Filmkritik „Blue Jasmine“ Auf zum nächsten Millionär

Jasmine (Cate Blanchett, vorn) ist angefressen. Sie hat gerade keinen Mann, der ihr den geliebten Luxus finanziert. Arm leben wie ihre Schwester Ginger (Sally Hawkins) will Jasmine auf gar keinen Fall, Foto: Warner Bros.
Jasmine (Cate Blanchett, vorn) ist angefressen. Sie hat gerade keinen Mann, der ihr den geliebten Luxus finanziert. Arm leben wie ihre Schwester Ginger (Sally Hawkins) will Jasmine auf gar keinen Fall, Foto: Warner Bros.

Selten war Woody Allen böser: Cate Blanchett spielt eine kultivierte Schmarotzerin, die nicht wissen will, woher das Geld ihrer reichen Männer kommt. Aber der letzte Versorger ist gerade als Großbetrüger in Haft gegangen. Jasmine schlüpft bei ihrer armen Schwester unter. Gelernt hat sie aus dem Debakel nichts.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Dieser Taxifahrer braucht Geduld. Er hat eine feine, frisch eingeflogene Ostküstendame in ein nicht ganz so feines Viertel von San Francisco gefahren. Nun soll er vor dem Haus warten. Denn die Tür, an der diese Jasmine (Cate Blanchett) läutet, bleibt geschlossen. Nominell ist die Aufforderung zu warten eine Bitte. Aber Ton und Körpersprache machen klar, dass Jasmine andere Menschen so bedient, wie sie auch Lichtschalter, Wasserhähne und Mülleimer-Fußhebel zu bedienen und benutzen pflegt. Sie weiß, was sie will, und am liebsten hätte sie jemanden, der ihr das von den Lippen abliest.

Tatsächlich aber geht es der anspruchsvollen Jasmine miserabel. Das ist nichts Ungewöhnliches für die Hauptfigur eines Woody-Allen-Films, aber selten war der subjektive Anteil der Krise so klein. Hinter Jasmine ist ein ganzer Lebensentwurf zusammengebrochen. Sie kann froh sein, wenn sie nicht im Gefängnis landet.

Ahnungslos und mitschuldig

Die dauerüberspannte Frau, die gerade bei ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins) Zuflucht sucht, hat immer in der goldenen Voliere gelebt, die Männer ihr eingerichtet haben. Der letzte Kerl, Hal (Alec Baldwin), schien ein ganz besonders guter Fang von Jasmine zu sein, ein umtriebiger Finanzjongleur, der alles möglich machen konnte. Aber er war bloß ein Mistkäfer, der einen immer größer werdenden Dreckball Schulden vor sich hergedreht und jeden, der ihm unterkam, in seine Betrügereien hineingezogen und damit ruiniert hat.

Jasmine hat immer weggeschaut, wollte nicht wissen, womit ihr Mann ihr Geld verdiente. Aber sie hat mit ihrer Wohltätigkeitsarbeit, ihren Partys und Abendessen und ihrer Variante von Charme, der sich immer nur an Gleich- und Höhergestellte richtet, Hal ständig neue Opfer zugetrieben. Sie ist fraglos mitschuldig.

Abrechnung mit den feinen Leuten

Woody Allen erzählt hier nicht von einem Einzelfall. Er rechnet ab mit einem ganzen Milieu – faszinierenderweise nicht mit einem neuen, dem er sich voll Grimm zuwendet, sondern mit einem, das in seinen Manhattan-Filmen immer wieder vorkam. Allen hat von Intellektuellen und Künstlern erzählt, aber deren Kreise haben sich schon immer überschnitten mit denen von merkantil ausgerichteten Oberklassepärchen. Nun aber zeigt er eine große moralische Leere bei den Schicken und Smarten. Jasmine hat jene Museen, Theater und Kinos besucht, in denen große Kunst zu Hause ist. Aber war diese Kunst in einer Welt des Betrugs je mehr als Zierrat ?

Ab und an setzt Allen, als sei er ein junger Regisseur beim Ausprobieren von Tonarten, überraschend frisch an. Bei „Blue Jasmine“ ist das der Fall. Die Distanz zum, gelinde gesagt, gemütlichen Nebenwerk „To Rome with Love“ könnte größer nicht sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dies in einem Schaffen, das viele düstere Streifen kennt, der misanthropischste Film, voll mit einer Bitterkeit, die von vielen hellen Bildern sarkastisch konterkariert wird.

Nichts mehr vom heilen Amerika zu sehen

In Rückblenden sehen wir, wie Jasmine mit Hal gelebt hat. Auf der Jetztebene aber, an der Westküste, wiederholen sich bereits wieder alte Muster, angelt Jasmine sich schon wieder einen reichen Kerl. Kaum fühlt sie vermeintlich festen Boden unter den Füßen, schaut sie auf ihre Schwester herab. Dass Jasmine dabei aber keine fiese Zicke wird, ist der großen Schauspielkunst von Cate Blanchett zu verdanken.

Wie Jasmine sich absetzt von Ginger und deren proletarischen Freunden, das könnte Allen für simple Kontraste nutzen: Arm und Reich, Westküstenlässigkeit und Ostküstendünkel, Solidarität und Egomanie. Tut er aber nicht. Er zeigt Ginger als Erschöpfte, die ihr Leben nur sehr bedingt unter Kontrolle hat, und er zeigt die Männer um sie her als Grobiane und Langweiler. Weder beim Blick nach oben noch nach unten findet dieser Film auch nur Restspuren eines heilen Amerikas.

Dass die Bilder von heute in dieser heiteren Geschichte wieder von Woody Allens geliebter Jazzmusik der dreißiger und vierziger Jahre unterlegt sind, schafft eine weitere sarkastische Reibung, Allen zieht eine positivere, launigere Weltbetrachtung mit hinein ins Schlamassel der Lüge, der Anmaßung und der Gier. Falls sich jemand aus welchem Grund auch immer vorgenommen hat, im Leben nur zehn Woody-Allen-Filme sehen zu wollen: „Blue Jasmine“ sollte dabei sein.

Blue Jasmine. USA 2013. Regie: Woody Allen. Mit Cate Blanchett, Alec Baldwin, Sally Hawkins, Andrew Clay. 98 Minuten. Ab 6 Jahren.




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