilen aus Gesprächen zwischen ihnen beiden.

Ähnlich der Fall bei ihren männlichen Counterparts: Lukas Dhonts zarte Weltkriegs-Romanze „Coward“ lebt von der Dynamik zwischen Emmanuel Macchia und Valentin Campagne, so dass auch der geteilte Darsteller-Preis ein nachvollziehbarer ist.

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