Filmkritik „Das Mädchen Wadjda“ Unter der Fuchtel

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Erstmals nimmt ein Spielfilm aus Saudi-Arabien das eigene Land kritisch unter die Lupe. Die Regisseurin Haifaa Al Mansour schildert in „Das Mädchen Wadjda“ die systematische Unterdrückung der Frauen von klein auf.

Wadjda (Waad Mohammed) hätte gerne ein Fahrrad. In Saudi-Arabien ist das ein skandalöser Wunsch für ein Mädchen. Foto: Koch Media
Wadjda (Waad Mohammed) hätte gerne ein Fahrrad. In Saudi-Arabien ist das ein skandalöser Wunsch für ein Mädchen. Foto: Koch Media

Stuttgart - Wenn ein Kind sich sehnlichst ein Fahrrad wünscht und die Mutter Nein sagen muss, dann kann es, möchte man meinen, dafür nur einen herben Grund geben: Geld. Die elfjährige Wadjda aber bekommt aus einem ganz anderen Grund kein Fahrrad: weil sie ein Mädchen ist. Sie wächst in einer Vorstadt von Riad auf, der Hauptstadt von Saudi-Arabien, und hier sind die Schicklichkeitsvorstellungen strenggläubiger Muslime Gesetz.

Haifaa al-Mansours Spielfilm „Das Mädchen Wadjda“ ist einer der wichtigen und aufwühlenden Filmstarts des Jahres. Denn hier erzählt eine Filmemacherin aus Saudi-Arabien vom Frauenleben, von den alltäglichen Einschränkungen, Gängeleien und Repressalien – wobei „Das Mädchen Wadjda“ uns gleich mit zwei Geschichten die Augen öffnet, einerseits mit der vom Drehbuch erzählten, andererseits mit jener rund um die Produktion selbst.

Regie aus dem Versteck heraus

Saudi-Arabien hat keine Filmindustrie und keine Kinos. Den reichen Ölstaat lässt man seiner aufs Geschäft mit den Industriestaaten ausgerichteten Geopolitik wegen zwar gerne aus dem Blick, wenn es um gesellschaftliche Zustände unter der Fuchtel religiöser Fanatiker geht, aber er mischt den Überfluss westlicher Konsum- und Luxusgüter doch mit Moralvorstellungen aus anderen Zeiten.

So konnte die Regisseurin Haifaa al-Mansour, die in Kairo und Sydney studiert hat, bei Außendrehs nicht ­offen auftreten. Ihre Regieanweisungen musste sie über Funk aus einem Versteck im Auto heraus erteilen. Eine Frau, die Männer herumkommandiert, wäre ein unglaublicher Skandal geworden.

Lebensmut und Unterdrückung

Auch Wadjdas Mutter packt beim bloßen Gedanken, ihre Tochter könne sich draußen auf einem Fahrrad blicken lassen, das Entsetzen. Sie fürchtet den Beginn lebenslanger Stigmatisierung. In keinem Moment aber wirkt der lebendige, warmherzige Film vom „Mädchen Wadjda“, der nicht nur von Unterdrückung, sondern auch von Lebensmut erzählt, steif oder eingeschränkt. Und das liegt nicht nur an den ganz und gar einnehmenden Darstellerinnen, sondern auch an den Bildern des deutschen Kameramannes Lutz Reitemeier.

Der 1963 in Stuttgart geborene Reitemeier hat zwar mit Andres Veiel gearbeitet, in seinen Dokumentationen „Die Überlebenden“ und „Die Spielwütigen“, ist dann aber doch ein Spezialist für oft schwierige Drehs in der Fremde geworden, vor allem mit dem Regisseur Wang Quan’an in China. Wie Wadjda nun um ihr Fahrrad und andere Freiheiten kämpft, wie sie aneckt, gemaßregelt wird und wieder aufbegehrt, das bringen Reitemeier und Mansour uns frisch nahe, ohne einlullende Routine – und das Ungeheuerliche dieser Alltagsverhältnisse wird wieder spürbar.