Filmförderung im Zeichen der Krise Wie das Land die Kinos retten will

Das Bestehen des Stuttgarter Delphi-Kino ist vorerst gesichert – auch dank der Programmpreise. Foto: dpa/Marian Murat

Die Kinolandschaft erhalten – das ist der Sinn der Programmprämien der MFG-Filmförderung, die ihren 25. Geburtstag feiert. Wegen der Corona-Pandemie hat das Land die Prämien kräftig aufgestockt. Unter anderem das Delphi und das Atelier am Bollwerk in Stuttgart seien damit vorerst gerettet.

Stuttgart - Die Lage für die Kinos ist ernst und das Land Baden-Württemberg reagiert: Es hat die Programmpreise um 800 000 Euro aufgestockt, die die Filmförderung der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) jährlich vergibt. 1,1 Millionen sind am 5. November verteilt worden – „ein wichtiges Signal an die Kinos mit ambitionierter Programmarbeit“, sagte die Kunststaatssekretärin Petra Olschowski. Man wolle „die schlimmen Folgen der Coronakrise zumindest etwas abmildern – gerade vor dem Hintergrund der aktuell verordneten Schließung“.

 

Der Stuttgarter Kinobetreiber Peter Erasmus atmet auf, zusammen mit der angekündigten Verdienstausfallzahlung des Bundes seien seine Kinos Delphi und Atelier am Bollwerk vorerst gerettet, sagt er: „Das reicht uns bis März. Wie es dann weitergeht, müssen wir sehen. Normalerweise bilden wir in den starken Wintermonaten Rücklagen, die uns dann über den Sommer bringen. Das können wir diesmal nicht.“ Die gute Nachricht bleibt: Nach der Metropol-Schließung gibt es vorerst keine weiteren Verluste.

Die MFG hat Grund zum Feiern

„Alle können mithelfen, indem sie in die Kinos gehen, wenn diese wieder aufmachen“, sagt der MFG-Chef Carl Bergengruen. „Das Land und wir bei der MFG wollen sie staatlicherseits weiter unterstützen, bis Corona vorbei ist, damit sie durchhalten können.“ Das gilt auch für die Filmemacher, deren Werke jetzt nicht richtig starten können und für die es schwer ist, unter Corona-Bedingungen neue Projekte anzugehen. Bergengruen ist überhaupt wichtig, dass es fair zugeht in der nicht immer zimperlichen Branche: „Wir lassen als erste deutsche Filmförderung jedes eingereichte Projekt genau daraufhin durchprüfen, ob nach Tarif gezahlt wird und soziale Standards eingehalten werden.

Eigentlich hätte die MFG Grund zum Feiern: Sie ist im Herbst 25 Jahre alt geworden und hat – trotz der Pandemie – eine ihrer erfolgreichsten Jahre: Der in Mannheim gedrehte Spielfilm „Und morgen die ganze Welt“, den der Teil-Lockdown in den Kinos ausgebremst hat, geht ins Nominierungsrennen um den Auslands-Oscar, bei den Emmys wurde die Serie „Watchmen“ ausgezeichnet, die mit visuellen Effekten (VFX) aus Stuttgart bestückt ist. Und beim Deutschen Filmpreis gingen 14 von 20 Lolas an die MFG-Geförderten Produktionen „Berlin Alexanderplatz“, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und „Systemsprenger“.

Treue Wahlberliner

Die ersten beiden hat Jochen Laube auf die Beine gestellt, der mit 42 Jahren bereits zu den wichtigsten deutschen Filmproduzenten zählt. Er ist geboren in Ludwigsburg, hat an der dortigen Filmakademie studiert, ging für eine Weile nach Berlin und kam dann bewusst zurück. „Er ist ein tolles Beispiel, wie Produzenten und Produzentinnen made in Baden-Württemberg den Standort zum Leuchten bringen“, sagt Bergengruen, der die MFG seit 2013 leitet. Gegründet wurde sie, um talentierten Abgängern der 1991 ins Leben gerufenen Filmakademie vor Ort eine Perspektive zu bieten. „Standorte wie Berlin und München liegen uneinholbar vorn“, sagt Bergengruen. „Die gab es schon lange, als hier vor 25 Jahren noch eine grüne Wiese war. Gemessen daran sind wir weit gekommen.“

Von Anfang an hielten einheimische Filmemacher dem Standort die Treue, etwa die beiden Stuttgarter Wahlberliner Andres Veiel und Peter Rommel. Veiel („Black Box BRD“) reflektierte in seinem Debütfilm „Die Überlebenden“ die Suizide dreier Mitabiturienten im Stuttgarter Süden, Rommel produzierte viele Filme von Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“), aber auch mit dem Akademie-Absolventen Stefan Krohmer im Schwarzwald die Skihütten-Satire „Sie haben Knut“ (2003).

Eine neue Ära der Effekte

Der Animationsfilmer Andreas Hykade, heute Leiter des Ludwigsburger Animationsinstituts, platzierte 2005 mit „Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig“ eine herrlich anarchische Kinderserie im SWR. Die Dokumentarfilmerinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, bekannt als Böller & Brot, sorgten 2002 für Aufsehen mit ihrem humorigen Film „Schotter wie Heu“ über Deutschlands kleinste Bank. Ihr köstlicher aktueller Film „Narren“, in dem sie den Rottweiler Fasnets-Kult unter die Lupe nehmen, sollte eigentlich in dieser Woche starten.

Eine neue Ära brach im Südwesten an, als die Stuttgarter Effektschmiede Pixomondo die Effekte für Martin Scorseses Kinomärchen „Hugo Cabret“ (2011) und dafür den VFX-Oscar bekam. Weitere Firmen wie Mackevision kamen dazu, Stuttgarter Effekte steckten bald in der Serie „Game of Thrones“ und in US-Spielfilmen wie Steven Spielbergs „Bridge of Spies“ (2015). Hier konkurrieren Baden-Württemberg und die MFG mit Standorten wie Kanada, die Firmen großzügige Steuernachlässe gewähren. „Wir behaupten uns durch Qualität“, sagt Bergengruen. „Historische Welten am Computer täuschend echt entstehen und im nächsten Moment krachend untergehen zu lassen und dann die Schauspieler so hineinzuverweben, als wären sie mitten drin – auf diesem brillanten Niveau wie hier können das weltweit nicht viele.“

Nachhaltiges Filmemachen

Ein Thema ist Carl Bergengruen besonders wichtig: Nachhaltigkeit. „Die Film- und TV-Branche verursacht viel höhere CO2 -Emissionen, als wir alle denken“, sagt Bergengruen, „laut einer französischen Studie so viele wie die gesamte Telekommunikationsbranche. Aber durch Ökostrom, LED-Lampen, weniger Flugreisen und Dieselgeneratoren, kann man die Emissionen um fast die Hälfte reduzieren.“ Die MFG hat „Green Shooting“ auf die Agenda gebracht, sie berät und bietet einen selbst entwickelten CO2 -Rechner an.

Die Medien- und Filmgesellschaft und ihre Preise

MFG
Die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg wurde 1995 gegründet und teilt sich in Film- und Medienförderung. Die Filmförderung unterstützt Produzenten, Autoren, Verleiher und Kinos mit rund 15 Millionen Euro im Jahr.

Kinoprogrammpreise
Jährlich vergibt die MFG Prämien an Kinos, die ein inhaltlich engagiertes Programm machen. In diesem Jahr sind aus Stuttgart die Kinos Delphi und Atelier am Bollwerk dabei sowie das Kino Cinema am Schlossplatz, das wie das Metropol zu den Innenstadtkinos gehört. Caligari und Luna in Ludwigsburg stehen ebenso auf der Liste wie das Kino Kleine Fluchten in Schorndorf. Der Hauptpreis geht in diesem Jahr an das Kino Klappe in Kirchberg an der Jagst, das mit 86 Plätzen 7000 Zuschauer im Jahr anzieht.

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