Filmfestspiele Venedig Ein Präsident, wie man ihn gern hätte

George Clooney kam, leicht angeschlagen, in Venedig mit dem Boot an. Foto: Stefano Costantino/SOPA Images via Zuma

Neben Stars und Sternchen gibt es zur Eröffnung der 82. Filmfestspiele von Venedig auch großes Kino zu sehen.

Filmfestspiele sind immer Veranstaltungen, die die unterschiedlichsten Bereiche und Bedürfnisse abdecken müssen, von Glamour und knallhartem Business bis hin zu anspruchsvoller Filmkunst und gesellschaftlichen Debatten.

 

Bei der Eröffnung der 82. Filmfestspiele von Venedig am Mittwoch wurde dieses Gemischtwarenladen-Prinzip wieder besonders deutlich. Auf dem roten Teppich tummelte sich neben Hollywoodstars wie Cate Blanchett auch Heidi Klum samt Tochter Leni, die mit der Filmbranche eigentlich kaum Berührungspunkte haben. Im Anschluss an das Schaulaufen erhielt dann erst einmal der kommende Woche 83 Jahre alt werdende Regisseur Werner Herzog, der mit „Ghost Elephants“ auch einen neuen Film im Gepäck hatte, aus den Händen von Francis Ford Coppola einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk.

Hollywood-Star Cate Blanchett auf dem roten Teppich. Foto: AP/dpa/Scott A Garfitt/Invision

Gleichzeitig schwebt, wie aktuell über eigentlich allen Kulturevents dieser Art, die Tagespolitik, besonders der Konflikt in Nahost. Italienische Protestierende entfalteten am roten Teppich riesige Banner mit Schriftzügen wie „Free Palestine“ und „Stop the Genocide“; für diesen Samstag ist eine große, sich gegen die israelische Kriegspolitik und ihre Unterstützer richtende Demonstration auf dem Lido angekündigt. Der diesjährige Jury-Präsident Alexander Payne, Oscar-prämierter Regisseur von Filmen wie „Sideways“ oder „The Holdovers“, wich dem Thema auf der Auftaktpressekonferenz weitestgehend aus. „Ehrlich gesagt fühle ich mich auf die Frage danach nicht gut genug vorbereitet“, sagte er. „Ich bin nur hier, um über das Kino zu sprechen und zu urteilen.“

Der Eröffnungsfilm hätte neben all dem schnell ins Hintertreffen geraten können, doch der Italiener Paolo Sorrentino brachte – nachdem zuletzt „Parthenope“ wenig mehr war als eine plumpe Altherren-Fantasie – ein überzeugendes Werk mit. „La Grazia“ handelt vom fiktiven italienischen Präsidenten Mariano De Santis (Toni Servillo), der in seiner Amtszeit so manche Regierungskrise gemeistert und nun noch ein halbes Jahr zu regieren hat. Auf den letzten Metern ringt der ehemalige Richter dabei mit den ganz großen Themen, sei es die anhaltende Trauer um den Tod seiner geliebten Frau, zwei Begnadigungsversuche oder ein mögliches, nicht zuletzt vom Papst abgelehntes Gesetz zur Sterbehilfe.

Heidi Klump hat mit der Kinobranche kaum Berührungspunkte. Foto: dpa/Cinzia Camela/LPS via ZUMA Press Wire

Er habe, gab Regisseur Sorrentino zu Protokoll, nach früheren, beißenden Filmen über Politiker wie Andreotti oder Berlusconi, mal einen zeigen wollen, der so ist, wie Politiker sein sollten. Entsprechend und dem Titel gemäß geht es in „La Grazia“ nun um Gnade, aber auch um Aufrichtigkeit und darum, dass selbst ein Jurist vielleicht nicht immer die eine, endgültige Wahrheit finden kann. Subtil bringt Sorrentino seine Botschaften dabei auch dieses Mal nicht an den Mann, doch die Wärme und Subtilität, die seinen Film durchziehen, stehen ihm unerwartet gut. Und auf sein Gespür für prächtige Bilder sowie auf seinen großartigen Lieblingsschauspieler Servillo kann er sich ohnehin verlassen.

Natürlich dauerte es dann allerdings auch nicht lange, bis sich Hollywood in Venedig die Ehre gab – und etwa George Clooney für ordentlich Star-Power sorgte. In „Jay Kelly“, dem neuen Film von US-Regisseur Noah Baumbach, spielt er den Titelhelden: einen langjährigen, erfolgreichen Schauspieler, der plötzlich zahlreiche frühere Lebensentscheidungen zu hinterfragen und an der Liebe zu seinem Job zu zweifeln beginnt.

Francis Ford Coppola (l.) überreicht den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk an Werner Herzog. Foto: AP/dpa/Scott A Garfitt/Invision

Dafür bringt Clooney, der krankheitsbedingt am Mittwoch erst mal einige Pressetermine absagen musste, natürlich das angemessene Charisma (und ein Fünkchen Selbstironie) mit, und vor allem Adam Sandler als sein Manager ist hervorragend. Doch statt bissig und scharfsinnig auf die eigene Branche zu gucken, setzt Baumbach zu sehr auf einen milden Blick sowie Albernheiten und verliert interessante (oft weibliche) Nebenfiguren zu schnell aus den Augen. So gerät Noah Baumbachs „Jay Kelly“ immer wieder zu harmlosem „Männer in der Midlifekrise“-Kino.

Als umso böser entpuppte sich derweil, nicht ganz überraschend, Yorgos Lanthimos‘ „Bugonia“. Einmal mehr hat sich der griechische Regisseur, der hier vor zwei Jahren mit „Poor Things“ den Goldenen Löwen gewann, mit seiner Lieblingsschauspielerin Emma Stone zusammengetan – und wieder läuft die Oscar-Gewinnerin zu großer Form auf. Als eiskalte Pharma-Unternehmerin wird sie von Teddy (Jesse Plemons), einem Verschwörungstheorien-Anhänger, und seinem Cousin Don (Aidan Delbis) entführt. Ob sie nun allerdings wirklich eine Außerirdische ist oder doch „nur“ mit ihrer Firma verantwortlich für das Schicksal von Teddys Mutter – man ahnt schnell, dass diese Geschichte kein harmloses Ende finden wird.

Lanthimos erzählt in seinem Remake des 22 Jahre alten koreanischen Films „Save the Green Planet!“ von Schwurblern und kapitalistischer Gier, von den gnadenlosen Selbstzerstörungstendenzen der Menschheit und unserer Unbelehrbarkeit. Und das so rabenschwarz, brutal und abgründig, dass man am Ende aus dem Kino kommt und sich einen Moment lang fragt, ob die Sache mit der Zivilisation vielleicht getrost als gescheitertes Experiment abgetan werden kann.

Die Premieren am Wochenende

Fest
In Venedig reiht sich eine große Premiere an die andere: Der Mexikaner Guillermo Del Toro hat Mary Shelleys Klassiker „Frankenstein“
neu verfilmt – man darf gespannt sein, welche Rolle die Schauspieler Christoph Waltz und Felix Kammerer darin spielen werden. Regiealtmeister Jim Jarmush
geht mit „Father Mother Sister Brother“ ins Rennen – Tom Waits, Adam Diver, Charlotte Rampling und Cate Blanchett sind mit von der Partie. Und mit Spannung wartet man auch auf den neuen Film des Franzosen Olivier Assayas: Im „Zauberer des Kremls“
spielt Jude Law einen jungen Geheimagenten namens Wladimir Putin.

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