Filmfestspiele Venedig Großartige Neuverfilmung von „Frankenstein“

Oscar Isaac erschafft hier eine künstliche Kreatur. Foto: Ken Woroner/Netflix

Beim Filmfestival in Venedig überwältigt der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro mit einer emotionalen Verfilmung des Horrorklassikers „Frankenstein“.

Das erste Wochenende ist bei Filmfestivals wie dem in Venedig traditionell der Zeitpunkt für die Weltpremiere der mit besonders viel Spannung erwarteten neuen Filme. Auch in diesem Jahr gab es keine Ausnahme. Im Gegenteil: der Wettbewerb um den Goldenen Löwen fuhr in den vergangenen Tagen großes Kino auf – und das in unterschiedlicher Hinsicht.

 

Für den mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro, Oscar-prämiert für „The Shape of Water“, erfüllte sich am Samstag ein sehr lange gehegter Traum. Fast 30 Jahre lang hoffte er, eines Tages Mary Shelleys Klassiker „Frankenstein“ vom ehrgeizigen Wissenschaftler und seiner Schöpfung neu zu verfilmen; mehrmals scheiterten Versuche, das Projekt umzusetzen. Erst die immer noch leidlich gut gefüllten Taschen des Streamingdiensts Netflix sorgten nun dafür, dass der 60-jährige die Neu-Adaption des Monsterklassikers, die dem Vernehmen nach mindestens 120 Millionen Dollar gekostet hat, doch noch umsetzen konnte.

In del Toros Händen wird der altbekannte Stoff nun weniger zu einer Horror-Geschichte als zu einer romantischen Tragödie über eine Vater-Sohn-Beziehung der etwas anderen Art. Angetrieben von eigenen Kindheitstraumata träumt Victor Frankenstein (Oscar Isaac) davon, dem Tod neues Leben abzuringen. Doch als ihm genau das schließlich gelingt, nicht zuletzt finanziert durch den reichen Schwiegervater (Christoph Waltz) seines Bruders (Felix Kammerer), verstößt er die ungeliebte Kreatur (Jacob Elordi) dann doch wieder brüsk, weil sie seinen Erwartungen nicht entspricht.

Jacob Elordi spielt herzzerreißend

Zweieinhalb Stunden lang nimmt sich „Frankenstein“ Zeit, um sein Publikum zu überwältigen, mit atemberaubend-bombastischen Bildern (die man idealweise auf der großen Leinwand und nicht zuhause im Wohnzimmer sehen sollte) und prächtiger Filmmusik, aber vor allem mit Emotionen, die man in dieser Intensität hier nicht unbedingt erwartet hätte. Dass del Toro das Monströse weniger im äußerlichen Erscheinen als im menschlichen Verhalten ausmacht, ist dabei vielleicht keine Überraschung. Wie herzzerreißend allerdings Shooting-Star Jacob Elordi als Furcht einflößendes, aber kindlich-naives Wesen dessen Erfahrungen von Schmerz und Verlust greifbar macht, umso mehr.

Als weniger emotional, dafür aber thematisch gewichtig entpuppte sich „After the Hunt“, der neue Film von Luca Guadagnino. Der italienische Regisseur knüpft sich darin – zumindest im weiteren Sinne – aktuelle #MeToo- und Cancel Culture-Diskurse vor. Im Zentrum der Geschichte steht Alma Olsson (Julia Roberts), die kurz davorsteht, in Yale endlich ihre feste Philosophie-Professur zu bekommen. Doch dann wirft ihre Doktorandin Maggie (Ayo Edebiri) Almas Kollegen, Freund und Konkurrenten Hank (Andrew Garfield) vor, sie nach einer Party bei den Olssons vergewaltigt zu haben. Er dagegen behauptet, sie in ihrer Arbeit des Plagiats überführt zu haben.

Dass Guadagino und das Drehbuch von Nora Garrett weder Position beziehen noch aufklären, was in jener Nacht tatsächlich passiert ist, mag manche frustrieren, ist aber eigentlich – neben eleganten Kulissen und sehenswertem Ensemble – die große Stärke des Films. Wie häufig Fälle wie dieser von moralischen Grauzonen sowie der Unmöglichkeit einer absoluten Wahrheit dominiert werden, ist schließlich die Botschaft von „After the Hunt“. Umso bedauerlicher, dass hier die meisten der (selten sympathischen) Figuren überfrachtet sind mit inneren Konflikten und Problemen, die zu oft vom Wesentlichen ablenken.

Auch „No Other Choice“ erzählt von drängenden Themen unserer Zeit. Man-soo (Lee Byung-hun, bekannt nicht zuletzt aus „Squid Game“) hat alles: eine glückliche Familie, ein schickes Eigenheim und einen gut bezahlten Job als Manager in einer Papierfirma. Doch das Glück ist von kurzer Dauer. Nach einer Übernahme durch die Amerikaner wird seine Stelle wegrationalisiert. Neue Jobs sind Mangelware – und die einzige Option, einen neuen zu bekommen und so den gewohnten Lebensstandard zu halten, scheint zu sein, potenzielle Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Irgendwo zwischen Satire, Thriller und Kapitalismuskritik gelingt Regisseur Park Chan-wook ein Film, der so böse und blutig wie klarsichtig ist – und vor allem sehr viel Spaß macht.

Vicky Krieps trägt pinke Haare

Als echtes Highlight der kleinen, feinen Art entpuppte sich schließlich am Sonntag Jim Jarmuschs „Father Mother Sister Brother“. Drei lediglich thematisch lose verbundene Episoden machen diesen Film aus, in denen Gesprächsszenen auf Autofahrten, unterschiedliche Familienkonstellationen und die Folgen vergangener Verletzungen im Fokus stehen. In Cannes hatte man das mit Tom Waits, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Adam Driver und Vicky Krieps (mit pinken Haaren) besetzte Werk noch für den Wettbewerb abgelehnt, doch für Venedig ist das nun ein Gewinn. Denn so zart und auf angenehme Weise bescheiden wie dieses immer wieder komische, aber vor allem berührend-melancholische Werk des 72-jährigen Amerikaners war zuvor noch kein Beitrag.

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