Filmfestspiele in Cannes Unbekannte stiehlt Tom Cruise die Show

Hanna Heckt, Filip Schnack, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Mascha Schilinski, Laeni Geiseler und Luise Heyer (v.l.) beim Fotocall auf dem Festival de Cannes Foto: IMAGO/Future Image

Die bislang kaum bekannte deutsche Regisseurin Mascha Schilinski stiehlt bei der Premiere ihres Films „In die Sonne schauen“ Hollywoodstar Tom Cruise in Cannes die Show.

Eigentlich sollte am Mittwoch, dem ersten kompletten Tag der 78. Internationalen Filmfestspiele von Cannes, alles im Zeichen von Tom Cruise stehen. Der Weltstar kam an die Croisette, um sein achtes und wohl tatsächliches letztes „Mission: Impossible“-Abenteuer zu präsentieren. Und natürlich wurden Fans und Fotografen nicht enttäuscht am roten Teppich, auf dem sich der Amerikaner – obwohl eigentlich verboten – auch zu einem Selfie mit seinen Co-Stars hinreißen ließ. Doch zumindest, wenn es nach den anwesenden Kritikerinnen und Kritikern geht, wurde ihm trotzdem die Schau gestohlen. Ausgerechnet von einer kaum bekannten Regisseurin aus Berlin.

 

Dass es ein deutscher Film ins Rennen um die Goldene Palme schafft, geschieht selten genug; zuletzt lief in Cannes vor acht Jahren „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin, der sich in diesem Jahr – genau wie Christian Petzold – mit einem Platz abseits des Wettbewerbs zufriedengeben musste. Doch dass diese Ehre dann jemandem zuteil wird, der alles andere als ein etablierter Name im internationalen Festivalgeschäft ist, ist praktisch beispiellos.

Über 100 Jahre auf einem deutschen Gehöft

Nur nicht für Mascha Schilinski und ihren zweiten Spielfilm „In die Sonne schauen“, acht Jahre nach ihrem zwar wohlwollend aufgenommenen, aber nicht unbedingt für Aufsehen sorgenden Debüt „Die Tochter“. Der lief nun am Mittwoch als erster Beitrag im diesjährigen Wettbewerb und erwies sich direkt als Festival-Höhepunkt, über den man noch lange sprechen wird.

Schilinski, die ihr Drehbuch gemeinsam mit Louise Peter geschrieben hat, erzählt von einem Vierseithof tief in der Altmark, weit abgelegen in einem Zipfel ostdeutscher Provinz, der mal für einige Jahrzehnte innerdeutsches Grenzgebiet war. Über rund 100 Jahre erstreckt sich dabei „In die Sonne schauen“; in vier verschiedenen Epochen beobachtet der Film die unterschiedlichen Generationen, die unter diesem Dach lebten.

Das Augenmerk der Regisseurin gilt dabei vor allem den Frauen. Die kleine Alma (Hanna Heckt) versucht in den 1910er Jahren fasziniert und mit Schrecken gleichermaßen die Gewohnheiten und Verhaltensweise ihrer Familie samt Hofpersonal zu verstehen und kommt nicht umhin festzustellen, wie sehr sich das Leben um den Tod zu drehen scheint. 30 Jahre später ist es Erika (Lea Drinda), die geradezu eine Obsession zu entwickeln scheint mit dem amputierten Bein ihres Onkels, das bereits vom immer näher rückenden Grauen des Zweiten Weltkriegs kündet. Später, in der DDR der 1980er Jahre, sehen wir dabei zu, wie Lebenslust und Freiheitsdrang der jungen Angelika (Lena Urzendowsky) am in mehrerlei Hinsicht beklemmenden Hof-Dasein zugrunde zu gehen drohen. Und in der Gegenwart ist es Teenagerin Nelly (Laeni Geiseler), die mit ihrer kleinen Schwester und den Eltern auf das lange verlassene Anwesen zieht, für einen vermeintlich idyllischen Neuanfang.

„In die Sonne schauen“ gilt schon jetzt als potenzieller Palmen-Anwärter

Es ist keine Handlung im klassischen Sinn, die diese verschiedenen Zeitebenen miteinander verbindet, und auch keine Chronologie. Schilinski springt hin und her zwischen ihnen oder lässt sie vielmehr – um den internationalen Titel des Films, „Sound of Falling“, aufzugreifen – ineinander fallen. Was dabei, auch im Verweben der vier genannten Protagonistinnen, ihrer Biografien und der Frauen in ihrem Leben, entsteht, ist eine chorale Vielstimmigkeit, die mit sich zusehends verdichtender Poesie und im engen 1,37:1-Bildformat von deutscher Geschichte erzählt, aber vor allem von Schmerz und Versehrtheit, den allgegenwärtigen Geistern der Vergangenheit und generationsübergreifendem Trauma. „Wenn von Traumata die Rede ist, die weit zu unseren Vorfahren zurückreichen, dann geht es meistens um den Krieg“, sagte Schilinski, die 1984 in Berlin als Tochter einer deutschen Filmemacherin und eines französischen Bauarbeiters geboren wurde, am Donnerstag bei der Pressekonferenz in Cannes. „Aber uns haben nicht solche großen Ereignisse interessiert, sondern die kleinen. Persönliche Unglücke und Gefühle, die enorme Auswirkungen auf eine Person haben, aber über die oft gar nicht gesprochen wird.“

Dass die Regisseurin und ihr Team dabei am Mittwoch vor ziemlich leeren Reihen im Festival-Palais saßen, weil parallel die Pressevorführung des eingangs erwähnten Tom-Cruise-Blockbusters stattfand, schien sie im Übrigen wenig zu stören. Die verdient hymnischen Kritiken aus dem In- wie Ausland dürften darüber hinweggetröstet haben. Genau wie der Gedanke, dass „In die Sonne schauen“ bereits jetzt als potenzieller Palmen-Anwärter gelten darf. Denn tatsächlich ist Schilinskis Werk, das auch von der bemerkenswerten Kameraarbeit ihres Lebensgefährten Fabian Gamper, dem einzigartigen Sounddesign und seinem starken Ensemble (zu dem auch Luise Heyer, Claudia Geisler-Bading oder Susanne Wuest gehören) lebt, ein Film von sogartiger Wirkung, voller Traurigkeit und Schmerz, aber – anders als etwa Michael Hanekes durchaus verwandter Film „Das weiße Band“ – ohne Verbitterung, dafür mit umso mehr Schönheit. Ein kleines Meisterwerk eben.

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