Filmfestspiele in Cannes Endlich wieder Prominenz und Publikum!

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn!“ Wes Andersons „The French Dispatch“ mit Tilda Swinton, Lois Smith, Adrien Brody, Henry Winkler und Bob Balaban (vorne von links) läuft im Wettbewerb. Foto: Searchlight Pictures/20th Century Fox

Die Filmfestspiele in Cannes werden am 6. Juli eröffnet. Stars wie Jodie Foster, Matt Damon oder Isabelle Huppert werden bei dem wichtigsten Filmfestival der Welt erwartet – und endlich wieder volle Kinosäle.

Cannes - Alles wieder wie immer, so hätte man es gerne bei den Filmfestspielen in Cannes. Im vergangenen Jahr musste das wichtigste Filmfestival der Welt wegen der Coronapandemie abgesagt werden, in diesem Jahr legte man sich frühzeitig fest: eine virtuelle Alternative oder Kombilösung, wie es bei der Berlinale oder in Toronto vorgemacht wurde, kommt nicht infrage.

 

Wenn nun am 6. Juli die 74. Ausgabe mit dem schrägen Musical „Annette“ des französischen Regisseurs Leos Carax eröffnet wird, ist das zwar zwei Monate später als der sonst übliche Mai-Termin. Doch davon abgesehen bemüht man sich an der Croisette um business as usual: Es werden bis 17. Juli mehr Filme gezeigt denn je, die Kinosäle dürfen den französischen Verordnungen gemäß bis auf den letzten Platz besetzt werden und prominente Gäste, die Glamour auf dem roten Teppich verbreiten, haben sich auch angekündigt. Gleich zum Auftakt etwa bringt Carax seine Hauptdarsteller Marion Cotillard und Adam Driver mit.

Ob sich Festivalnormalität einstellen wird?

Wie viel Festivalnormalität sich in der Praxis tatsächlich einstellen wird, bleibt abzuwarten. Zwar sind weniger Fachbesucher und Journalisten akkreditiert als gewöhnlich, doch von denen, die in die kleine Mittelmeerstadt reisen, sind nicht alle geimpft oder genesen. Wie also wird die Kontrolle von Test- und Impfnachweisen geregelt? Wie werden Maskenpflicht und Abstandsregeln gehandhabt? Und was ist mit all den Business-Lunches, Premierenpartys und abendlichen Empfängen, die entweder ausfallen müssen oder nur in kleinerem Rahmen und mit deutlich mehr Organisationsaufwand stattfinden können? Dass das ohnehin nicht immer reibungslos funktionierende Festival in diesem Jahr ein wenig chaotischer ablaufen könnte, ist nicht ausgeschlossen.

Was allerdings auch dieses Mal unverändert ist: Das Programm liest sich auf dem Papier ungemein vielversprechend. Neben „Annette“, für den das britische Popduo The Sparks die Songs beisteuerte, konkurrieren 23 weitere Filme um die Goldene Palme und die weiteren Preise, über deren Vergabe in diesem Jahr eine Jury unter dem Vorsitz von Spike Lee entscheiden wird.

Wes Andersons Film feiert Weltpremiere

Unter den weiteren Juroren befinden sich die amerikanische Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, die österreichische Regisseurin Jessica Hausner, der aus Südkorea stammende Schauspieler Song Kang-Ho („Parasite“) und französische Prominenz wie Tahar Rahim, Mylène Farmer und Mélanie Laurent.

Bereits 2020 hätte „The French Dispatch“ von Wes Anderson Weltpremiere feiern sollen. Der amerikanische Regisseur entschied sich, seine Tragikomödie über US-Journalisten in einer fiktiven französischen Stadt Mitte des 20. Jahrhunderts ein komplettes Jahr zurückzuhalten – und wird in Cannes nun von Bill Murray, Tilda Swinton, Timothée Chalamet, Benicio del Toro, Léa Seydoux und Adrien Brody begleitet, die nur einen Bruchteil seines prominenten Ensembles ausmachen.

Sean Penn spielt an der Seite seiner Tochter Dylan

Die beiden weiteren amerikanischen Filme, die im Wettbewerb konkurrieren, sind Sean Bakers „Red Rocket“, der vergangenen Herbst unter Pandemiebedingungen in Texas gedreht wurde, und „Flag Day“ von Sean Penn, der damit zurückkehrt an jenen Ort, wo vor fünf Jahren seine letzte Regiearbeit „The Last Face“ von der Presse verrissen und ausgebuht wurde. In seinem neuen Film spielt er, gemeinsam mit seiner erwachsenen Tochter Dylan Penn sowie Josh Brolin, selbst die Hauptrolle.

Wie immer prominent vertreten ist das französische Kino. Von den lediglich vier Frauen, deren Filme in den Wettbewerb eingeladen wurden, haben drei Heimvorteil: Mia Hansen-Løve („Bergman Island“ mit Vicky Krieps und Tim Roth), Catherine Corsini („La fracture“) und Julia Ducournau („Titane“). Die vierte ist die Ungarin Ildikó Enyedi, deren „Körper und Seele“ vor vier Jahren den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Ihre Cannes-Rückkehr feiert sie nun mit „Die Geschichte meiner Frau“, für den auch die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler vor der Kamera stand. Enyedis Film ist einer von insgesamt sieben, an denen deutsche Produktionsfirmen beteiligt sind. Deutsche Filmemacherinnen und Filmemacher sucht man im offiziellen Programm dieses Jahr allerdings vergeblich.

Großes Kino an der Croisette

Drei der im Wettbewerb vertretenen Regisseure, der Franzose Jacques Audiard, der Italiener Nanni Moretti und der aus Thailand stammende Apichatpong Weerasethakul, haben in der Vergangenheit die Goldene Palme gewonnen. Auch viele ihrer Konkurrenten sind Veteranen des Festivals, darunter François Ozon (der mit „Tout s’est bien passé“ bereits einen neuen Film fertig hat, während der Vorgänger „Sommer 85“ gerade erst in den deutschen Kinos läuft), der iranische Oscar-Gewinner Asghar Farhadi, Mahamat-Saleh Haroun aus dem Tschad oder der Russe Kirill Serebrennikow, der in seiner Heimat lange unter Hausarrest stand, vergangenes Jahr wegen angeblicher Veruntreuung von Staatsgeldern zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt wurde und deswegen auch in diesem Jahr nicht nach Cannes wird reisen können.

Großes Kino gibt es an der Croisette auch in diesem Jahr nicht nur im Wettbewerb. Außer Konkurrenz etwa ist Matt Damon in dem in Marseille angesiedelten Thriller „Stillwater“ zu sehen, Todd Haynes stellt seine Musikdoku „The Velvet Underground“ vor und der israelische Regisseur Ari Folman seinen ambitionierten Animationsfilm „Wo ist Anne Frank?“. Und für alle, die mehr Spaß an lautem Blockbuster-Kino als an anspruchsvoller Filmkunst haben, präsentiert Vin Diesel persönlich umsonst, draußen und buchstäblich am Strand den neuen „Fast & Furious“-Film vor malerischer Kulisse.

Internationale Filmfestspiele Cannes

Filmfestival
Gegründet 1946, finden die Internationalen Filmfestspiele von Cannes jährlich statt. Dieses Mal vom 6. bis 17. Juli. Die 73. Ausgabe ging im Mai 2020 wegen der Coronapandemie nur in einer Online-Version über die Bühne. Eine prominente Jury zeichnet den besten Film des Wettbewerbs mit der Goldenen Palme aus.

Konkurrenz
Im Hauptwettbewerb konkurrieren in diesem Jahr 24 Filmproduktionen um die Goldene Palme. Darunter ist keine deutsche. Erstmals gibt es eine Reihe für Filme, für die kein Platz im Wettbewerb war. Eine wichtige Nebenreihe ist „Un Certain Regard“ („Ein gewisser Blick“), in der Werke weniger bekannter Filmemacher gezeigt werden.

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